Mein erstes Mal

Die Grünanlage auf dem EichplatzVor einiger Zeit kam im Fernsehen ein Bericht, in dem Jugendliche gefragt wurden, was das wichtigste Erlebnis in ihrem Leben war. Erschreckend oft die Antwort: „Mein erstes Piercing.“
Meine Antwort hätte in diesem Alter vielleicht auch mit „Mein erstes …“ begonnen, aber danach hätte ich todsicher etwas anderes gesagt.
Aber auch jenseits der 40 ist noch Platz für erste Male. Heute: meine erste Demo.

In Jena will man den Eichplatz bebauen. Der ist zugegebenermaßen keine Schönheit, größtenteils ein innerstädtischer Parkplatz in einem desolaten Zustand. Ein Teil ist eine Grünanlage, die angeblich nur von zwielichtigen Säufern und taubenfütternden Omas genutzt wird, also armem Volk, das zu wenig konsumiert. Die Bäume belegen ohnehin nur teuren Baugrund. Deshalb will man den Platz jetzt in mittelalterlicher Enge mit neuzeitlichem Beton zubauen, jeder Quadratmeter Renditefläche. Und natürlich wird an den Heiligen Investor verkauft. Die Stadt hat sichtlich Angst, Verantwortung für ihr Zentrum zu tragen. Um die loszuwerden, sägt die Koalition aus SPD, CDU und Grünen (!) gern auch 40 Bäume ab, gesunde, 40 Jahre alte Platanen und etwas jüngere Linden.
Letzte Woche wurde bekannt, dass die Stadt bereits das dritte Bürgerbegehren abgelehnt hat – diesmal gegen den Verkauf der Fläche. Dabei hat sie nicht nach dem Wortlaut entschieden, sondern nach der vermuteten eigentlichen Absicht des Begehrens – eine rechtliche Konstruktion, die mir neu ist.
Ich war sauer.

Am Donnerstag rief mich mein Kollege Ralph Lenkert an. Der sitzt leider nicht mehr am Schreibtisch neben mir, sondern im Bundestag (verdammt, ich habe ihn selbst gewählt. Klassischer Interessenkonflikt). Wir regten uns auf. Das ist ungesund. Man kann einen Herzinfarkt bekommen. Also beschlossen wir, andere aufzuregen: Demo vor dem Rathaus am Mittwoch, denn da war Stadtratssitzung.
Was folgte, war ein organisatorischer Irrsinn, weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, die Linken, die Studentenpartei „Die Guten“ und die Piraten zusammen zu bringen, außerdem die Bürgerinitiative, die schweigende Mehrheit, geradezu jeden. Dafür meldete ich auch die allererste Demo meines Lebens an – „100 % Demokratie für den Eichplatz“. Das heißt, ich meldete natürlich keine Demo an, sondern einen Aufzug. So heißt das im Bürokratendeutsch. Ich lernte, dass Aufzüge nicht genehmigt werden. In diesem Fall gilt: Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Das Jenaer Bündnis gegen Sozialabbau versorgte uns mit Mikrophon und Lautsprecher.

Ich erzählte den Leuten, was wir wollen:
100 % Beteiligung bei der Bürgerbefragung. Die Stadt will nur ausgewählte 15000 Bürger befragen – von 80000 Wahlberechtigten. Warum sollen die restlichen 80 % nicht gefragt werden, wie sie sich das Zentrum ihrer Stadt für die nächsten 50 oder mehr Jahre wünschen?

Alle Fakten auf den Tisch. Es gab eine Fachjury, die die einzelnen Konzepte bewertete. Man weiß, dass die 9:2 für das Konzept von jenawohnen stimmte. Man weiß nicht, wie das Ergebnis für OFB und den Einkaufszenter-Konzern ECE aussah. Das ist geheim. Ebenso geheim wie das Einzelhandelskonzept der Stadt, obwohl das Beachtung verdient. Vor zehn Jahren kam die GfK Geomarketing in einer Studie zu dem Schluss, das Jenaer Zentrum vertrüge noch 15000 m² zusätzliche Einzelhandelsfläche. Davon wurden 5000 m² in der Neuen Mitte gebaut. Weitere 2000 m² entstehen gerade in den Sonnenhöfen. Von den verbleibenden 8000 m² will die Stadt 16000 m² auf dem Eichplatz und weitere 10000 m² auf dem Inselplatz bauen lassen. Wer in Mathematik aufgepasst hat, runzelt an dieser Stelle die Stirn. Ich fürchte, die Randlagen des Zentrums werden veröden, an Nicht-Markttagen sogar der Markt.

Kein Verkauf der Fläche. Erfahrungen in anderen Städten zeigen, dass Investor ECE durchaus nicht immer baut, was ursprünglich geplant war. In Kaiserslautern etwa hat man aus Kostengründen das dekorative gläserne Attrium gestrichen und baut jetzt rechtwinklig und gerade. Wenn dem Konzern die Fläche erst einmal gehört, dann kann die Stadt kaum noch Einfluss nehmen – wenn sie denn wöllte.

Nach mir sprachen Jens Thomas von den Linken, Frank Cebulla von den Piraten und Andreas Mehlich, der Sprecher der Bürgerinitiative „Mein Eichplatz“. Die zwangsweise vorbeikommenden Stadträte sahen teilweise recht verkniffen aus, aber später beschlossen sie ungeachtet der Proteste der Opposition die repräsentative Befragung. Mein erstes Mal war kein durchschlagender Erfolg, aber ein Misserfolg nun auch nicht. Einerseits haben wir es ins JenaTV (in der Mediathek vom 26. April 2012) geschafft, und andererseits haben wir einander versichert, dass wir nicht allein sind. Und ich fress einen Besen, dass nach der Wahl 2014 statt der grünen Baumfäller die Jungs mit der Piratenfahne im Stadtrat sitzen.

PS: Wir haben noch nicht aufgegeben.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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