Heute ein Pirat

Nein, ich beginne nicht mit der Aufzählung der üblichen Piraten-Klischees. Sondern damit: Wie jeder Pastafari weiß, brauchen wir viel mehr Piraten, um die Erderwärmung aufzuhalten. Das fiel mir ein, als ich den politischen Geschäftsführer der Jenaer Piraten ausgerechnet bei einer Diskussion über Bäume kennenlernte. Über Bäume, die gefällt werden sollten. Allerdings begegneten wir uns stilecht im Internet …
„Das ist Heidrun. Sie ist keine Piratin, liegt aber voll auf unserer Linie“, stellt er mich der AG Kommunalpolitik vor. Keiner stellt das in Frage. Interessierte Bürger sind willkommen.
Verblüffend geht es weiter. Nein, wahrscheinlich habe ich den Altersdurchschnitt nicht nennenswert erhöht. Die Piraten sind keine IT-Studenten, sondern allem Anschein nach die Mitte der Gesellschaft. Keiner würde aus Anlass einer Anti-Nazi-Demo ihre Personalien kontrollieren – außer bei Holger mit den langen Haaren vielleicht. Die erste Getränkerunde geht 5:3 an die Alkoholfreien: Club Mate, Milchshake, drei Tee, drei Bier.
Einigkeit herrscht bei den Themen Bürgerbeteiligungssatzung (Ja, die sollte die Stadt unbedingt haben), Multifunktionsarena (Nein, die braucht man nicht. Warum stellt niemand die Frage, was die Fußballfans von einem Konferenzraum unter der Tribüne haben? Und woher will die Stadt das Geld nehmen?) und Bebauung des Eichplatzes (Alles läuft auf den Großkonzern ECE hinaus, die Stadt simuliert Demokratie). Nur ob man sich an Bäume anketten soll, wenn die Bagger anrücken, wird nicht ernsthaft diskutiert. Da sind sie wieder, die Bäume.
Die Fetzen fliegen erst später, als man auf das Thema Urheber- bzw. Verwertungsrechte kommt. Nein, da sind sich die Piraten gar nicht einig und beschimpfen einander wahlweise als Überwacher und Schmarotzer. Das ist witzig, denn das ist das einzige Thema, bei dem die Öffentlichkeit zu wissen glaubt, was die politischen Neulinge wollen.
Und nun? Was Kommunalpolitik betrifft, haben die Piraten überzeugend vernünftige und klare Vorstellungen. Sie wollen mehr Demokratie – das klingt nach 1989 (ja, auch die Kommunalwahl 1989 ist kurzzeitig ein Thema). Sie leiden an der üblichen „Man müsste mal“-Krankheit, aber auch nicht mehr als andere Parteien. In zwei Jahren wollen sie mit 12 Mann im Stadtrat sitzen. Damit wären sie die stärkste Fraktion. Im Moment kommt mir das nicht einmal komisch vor.
Die FDP einigt sich derweil auf die Sprachregelung, die Piraten seien „Linkspartei mit Internetanschluss“, ein offensichtlich verzweifelter Versuch, ihnen endlich ein Igitt-Image zu verpassen, da sich die Wähler vom Etikett „Chaoten“ nicht abschrecken lassen. Meine Güte, geht’s noch uncooler?

Ich denke darüber nach, am Wochenende zum Gulasch Nudeln zu kochen – wegen der Erderwärmung. Dem Fliegenden Spaghettimonster zur Freude.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Heute ein Pirat

  1. Frank Cebullla schreibt:

    Hallo Heidrun, habe gerade durch Zufall deinen Blogpost über deinen Besuch bei uns Piraten gelesen und mich darüber gefreut. Ob Pastafari wirklich die piratengenehme Religion ist, muss noch in diversen basisdemokratischen Meinungsbildern geklärt werden 😉 ebenso natürlich das Anketten an die Bäume. Am Donnerstag, den 21.6. ist das nächste Treffen anberaumt, wie immer halb acht in der Quergasse. Fühl dich herzlich eingeladen!

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Über den Zufall müssen wir bei Gelegenheit mal reden – bis jetzt ist es ein Mysterium für mich, wie sich wer auf diese Seite verirrt.
    Aber der Pastafarianismus ist definitiv die piratenfreundlichste Religion der Welt. Und mit den Glaubensgrundsätzen solltet Ihr jedenfalls kein Problem haben, etwa mit diesem:
    „Mir wär’s wirklich lieber, Du würdest nicht Multimillionendollar-Kirchen, Moscheen, Tempel, Schreine für Meine Nudlige Güte erbauen. Das Geld kann man nun wirklich sinnvoller anlegen. Sucht euch etwas aus:
    – Armut zu beenden
    – Krankheiten zu heilen.
    – in Frieden leben, mit Leidenschaft lieben und die Kosten von Kabelfernsehen senken.
    Mag ja sein, dass ich ein komplexes, allwissendes Kohlenwasserstoffwesen bin, aber ich mag die einfachen Dinge im Leben. Ich muss es wissen, ich bin der Schöpfer.“
    Mit Commons scheint seine Nudlige Güte jedenfalls perfekt verträglich, und Nudeln sind auch ein Gericht, das man prima in der Gruppe vom Blech futtern kann. Sehr demokratisch.

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