Kein Marathon für mich

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Es soll Leute geben, die Marathon laufen und sich wohlfühlen dabei. Es soll auch Leute geben, die am Iron Man teilnehmen und es überleben.
Ich gehöre nicht dazu. Ausdauerläufe habe ich schon zu Schulzeiten von Herzen gehasst. Dass ich trotzdem immer ziemlich weit vorn ins Ziel und irgendwie zu einer Eins kam, hatte nichts mit Spaß zu tun, sondern mit Sturheit.
Als ich vor zwei Jahren feststellte, dass ich zu oft auf dem letzten Loch pfiff, beschloss ich Maßnahmen. Ich war seit fast zwanzig Jahren nicht mehr herumgerannt – außer zum Zug vielleicht. Sturheit hilft. Am Anfang war es die Hölle, aber es gelang mir, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich den wöchentlichen Foltertermin ausließ.
Als unsere Sekretärin mit der Idee kam, am Jenaer Firmenlauf teilzunehmen, dachte ich einen Moment: Fünf Kilometer sind verdammt lang. Und dann: Zu irgendwas muss es ja gut sein, wenn man trainiert. Feigheit zählt nicht. Ich habe zugesagt, ehe ich die Sache zu Ende gedacht hatte.
Da stand ich dann: nicht nur die einzige Frau der Firma, sondern auch die Älteste der Mannschaft. Das Thermometer zeigte 29°C. Die Sonne stand niedrig, schien aber genau auf die Strecke. Das geht schief, dachte ich.
Und lief. Nach zwei Kilometern war ich am Verdursten. Der Weg entlang der Leutra, gewöhnlich kühl und feucht, war knochentrocken. Eine Staubwolke stand darüber, als sei eine Büffelherde durch die Prärie gerast. Die Stadt war ein Backofen. Zu viele Leute überholten mich noch auf der ersten Runde. Aber dann, 34 Minuten und 16 Sekunden später, war es vorbei. Ich war immer noch am Verdursten, und Schweiß rann mir an ungeahnten Stellen herunter. Ich hatte überlebt. Ich war nicht die Letzte. Außerdem war ich all denen davongelaufen, die es gar nicht erst versucht hatten – die schnellste Frau der Firma.
Und da wir einmal so weit sind, noch ein paar Gründe, warum man trotz allem laufen sollte:

  • weil es eine billige und relativ ungefährliche Methode ist, etwas für die Gesundheit zu tun
  • weil nach einem halben Jahr die Knie danach nicht mehr weh tun und man nicht mehr stundenlang herumhustet (ja, das ist gut!)
  •  weil man regelmäßig in die Natur muss dazu (keine Laufbänder! Auf keinen Fall) und die Gegend so schön ist, wenn auch mit zu vielen Bergen gesegnet
  • weil man ein völlig neues Verhältnis zum Wetter entwickelt. Nieselregen ist nicht halb so unangenehm wie Schneematsch, der den Füßen keinen Halt bietet, und Frost ist gar nicht schlecht.
  • weil es gut für das Selbstbewusstsein ist, zumindest wenn man danach nicht sofort in einen Spiegel schaut
  • weil ich unterwegs Vorkommen von ungenutzten Pflaumen, Äpfeln, Kornelkirschen, Schlehen und Ebereschen entdeckt habe
  • weil man hinterher ohne schlechtes Gewissen Schokolade essen kann
  • weil es, verdammt nochmal, Spaß macht.

Echt wahr. Aber es dauert. Ungefähr anderthalb Jahre. Bis dahin hilft nur Sturheit.

PS: Das Foto stammt ausnahmsweise nicht von mir (ich musste ja den Wasserbecher festhalten), sondern von Beate Hager, die gnadenlos draufgehalten hat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Kein Marathon für mich

  1. Steffen Much schreibt:

    Na das ist ja interessant,auch ich war beim Lauf dabei(DEBEKA) und wäre auch gern beim SF-Treff dabeigewesen,war aber zum Rennsteiglauf(;-)),wenn GMR mal seinen Termin besser legt,komme
    ich mit! Von Eisenberg aus ist es ja nicht so weit-sollte sich in Jena und Umgebung was SF-mäßig tun,bitte melden!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das naechste Mal schreibe ich einen Artikel fuer jenapolis, wenn Gerd-Michael das nicht tut. Dann koennen es zumindest die regelmaessigen Leser dort wissen. Aber gegen Rennsteiglaeufe kann das nicht anstinken …
      Ich bin wahrscheinlich sehr viel weiter hinten gelaufen 😦

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