Wie wir alle Pazifisten wurden – eine Replik auf Gauck

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Bundespräsident Joachim Gauck hat bei der Bundeswehr eine Rede gehalten. Sie verlangt eine Gegenrede, denn sie war etwas Ungeheuerliches: ein klares Plädoyer für deutsche Kriege im Ausland.
„Die Bundeswehr auf dem Balkan, am Hindukusch und vor dem Horn von Afrika, im Einsatz gegen Terror und Piraten – wer hätte so etwas vor zwanzig Jahren für möglich gehalten? Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, … haben einen Anspruch darauf, dass wir, die Zivilen, uns bewusst machen, was Ihnen abverlangt wird und welche Aufgaben wir von Ihnen in der Zukunft erwarten.“
Voller Stopp. Als Zivilist muss ich an dieser Stelle heftig widersprechen: Nein, ich erwarte von keinem deutschen Soldaten, dass er in Afghanistan Leute erschießt. Definitiv nicht. Und nein, ich hätte vor 20 Jahren wirklich nicht für möglich gehalten, dass deutsche Soldaten mit Gewehren in die Welt hinausziehen. „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ – das habe ich damals für selbstverständlich gehalten. Ich war 26 Jahre alt und 25 davon in der DDR aufgewachsen.
Aber die ist für Gauck ja auch der Anlass, sich herzlich über die Bundeswehr zu freuen, die so viel demokratischer ist mit ihren völker- und grundgesetzwidrigen Auslandseinsätzen als die Nationale Volksarmee, die niemals irgendwo Krieg geführt hat. Natürlich schlägt er auch gleich noch auf die Schule der DDR ein: an „Militarisierung unserer Schulen, an die Erziehung zum Hass …“ glaubt er sich zu erinnern. Ich bin in diese militarisierte Schule gegangen; ich weiß, wovon ich rede. Wenn man die Deutschen fragt, was sie von Auslandseinsätzen der Bundeswehr halten, dann sind inzwischen mehr als 60 Prozent dagegen – und regelmäßig etwa 85 Prozent der Ostdeutschen. Wie verträgt sich dieser Pazifismus mit der Erziehung zum Hass?
„Kleine weiße Friedenstaube“ war eines der ersten Kinderlieder, die ich in der Unterstufe lernte. Meine alten „Bummi„-Hefte habe ich nicht mehr, aber es war viel von Freundschaft mit allen Kindern der Welt und Solidarität die Rede. Die Pionierorganisation, die gern als Beleg für die militärische Abrichtung der Kleinsten herangezogen wird, hatte einen Gruß: „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“ Wohlbemerkt, der Frieden stand an erster Stelle vor dem Sozialismus. Sie haben uns keine Chance gelassen. „Lieber bis ans Lebensende trocken Brot essen als noch mal Krieg“ – das predigten unsere Lehrer. Ich glaube, sie haben jedes Wort so gemeint.
Und der Wehrkundeunterricht, was ist mit dem? Ich gehörte zum ersten Jahrgang, der in der neunten Klasse in Wehrkunde unterrichtet wurde, und es hat uns tief verstört. Nein, schießen haben wir nicht gelernt, stattdessen das Verbinden offener Knochenbrüche, das Enträtseln von Sirenensignalen, den Aufbau von Zelten aus Armeedecken und die Vorbereitung auf Atomschläge. Für alle, die nicht in diesen Genuss gekommen sind, hier eine Liste der Dinge, die man tun sollte, bevor die Atombombe fällt:

  • Dachbalken weiß kalken (erschwert die Entzündung)
  • Fenster kreuzweise mit Papierstreifen bekleben und ebenfalls weiß streichen (gegen Splitter und zur Reflexion des Lichtblitzes)
  • Badewanne voll Wasser lassen und mit Folie abdecken (wer weiß, wann es wieder Wasser gibt)
  • Konserven einkaufen (wer weiß, wann …)
  • einen halbmeterhohen Erdwall vor den Kellerfenstern aufschütten (Schutz vor Druckwelle und Radioaktivität)
    im Keller einen Schutzraum einrichten mit Schlafmöglichkeiten, batteriegetriebenen Lampen, Kochmöglichkeit, Spielzeug für Kinder …

Wenn man weiß, dass die Mittelstreckenraketen aus dem Westen Deutschlands in weniger als einer Viertelstunde in Sachsen gewesen wären, dann ahnt man, wie viel von dieser Liste man zuvor abarbeiten hätte können. Wenn man weiß, dass Radioaktivität sich über Jahrtausende im Boden hält, weiß man, wie gut die Chancen für ein dauerhaftes Überleben standen. Als der Schock einem schützenden Zynismus gewichen war, sagten wir: „In Ruhe einen Kaffee kochen und trinken, so lange man es noch kann.“
Nein, wir hielten es für völlig unmöglich, dass deutsche Soldaten zu Gewehren greifen könnten, um in anderen Ländern Kriege zu führen. Nicht nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieges. Wir hatten in Dresden noch die Ruinen gesehen. Wir wussten von unseren Eltern, dass der Himmel rot war, als das zwanzig Kilometer entfernte Chemnitz brannte. Zweimal im Jahr belehrte man uns über den Umgang mit Fundmunition – weil der Tod noch im Boden und im Fluss Chemnitz lag. Es war zu schrecklich, um es zu wiederholen.
Wir haben uns geirrt.

