Gott schlägt zurück

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Am Freitag verkündete ich auf dem Scifinet leichtsinnig, dass ich es für völlig normal halte, ohne Gott und Religion zu leben. Damit bin ich eine ziemlich durchschnittliche Ostdeutsche: Fast drei Viertel meiner Altersgenossen sagen von sich, noch nie an Gott geglaubt zu haben. Nach der Wiedervereinigung barmten die Sektenbeauftragten der staatlich unterstützten Kirchen, nun würden im Osten ob des religiösen Vakuums allerlei dubiose Psychosekten einziehen und sich breitmachen. Das ist bislang nicht passiert. Die Mehrzahl der Ostdeutschen glaubt heute, dass der Sprit nächstes Jahr noch teurer sein wird und Politiker vor allem ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. So ungefähr jedenfalls.
Am Sonnabend ging Gott zum Gegenangriff über: In der Fußgängerzone wurden wir von bücherverteilenden christlichen Missionaren angesprochen. Die stehen da immer, aber sonst haben sie sich darauf beschränkt, einen vorwurfsvoll anzusehen.
Am Montag – ich war gerade beim Kuchenbacken und hatte keinen Sinn für Philosophie – klingelte es. Zwei Frauen standen vor der Tür: eine junge, die sich krampfhaft an einer Bibel festhielt und milde lächelte, und eine füllige ältere, die den krankhaften Optimismus von Versicherungsvertretern ausstrahlte. Sie wollten mit mir über die Bibel reden und darüber, dass Gott die Antworten auf meine Fragen hat. Ich war beim Kuchenbacken. Ich fragte mich, ob ich den Teig mit dem Rhabarber vorbacken sollte oder gleich Pudding und Eischnee draufpappen. Das sagte ich aber nicht.
Ich sagte, ich hätte kein Interesse. Das half nicht. Ich sagte, ich hätte – danke der Nachfrage – die Bibel gelesen, und wöllte genau deshalb nichts mit diesem Gott zu tun haben. Das halbe Alte Testament ist eine Aufforderung zu Gemetzel an Andersgläubigen, und Gott schilt sein auserwähltes Volk, weil es nicht auch noch Frauen und Kinder ermordet hat. Aus der Bibel läuft literweise Blut. Das verblüffte die Gottesvertreterin sichtlich. Wahrscheinlich kommt es nicht oft vor, dass jemand mit Bibelzitaten argumentiert. Das Lächeln aber wich nicht aus dem Gesicht. Ihr Gegenargument kannte ich bereits: Gott hätte seine Gründe gehabt, diese Kriege zuzulassen. Nein, von Zulassen kann keine Rede sein – er hat die Israeliten in den Krieg gehetzt. Das kann man nachlesen. Weil die Philister nicht an ihn glaubten. Ich mag Kriegstreiber nicht.
Schließlich versuchte die Frau, mir die Auferstehung und ein Leben nach dem Tode zu verkaufen, nannte die Hoffnung darauf wissenschaftlich begründet. Wissenschaftlich? Ich glaubte, etwas an den Ohren zu haben. Ich bin Physiker. Ja, meint sie, auch viele Physiker seien gläubig gewesen. Ganz so, als sei es über Jahrhunderte nicht lebensgefährlich gewesen, kein Christ zu sein.
Eigentlich wollte ich Kuchen backen. Ich verzichtete also auf das Gethsemane-Paradoxon, das ich Philip Pullman verdanke, auch auf die 10 Es-wäre-mir-wirklich-lieber und nahm schließlich ein „Erwachet!“ zum Thema Intelligent Design. Darwin wäre ein schönes Thema, aber der Rhabarber wartete. Ein Wunderwerk der Evolution.
Natürlich ist der Kuchen daneben gegangen. Das nächste Mal wird vorgebacken. Das ist Wissenschaft: These – Experiment – Auswertung. Oder vielleicht war es Gottes kleinliche Rache, und eigentlich funktioniert auch nichtvorgebackener Kuchen.
Mittwoch: Ein Haufen Grüne-Abgeordnete und katholische Fundamentalisten fordert eine Sondersteuer für Leute, die keine Kirchensteuer zahlen. Als nächstes wird wieder einer verlangen, dass wir am Feiertag arbeiten, und dabei sind unsere Feiertage von der Kirche gekapert worden. Die trinkenden Männerhorden am Himmelfahrtstag sind zwar auch nicht gerade ein Beitrag zur Kultur, aber an ihnen sieht man, was da eigentlich gefeiert wird. Mit Feldumgängen und -ritten baten die alten Germanen früher um Fruchtbarkeit und gute Ernten. Wir Atheisten feiern die Auferstehung der Natur. Sogar der bis zu den Wurzeln zurückgefrorene Sommerflieder treibt wieder aus – wenn das kein Grund ist.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Gott schlägt zurück

  1. Oliver schreibt:

    Vielen Dank für diesen guten Beitrag! Ich habe mir erlaubt, ihn zu twittern. Grüsse ins schöne Jena! Oliver

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Grüße zurück! (Wohin eigentlich? In die Schweiz?)
    Manche Dinge müssen einfach raus …

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