Respektiert meine areligiösen Gefühle!

Diese Papstkarikatur verdankt die Welt keinem boshaften Atheisten, sondern vermutlich einem gläubigen Christen. Sie ist Teil der Wand- und Deckenbemalung der Kirche von Stege/Dänemark.

Da, wo ich lebe, glaubt man an die Schwerkraft, das Gute im Menschen und dass man von Politikern grundsätzlich belogen wird. Mehr Glauben braucht der Ostdeutsche im Durchschnitt nicht – drei Viertel hatten noch nie das Bedürfnis, an irgendeinen Gott zu glauben. Ich selbst könnte eher an ein gepunktetes Monster mit Rüssel glauben, das hinter der Waschmaschine lebt und Socken frisst.
Das hat Vorteile. Wir pflegen nicht aus religösen Gründen in den Krieg zu ziehen. Wir steinigen niemanden, und wir zünden auch keine Häuser an, nur weil jemand unseren Gott beleidigt hat. Wir stecken Frauen nicht in schwarze Säcke. Wir können uns kaum vorstellen, was Menschen dazu treibt, aus religiösen Gründen ihre Kinder zu verstümmeln. Wir drohen niemandem mit ewiger Verdammnis, nur weil er unsere Überzeugung nicht teilt. Und normalerweise machen wir über all das keine großen Worte. Es ist der natürliche Zustand der Welt.
Wenn man uns denn in Frieden ließe. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht irgendein CDU-Hinterbänkler  seine Existenz damit aufzuwerten versucht, dass er Arbeitspflicht für Nichtkirchensteuerzahler an kirchlichen Feiertagen fordert. Mal ganz davon abgesehen, dass nicht die Kirche die Feiertage macht, sondern ein Landesfeiertagsgesetz, ist das an Dreistigkeit schwer zu überbieten. Wer hat denn unsere Sonnenwend-, Frühjahrs- und Herbstfeste gekapert und mit Weihrauch vernebelt?  Man muss sich nur mal die Zeitspanne zwischen Mariä Empfängnis (8. Dezember) und Weihnachten (24. Dezember) ansehen, um zu merken, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Die überschwängliche Sexualität der Hasen im Frühling passt zur Hinrichtung des eigenen Gottes wie Gustav zu Gasthof, hervorragend aber zu den heidnischen Fruchtbarkeitskulten. Außerdem könnten wir mit gleichem Recht den 1. Mai nur noch Gewerkschaftern zugestehen. Ich hätte gern am 19. September frei, weil ich als Pastafari ein religiöses Nudelessen abhalten will, gern auch öffentlich und karitativ.
Bischöfe, also Vertreter einer Einrichtung, die ihren Priestern verbietet, sich zu ihren Kindern zu bekennen, wenn sie mit dem in der Bibel nirgends erwähnten Zölibat Probleme haben, setzen noch einen drauf: Erzbischof Ludwig Schick  fordert tatsächlich, Blasphemie grundsätzlich unter Strafe zu stellen. Blasphemie ist nicht nur die Schmähung, sondern
auch die schlichte Leugnung Gottes. Hoppla! Ich muss also nicht behaupten, dass Jesus schwul war, um nach dieser mittelalterlichen Idee straffällig zu werden. Es reicht, wenn ich meine, dass er der Sohn Josefs und nicht Gottes war.
An dieser Stelle wird es unübersichtlich. Behaupte ich, dass Jesus nicht Gottes Sohn war, ist es eine Blasphemie wider die christliche Religion. Behaupte ich, dass er sehr wohl Gottes Sohn war, ist es eine Blasphemie wider die Juden und Moslems, die in ihm allenfalls einen Propheten sehen. Esse ich Rindfleisch, beleidige ich die Hindus, esse ich Schwein, beleidige ich den gesamten jüdischen Religionsstammbaum. In der Bibel steht nämlich klipp und klar, dass Schweine nicht gegessen werden dürfen. Das stört die katholische Kirche samt Erbischof Schick freilich nicht. Blasphemisch wäre, wenn ich die unbefleckte Empfängnis anzweifle oder sonntags (oder sonnabends) meine Fenster putze.
Geht’s noch? Und was ist eigentlich mit der grundgesetzlich versprochenen Religionsfreiheit, die konsequenterweise bedeutet, dass man auch frei von Religion sein darf?
Was ich aber ganz und gar nicht brauche, sind Christen , die mir freundlich über den
Kopf streichen und erklären, ich hätte nur die Wahrheit noch nicht begriffen. Liebe Katholizisten, Wahrheit ist etwas, was man beweisen kann. Evolution kann man beweisen – im Falle des Birkenspanners lief sie vor kurzem vor unseren Augen ab. Glauben kann man nicht beweisen, und deshalb gibt es auch keinen Grund, Atheisten als Trottel zu behandeln, die nicht durchsehen. Und danke, ich brauche keine Religion, keine christlichen Werte, um mich anständig zu verhalten. Mir reicht im Zweifel Kants Kategorischer Imperativ. Ich habe sogar einen Sinn für mein Leben: Wenn ich die Welt für meine Mitmenschen ein wenig besser gemacht habe, bin ich zufrieden. Ich kann mich keinen Tag lang dahinter verstecken, dass dies oder das Gottes Wille war, und wenn ich Bockmist baue, dann hilft mir keine Beichte da heraus.
Wie wäre es also, wenn ihr so langsam mal Rücksicht auf meine areligiösen Gefühle nehmen würdet, die mit schöner Regelmäßigkeit von Kirchenfunktionären beleidigt werden? Wenn ihr das auf die Reihe kriegt, dann verzichte ich darauf, zu Karfreitag in hundert Meter Umkreis um eine Kirche zu tanzen oder zu singen. Was ich in atheistischen Häusern oder im weitgehend religionsfreien Jenaer Paradies tue, sollte aber bitteschön meine Sache sein. Ist das ein Angebot?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Respektiert meine areligiösen Gefühle!

  1. Loretta Cosgrove schreibt:

    Diesem Text habe ich außer vollständiger Zustimmung (aus süddeutscher Perspektive) nichts hinzuzufügen, außer: RAmen!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ah, noch ein Pastafari! Wir werden immer mehr :)

      • Loretta Cosgrove schreibt:

        Ist doch nur logisch und natürlich, dass die einzige vernunftbasierte Religion langsam aber stetig Zuwachs erfährt. Wer soll den Leuten denn sonst den Klimawandel schlüssig erklären? 8-)

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Äh, die Piratenpartei vielleicht? Die sind in ihrer demokratischen Meinungsbildung allerdings noch nicht beim Pastafarianismus angekommen. Aber sie sind zumindest in Jena ziemlich atheistisch und zuverlässige Verbündete im Kampf um städtische Bäume, also schon ziemlich klimafreundlich. Isses nicht schön, wenn eine Religion wirklich funktioniert? ;)

  2. Loretta Cosgrove schreibt:

    Die Piratenpartei hat immerhin schon mal den pastafarischen Geist im Namen, ein guter Anfang! Jetzt noch etwas weniger Gezanke um Hackbällchen und Soße, und es könnte wahrlich zu nudliger Berührung in größerem Maße kommen. Werde ich bei meiner nächsten Nudelmesse nochmal explizit vortragen :)

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