Aber trotzdem, Herr Gauck, haben Sie kein Recht, von „wir, die Zivilen“ zu reden. Sprechen Sie von sich. Sprechen Sie von der deutschen Rüstungsindustrie, Nummer 3 der Weltrangliste. Sprechen Sie vom Zugang zu Rohstoffen, nicht von Freiheit. Oder halten Sie einfach die Klappe.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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21 Antworten zu Wie wir alle Pazifisten wurden – eine Replik auf Gauck

  1. Paul schreibt:

    Hallööchen Heidrun, in welcher DDR hast Du gelebt?
    In meiner DDR gehörte der Hass auf die Feinde und damit waren selbstverständlich die bösen Kapitalisten gemeint zum gesellschaftlichen Alltag.

    Das 10. Gebot der „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“ lautete:
    „Du sollst Solidarität mit den um nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völkern üben.“

    Genau diesen Auftrag hat die Bundeswehr bei ihren Auslandseinsätzen.

    Eine Bekannte von mir war Stewardess bei der Interflug. Mit zivilen Passagiermaschinen wurden Waffen in Moskau abgeholt und nach Afrika geflogen. Sie musste dabei mitmachen.

    Mal Dir nur Deine DDR schön. Wie war das noch mit Pippi Langstrumpf?

    Auch was Du zum Wehrkundeunterricht schreibst trifft nicht den vollen Sachverhalt. Was Du schreibst galt nur für Mädchen.
    Ansonsten lies bitte hier
    http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Wehrkundeunterricht
    und hör auf die DDR schön zu malen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich habe in der DDR von 1965 bis 1990 gelebt. Die war in einigem anders als die der 50er Jahre, so wie auch die Bundesrepublik von 1955 in vielerlei Hinsicht nicht mehr mit der von heute vergleichbar ist.
      Aus eigener Anschauung (die heute beim Thema DDR erschreckend wenig gilt) kann ich sagen, dass bei uns jedenfalls die ganze Klasse gemeinsam Wehrkundeunterricht hatte – keinerlei Trennung in Jungs und Mädels. Und ich weiß, dass wir hinterher alle gesagt haben: Das darf einfach nicht passieren. Uns war klar, dass im Falle eines Krieges von Deutschland nichts übrig sein würde – Ost und West.
      Ja, wir haben später auch getrennte Ausbildungen gehabt, etwa während des Studiums. Da wurden die Reservisten regulär für 6 Wochen zum Militär eingezogen, während der Rest eine Ausbildung bei der Zivilverteidigung machte. Der Gegenstand war „Retten und Bergen“, die Anwendungsbeispiele Brand in der Teppichfabrik, Eisenbahnunglück, Erdbeben, also klassische Einsatzgebiete des Technischen Hilfswerkes. Das war zwar lästig, aber ich habe den Sinn durchaus eingesehen. Bei zivilen Unglücken hätte man quasi überall auf gut ausgebildete Rettungskräfte zurückgreifen können.
      Es ist ein historischer Fakt, dass die NVA die einzige deutsche Armee war, die nie einen Krieg geführt hat. Es hat dafür auch keinerlei Pläne gegeben. Hätte es sie gegeben, dann hätten wir das in den letzten 22 Jahren zweifellos gehört. Es hat uns auch nie irgendjemand in der Schule nahezubringen versucht, dass wir mit der Waffe in der Hand in Westdeutschland oder sonstwo auf der Welt den Sozialismus einführen sollen. Im Gegenteil, ich erinnere mich an die Erklärung, die einfachen Arbeiter im Westen, in den USA oder sonstwo auf der Welt seien keinesfalls unsere Feinde – was ich bei näherer Bekanntschaft bestätigt fand.
      Feinde, das waren die Kriegstreiber. Ja, wir haben Solidarität z. B. mit Vietnam geübt, und die Vietnamesen sind uns dafür bis heute dankbar, wie man etwa im Buch meines Autorenkollegen Frank Quilitzsch (http://www.amazon.de/Hanoi-meine-Liebe-Frank-Quilitzsch/dp/3874101150/ref=sr_1_8?ie=UTF8&qid=1340030010&sr=8-8) lesen kann. Sicher hat sich die DDR dabei auch Waffen geliefert, obwohl sie sich immer mehr auf zivile Dinge konzentriert und das Militärische eher der Sowjetunion überlassen hat.
      Dazu passt, dass unsere derzeitige Regierung gerade eine Panzerlieferung an Saudi-Arabien vorbereitet, nicht weniger als 400 Panzer, die auch zur Aufstandsbekämpfung geeignet sind. Saudi-Arabien wird bis heute von einer Erbmonarchie regiert, und Frauen dürfen da nicht einmal Auto fahren (und natürlich nicht wählen). Wenn das die Unterstützung von Freiheitsbestrebungen sein soll …
      Man kann der DDR sicher vieles vorwerfen, aber gewiss nicht Aggressivität nach außen. Die Fakten sprechen dagegen. Und es ist ein immer wieder bestätigter Fakt, dass die Bevölkerung im Osten Deutschlands pazifistischer ist als im Westen. Ich hasse den Krieg, keine Menschen.

  2. Paul schreibt:

    Ich habe in der DDR von 1949 bis 1990 gelebt.
    Interessant ist, dass Du zum Lehrplan des Wehrkundeunterrichts an Schulen nichts schreibst. Es kann sein, dass aus irgendwelchen Gründen der Lehrplan manchmal nicht eingehalten wurde. Habe meine jungen Freunde gerade noch einmal befragt. Die haben mir bestätigt, dass sie im Rahmen des Wehrkundeunterrichts schießen mussten. Aber nur die Jungs.

    Deine Bemerkung…
    „Und es ist ein immer wieder bestätigter Fakt, dass die Bevölkerung im Osten Deutschlands pazifistischer ist als im Westen.“
    … ist zunächst eine durch nichts unterlegte Behauptung. Bin gespannt welche belastbaren Quellen Du mir zum Beweis des Behaupteten nennen kannst.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Zum Lehrplan kann ich natürlich nichts sagen – ich war Schüler, nicht Lehrer! Aber zu dem, was ich in meinem Artikel schon geschrieben habe, fällt mir dann noch der Komplex „Orientierung im Gelände“ ein: Karte und Kompass, ohne Karte und Kompass, Entfernungen schätzen, … Definitiv hat nie irgendjemand versucht, uns zum Überfall auf irgendein Land des Westens zu motivieren. Ich will nicht ausschließen, dass irgendwo in der DDR auch mit dem Luftgewehr geschossen wurde – ich war ja nicht überall, sondern nur in meiner Schule. Da der wegen seines martialischen Namens so gern angeführte Wehrkundeunterricht erst 1981 eingeführt wurde, können den aber gar nicht so viele DDR-Bürger gehabt haben – nicht mehr als neun Jahrgänge.
      Zu anderen Anlässen hatte ich schon mal ein Luftgewehr in der Hand. Da gab es so eine Art sommerlichen Biathlon mit Geländelauf und Luftgewehrschießen. Als leidenschaftlicher Sportler war ich da zu Ehren der Schule dabei. Das war Sport, keine Kriegsvorbereitung. Angesichts des heutigen Sportschützen- und Jägerunwesens, wo Hinz und Kunz echte Gewehre und Pistolen zu Hause haben darf, scheint mir das reichlich harmlos. Ja, ich habe auch an der Schießbude auf Blümchen geschossen und mit Schnippgummis auf Zielscheiben.
      Die Ablehnungszahlen der Kriegseinsätze in Ost und West habe ich in der Tageszeitung gelesen. Die ist den Weg aller Zeitungen gegangen: in die blaue Tonne. Das heißt, die hundertprozentig guten Zahlen habe ich nicht zur Hand. Aber Beispiele:

      http://aussen-sicherheitspolitik.de/6787/bundeswehr/umfrage-einsatz-der-bundeswehr
      „Geht es um die Erfüllung von NATO-Verpflichtungen, gibt es Diskrepanzen. Insgesamt sind 60 Prozent der Befragten dafür, aber Ostdeutsche sprechen sich mit 43 Prozent weitaus weniger für diese Zielsetzung aus (West: 64 Prozent).“ (zitiert nach Forsa)

      gänzlich unverdächtig: Der Bericht 90 der Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr:
      http://www.sowi.bundeswehr.de/portal/a/swinstbw/!ut/p/c4/DccxDoAgDADAt_iBdnfzF-pigFRswJZQhO9Lbjo8cRLXObrGKi7jjkfg1Q-w5C8bLNZmbq2lKlh4BtUCL7F8EsFTV8oJS9qWH6fMU5I!/
      „Frage: „Sollten die Ausgaben für die Verteidigung in Zukunft erhöht werden, sollten diese verringert werden oder sollten sie gleich bleiben?“ (Angaben in Prozent)
      Sollten erhöht werden: 20 % Ost, 29 % West
      sollten verringert werden: 21 % Ost, 17 % West“
      Der Bericht stammt von 2009. Zu dieser Zeit kann man davon ausgehen, dass die ostdeutsche Bevölkerung bis 25 Jahre wenig bis gar nicht in Sachen Krieg und Frieden von der DDR geprägt wurde. Befragt wurden Personen ab 16 Jahre.

      Auch die FAZ hat eine Zahl beizusteuern:
      http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/allensbach-umfrage-wird-deutschland-am-hindukusch-verteidigt-1985011.html
      Die Ostdeutschen halten die Beteiligung am Afghanistan-Krieg zu 66 % für einen Fehler, die Westdeutschen zu 57 % (zitiert nach Allensbach).

      Diese Zahlen scheinen mir schon für eine generelle ostdeutsche Unlust am Krieg zu sprechen. Dass trotzdem ein überproportionaler Anteil ostdeutscher Soldaten in Afghanistan ist? Die Bundeswehr-Studie nennt als einen der wichtigsten Beweggründe „sicherer Arbeitsplatz“ (sicher ist relativ. Ich halte es für einen äußerst gefährlichen Arbeitsplatz). Außerdem sind diese jungen Männer überwiegend im vereinigten Deutschland aufgewachsen, sind also nicht unbedingt ein Beleg für die Wirkung des DDR-Bildungswesens.

      Insgesamt sind inzwischen mehr als zwei Drittel der Deutschen in Ost und West gegen eine weitere Beteiligung am Krieg im Nahen Osten. Das halte ich für einen hoffnungsvollen Ansatz.

  3. Paul schreibt:

    Zum Wehrkundeunterricht habe ich Dir etwas verlinkt. Brauchst Du doch bloß mal zu lesen. Vielleicht hat sich Eure Schule nicht daran gehalten. Meine Befragung jüngerer Freunde hat, mindestens für Berlin, etwas anderes ergeben. In Berlin wurde der Lehrplan eingehalten. Zivilschutz gab es nur für Schülerinnen. Schüler, die nicht bestimmte gesundheitliche Voraussetzungen erfüllt haben waren ebenfalls vom Wehrlager befreit.
    Ach so, geschossen und exerziert wurde dort mit Kleinkalibergewehren. Die Sturmbahn musste man auch überwinden.
    Für die POS gab es Wehrkunde ab 1.9.1978 (9. und 10. Klasse). In der EOS ab 1981 für die 11. Klasse.
    Warum versuchst Du eigentlich diese Fakten wegzureden?

    Zu den statistischen Erhebungen und ihre Trennung in Ost und West habe ich eine sehr kritische Einstellung. Nicht nur zu diesen, sondern zu jeder.
    Ungenauigkeiten sind schon deshalb gegeben, weil wir doch eine ziemliche Durchmischung haben. Also DDR-Bürger sind in den Westen gezogen und Bundesbürger in den Osten. Dieser Fakt wird nicht gewichtet.
    Auf einen Umstand hast Du selber hingewiesen:
    „Der Bericht stammt von 2009. Zu dieser Zeit kann man davon ausgehen, dass die ostdeutsche Bevölkerung bis 25 Jahre wenig bis gar nicht in Sachen Krieg und Frieden von der DDR geprägt wurde. Befragt wurden Personen ab 16 Jahre.“
    Woher kommt dann der Unterschied im Befragungsergebnis?
    Gibt es solche Unterschiede auch zwischen den Bundesländern?
    Was hat das mit der DDR zu tun?

    Eine Meldung, die heute im Fernsehen war, hat mich zu folgender Frage angeregt.
    Weshalb haben rechte Gruppierungen bis hin zu den sogenannten Neonazis im „Osten“ einen stärkeren Zulauf als im „Westen“? Hat das auch etwas mit der Erziehung in der DDR zu tun?

    Ich halte es für abgebracht diese Termini beiseite zu lassen und nicht künstlich zu konservieren um, aus welchen Gründen auch immer, eine Teilung Deutschlands fortzuschreiben.

    Das ist mein erstes Anliegen.

    Mein zweites ist, man sollte die DDR nicht schönschreiben. Sie war eine Diktatur und Menschen mit anderer Auffassung hatten auch ganz schön zu leiden.
    Jedenfalls ist meine Lebensplanung durch den 13. August völlig durcheinander geraten. Ich sehe das aber ohne Groll.
    Übrigens, wegen der „Sippenhaft“ konnten meine Kinder, die etwa so alt sind wie Du, nicht studieren.
    Es ist wie es ist.
    Durch Jammern und Klagen wird es nicht besser.
    Aber ich werde mich, solange ich lebe, dagegen wehren, wenn versucht wird es wegzuschreiben.

  4. Heidrun Jänchen schreibt:

    Ob jemand studieren durfte oder nicht, ist ein ganz anderes Thema als Krieg und Frieden. Ich habe oben geschrieben, dass man der DDR sicher vieles vorwerfen konnte – aber eben nicht Kriegstreiberei. Es ist ein Fakt, dass die DDR keinen einzigen Krieg geführt hat – warum versuchst Du, das wegzuschreiben?
    Und nochmal die Wehrkunde: Die gab es 1981 auch an der EOS. Ich gehörte nicht nur zum ersten Wehrkunde-Jahrgang, sondern auch zum letzten, der die EOS in der 9. Klasse begann. Das in der 11. Klasse hieß „Vormilitärische Ausbildung“ oder auch „GST-Lager“ und wurde tatsächlich nach Geschlechtern getrennt absolviert. All die Sonntagsredner beziehen sich aber auf die Wehrkunde, weil es so viel schlimmer klingt, dass schon 15jährige eine militärische Ausbildung hatten. Das klingt nach Kindersoldaten – und ist Unsinn. Wie gesagt: Wir sind als verbohrte Pazifisten da rausgegangen. Krieg macht nichts besser, daran glaube ich bis heute.
    Die Unterschiede zwischen West und Ost kann man natürlich leugnen. Man kann aber auch mal in ein Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes schauen und staunen. Nahezu alle Fakten, die mit Landkarten nach Kreisen aufbereitet wurden, zeigen eindeutig die frühere Ost/West-Grenze. Ich hatte das so deutlich nicht erwartet, aber von Arbeitslosigkeit bis zur Anfahrtszeit von Rettungsfahrzeugen – nichts ist einheitlich in diesem Land. In der Leiharbeit liegen die Einstiegs(tarif)löhne bei 8.19 € West und 7.50 € Ost, also mehr als 8 % auseinander. Wenn es Dir gelingt, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, dann wären wir der Einheit um einiges näher. Der Unterschied ist aber real und für viele Leute ein wirkliches Problem, denn von 7.50 € kann man mit Familie nicht überleben.
    Die Durchmischung ist auch nicht so hoch. Von meinen etwa 70 Kollegen sind ganze 2 aus dem Westen gekommen. Für Westdeutsche sind ostdeutsche Löhne und Gehälter nämlich in der Regel nicht attraktiv, wenn es nicht gerade um Führungspositionen und Professuren geht. Von Ost nach West gehen vor allem junge Leute, die größtenteils im vereinigten Deutschland aufgewachsen sind, was den Anteil „gelernter DDR-Bürger“ im Osten tendenziell erhöht. Die Bundeswehr-Studie trennt übrigens nach Ost-, West-, Nord- und Süddeutschland. Es gibt auch zwischen den anderen dreien leichte Unterschiede (bei den Ausgaben 2 %, bei einer Rundung auf ganze Prozente ist das ziemlich genau die Fehlergrenze), aber als Statistiker würde ich sagen: Der Osten weicht signifikant ab. Wenn es die Unterschiede nicht gäbe, würden sie nicht ausgewiesen, weil „65 % West, 64 % Ost“ nicht sonderlich spektakulär aussieht.
    Die faschistischen Gruppen im Osten sind schon wieder ein völlig neues Thema. Da gerade Jena, das sich heftig gegen „seine“ Nazis wehrt, in letzter Zeit ins Gerede gekommen ist, habe ich mich damit näher beschäftigt. Man muss bedenken, was nach der Wiedervereinigung im Osten passiert ist: Im Grunde wurde einfach alles an gewachsenen Strukturen zerschlagen und nur ein Teil und sehr langsam wieder aufgebaut. Es gab Regionen, die lange Zeit 25 % offizielle Arbeitslosigkeit hatten. Fast jede Familie war irgendwie betroffen. In Thüringen gab es massenhaft Auspendler, die oft in der Woche nicht zu Hause waren – daran ist nicht nur eine Familie zerbrochen. Jugendclubs wurden zuvor von der FDJ betrieben, das musste weg, aber Ersatz gab es nicht, weil die Kommunen kein Geld haben. Da ist ein gesellschaftliches Vakuum entstanden, was die Nazis klug erkannt und genutzt haben. Die haben Kinderfeste organisiert, Jugendlichen Freizeitangebote gemacht … Das war clever. Niemand ist dem entgegengetreten. Die einen waren mit dem Überleben zu sehr beschäftigt, andere hatten tatsächlich Angst. Wenn man als Lehrer in den Verdacht kam, dem Sozialismus anzuhängen, dann bekam man Probleme. Also hat man lieber nichts gegen Nazis gesagt. Eine breite soziale Deklassierung und Verunsicherung ist immer ein guter Nährboden für Fremdenfeindlichkeit, und gerade in Thüringen wurde die Nazi-Szene vom Geheimdienst liebevoll gehegt und finanziert. Für Verfassungsschutzchef Roewer – übrigens kein geborener Thüringer – war das offenbar einen Herzensangelegenheit. (Es gibt im Westen – insbesondere in Bayern – Regionen, in denen die NPD und Republikaner viel mehr Stimmen bekommen als in Jena. Darüber redet nur keiner.)
    Ich gestehe, wenn man gerade die vierzigste Bewerbung mit einer frostigen Ablehnung zurückbekommen hat, dann interessieren einen die Neonazis nebenan nicht sonderlich. Dann steckt man so tief im seelischen Elend, dass man alle Energie braucht, um Nummer 41 zu schreiben. Aber als Ende der 90er die Nazis zum ersten Mal in Jena aufmarschierten, bin ich dagegen auf die Straße gegangen, immerhin.

  5. Paul schreibt:

    Hallo Heidrun,
    wenn Du magst können wir noch ein bischen weiter diskutieren. Da ich ein Mensch bin, der gerne Übersichlichkeit hat, nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich es etwas „geschäftsmäßig “ strukturiere.

    1. Kriegstreiberei
    Kriegstreiberei kann man der DDR wirklich nicht vorwerfen, da hast Du recht.
    Allerdings hat die DDR bewaffnete Konflikte unterstützt. Sei es durch Waffenlieferungen oder durch finanzielle und logistische (Berater) Unterstützung. Man nannte das auch nicht Krieg, sondern bewaffnete Konflikte oder Freiheitskampf. Das lief dann unter der Parole „hoch lebe die internationale Solidarität“ und wurde geheimdienstlich abgeschirmt.
    Nein, Kriegstreiberei war das nicht.

    Worin soll denn die Kriegstreiberei der Bundesrepublik in Serbien oder Afghanistan bestehen?

    Kriege führen zu keiner wirklichen Konfliktlösung. Da sind wir uns völlig einig. Trotzdem wird es immer wieder versucht.

    Streit und Gewalt im persönlichen Bereich kann Konflikte auch nicht lösen. Trotzdem versuchen wir es immer wieder.

    Für mich hängen diese Dinge zusammen. Die gemeinsame Wurzel ist die in uns Menschen verankerte Aggressivität, die unseren Vorfahren beim Überlebensjkampf geholfen hat.
    Kann es sein, dass dies ein Bestandteil der menschlichen Natur ist? Quasi unser „Konstruktionsfehler“.
    Nur in begrenzten Einzelfällen ist es manchmal möglich diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ghandi wird diese Fähigkeit zugeschrieben?

    2. Wehrkundeunterricht.
    Da Du nicht bereit bist meinen Link zu lesen, zitiere ich daraus was ich meine:
    „Der Wehrkundeunterricht im Rahmen der POS bestand aus jeweils vier Doppelstunden. In der 9. Klasse, d.h. gegen deren Ende, mussten die Jungen ins Wehrlager. Dort waren 12 Tage vormilitärischer Ausbildung zu je 8 Stunden vorgesehen, inklusive Überwinden der „Sturmbahn“ sowie mit waffentechnischen, Exerzier- und Schießübungen (mit Kleinkalibermodellen der AK 47, z.B. 50-Meter-Liegendschießen auf Zielscheiben mit menschlichen Umrissen).“
    http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Wehrkundeunterricht

    Wenn das falsch ist, dann bitte ich um ensprechende Belege.

    Habe nochmal junge Leute aus meiner Umgebung befragt. Von denen wurde mir die Richtigkeit dieser Angaben bestätig, die sich auch mit meiner Erinnerung decken.
    Es soll wohl auch die Möglichkeit der Verweigerung des Wehrkundeunterrichts gegeben haben. Einige Pastorenkinder sollen wohl das damit verbundenen ‚gesellschaftliche Aus‘ in Kauf kenommen haben.

    3.Tarife
    Nach der Wende war ich in der Gebäudereinigerbranche tätig.
    Verwunder habe ich mir die Augen gerieben, dass es in dieser Branche in der Bundesrepublik 16 verschiedene Tarifgebiete gab. Neben Berlin gab es in meinem Arbeitsgebiet auch noch Brandenburg Nord und Brandenburg Süd. Diese verschiedenen Tarife sind die tarifliche Fortschreibung der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten. Dies wird historisch begründet. Keine Ahnung, wann die Feststellung der Lebenshaltungskosten aktualisiert wurde.
    Verstehen kann ich, dass die Lebenshaltungskosten in Großstädten wie Berlin und München höher sind als auf dem ‚flachen Land‘. Aber Brandenburg Süd und Nord?
    Aber „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ war schon immer eine Chimäre. Auch in der DDR. Meine Sekretärin im Gesundheitswesen (Krankenhaus) hat bei gleicher Arbeit weniger verdient als bei z.B. der HO. Von dem Verdienst im Außenhandel oder in der Schwerindustrie haben beide aber nur geträumt. Soviel nur zum Thema Tarifgerechtigkeit.
    Warum sollte sich daran nach der Wiedervereinigung etwas ändern?
    Die Verdienste werden weiterhin regional und branchenbestimmt sein.
    Bei den Branchen wird dadurch eine gewisse „Gewinnbeteiligung“ des Lohn/Gehaltsempfängers ausgedrückt. Was ist daran schlecht?
    Ein Einheitslohn würde die Bewohner von Großstädten benachteiligen, weil die Lebenshaltungskosten dort eben größer sind. Dagegen kann man nichts machen.

    Bei der Bewertung in Ost und West wäre ich aber schon sehr zurückhaltend.

    Du merkst, das ist ein breites Thema und lässt sich nicht plakativ mit „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ bewältigen.

    4. Wiedervereinigungsproblematik
    Das es bei der Durchführung der Wiedervereinigung massive „handwerkliche“ Fehler gegeben hat, bestreitet wohl niemand. (Der größte Fehler war wohl, dass sich Kohl die Zustimmung zur Einheit Deutschlands mit der Zustimmung zur Einführung des Euro erkauft hat. – Dies nur mal am Rande bemerkt. -)
    Keiner war auf diesen Willen des DDR-Volkes eingerichtet. Es gab keine Strategiepapiere in der Schublade.
    Wir hätten das natürlich besser gemacht. Damit meine ich ‚Dich‘ und ‚Mich‘ und ‚Ihn‘ und ‚Sie‘.
    Wie heißt es so schön? „Auf der Tribüne sitzen die besten Fußballspieler!“
    Eines kann man aber wohl feststellen: Im gesamten Ostblock haben wir es am besten gemacht.

    5. Neonazis
    Für diese Situation habe ich keine wirklich einleuchtende Erklärung.
    Deine Begründungen, Arbeitslosigkeit und fehlendes Freizeitangebot für Jugendliche, überzeugt mich nicht.

    „in Thüringen wurde die Nazi-Szene vom Geheimdienst liebevoll gehegt und finanziert. Für Verfassungsschutzchef Roewer – übrigens kein geborener Thüringer – war das offenbar einen Herzensangelegenheit.“
    Das ist doch nun wirklich Propaganda – unterste Schublade. Wenn Du allerdings belastungsfähige Beweise hast, würden die mich schon interessieren.
    Sonst bleibe ich dabei, was meine Oma mich gelehrt hat: „Junge, wenn jemand „offenbar/offensichtlich“ sagt, dann hat er keine Beweise.“

    Hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Freizeitangebote haben schon Auswirkungen, aber ob nun gerade „offensichlich“ auf das Entstehen von Neonazis, bzweifle ich.

    Ein anders Phänomen habe ich hier in Berlin beobachtet.
    In der Wendezeit häuften sich großflächige Nazischmierereien an prominenten Orten. Das Mahnmal in Treptow ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Für mich waren das Stasiaktionen. Das Signal: Macht mal so weiter. Ihr werdet schon sehen was ihr davon habt, dadurch bekommt. Für mich war das allzu durchsichtig.

    Ein Freund von mir war Schuldirektor und erzählte mir von immer wieder auftretenden Nazischmierereien an seiner Schule. Das war in der Zeit von 1970 bis 1990. Auch dafür habe ich keine Erklärung. Die damals gängige Erklärung, dass daran der ‚Klassenfeind‘ und die westlichen Medien schuld seien, hat mich damals nicht überzeugt und überzeugt mich auch heute nicht.
    Auch sehe ich einen gewissen Widerspruch in Deinen Ausführungen.
    Die gesellschaftlichen Zustände nach der Wende sind für Dich die Ursache für Neonazismus.
    Zum Schluss schreibst Du aber:
    „Ich gestehe, wenn man gerade die vierzigste Bewerbung mit einer frostigen Ablehnung zurückbekommen hat, dann interessieren einen die Neonazis nebenan nicht sonderlich. Dann steckt man so tief im seelischen Elend, dass man alle Energie braucht, um Nummer 41 zu schreiben.“
    Das leuchtet mir ein.

    Die Organisierung des Nazismus ist wegen der gesellschaftlichen Umstände möglich, wird befördert; der Widerstand dagegen ist wegen dieser Umstände, jeder hat mit sich selbst genug zu tun, nicht gut möglich.
    Das leuchtet mir nicht ein.

    Bedeutet das, die Neonazis hatten alle Arbeit und konnten sich deshalb ihren Aktivitäten widmen?

    Wie bereits ausgeführt, wenn Du möchtest diskutiere ich mit Dir auch gerne noch weiter.

    MfG
    Paul

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich bin ein arbeitender Mensch – habe also nicht unendlich viel Zeit. Aber ich will nicht unhöflich sein.

      1. der Krieg
      In Afghanistan ist Krieg. Punkt. Ein deutscher Oberst hat befohlen, einen Tanklaster zu bombardieren, an dem Dorfbewohner gerade Benzin zapften, das chronisch knapp ist. Erfolg: 143 Tote, davon zwei Taliban, die den Laster fuhren. Alles andere Zivilisten, auch Kinder. In meinen Augen ist das ein Kriegsverbrechen.
      Ja, die DDR hat Waffen geliefert, vor allem Handfeuerwaffen und einmal Schiffe an Brasilien. Hab ich schon erwähnt. Die Bundesrepublik versucht gerade, eine Großlieferung von Flugzeugen in die Vereinigten Arabischen Emirate zu organisieren. Da gibt es nicht einmal politische Parteien, aber in solchen Fällen sind Menscherechte egal. Wieso sind die – zahlenmäßig viel geringeren – Waffenlieferungen der DDR so viel verwerflicher als die der vorbildlichen Bundesrepublik?
      Angeborene Aggressivität des Menschen? Das ist Quatsch. Psychisch normale Menschen können ihre Aggressivität durch Sport und eine gelegentliche Kirmesschlägerei vollkommen kompensieren. Tatsächlich gibt es eine ausgeprägte Tötungshemmung. Als Lektüre dazu empfehle ich „On Killing“ des amerikanischen Militäranpsychologen Dave Grossmann. Er beschreibt sehr ausführlich, wie aufwendig es ist, diese Hemmung zu brechen.

      2. Wehrkunde
      Ich habe den Link gelesen, aber er steht im Widerspruch zu dem, was ich erlebt habe. Was anderes habe ich nie geschrieben. Da ich in den letzten 22 Jahren aber ständig erlebt habe, dass die offiziellen Lehrmeinungen mit meinem persönlichen Erleben differieren, sehe ich keinen Grund, an meinem Gedächtnis zu zweifeln. Zumal ich aus der Zeit ein Tagebuch habe.

      3. Tarifgebiete
      Schau mal da: http://www.welt.de/wirtschaft/article13793930/Wo-man-in-Deutschland-am-besten-verdient.html
      Etwas weiter unten links ist eine Karte mit Durchschnittsverdiensten nach Bundesländern. Hätte man die Grenzen nicht bei 35000 und 50000, sondern bei 40000 und 50000 gezogen, hätte man exakt den von mir erwähnten Effekt der sichtbaren Staatsgrenze. Zwischen dem höchsten Verdienst im Osten (Brandenburg, 35400 €) und dem niedrigsten im Westen (Schleswig-Holstein, 42100 €) klafft eine Lücke von 6700 € pro Jahr. In Thüringen gibt es wesentlich mehr Industrie als in Schleswig-Holstein, aber die Löhne sind da noch niedriger.
      In der Leiharbeit, die zu 100 % tariflich geregelt ist, gibt es ein Tarifgebiet Ost und ein Tarifgebiet West, aber keinerlei Unterschiede zwischen Stadt und Land.
      Mit „es gibt halt Unterschiede“ kann man das nicht wegwischen.

      4. die Nazis
      Ich habe keine Zeit, jetzt die gesamten Erkenntnisse des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum NSU in Thüringen zu referieren. Also ein paar kurze Stichworte: führenden Nazi-Kader waren V-Leute (nicht kleine Mitläufer). Sie bekamen vierstellige Summen dafür, die sie nach eigenen Aussagen in ihre Publikationen und den Aufbau ihrer Infrastruktur steckten. Der NSU wurde mehrfach vom Verfassungsschutz vor Polizei-Razzien gewarnt. Der Verfassungsschutz schickte dem NSU Geld für falsche Pässe. Verhindert wurde nicht eine einzige Straftat, im Gegenteil. Roewer hat seinen Leuten zum Teil direkt verboten, die Nazis zu verfolgen. Wenn man das nicht „Förderung“ nennen mag, dann muss man dafür ein neues Wort erfinden. Ich finde diese Vorgänge absolut erschreckend.
      Dass Nazischmierereien in Berlin ein Werk der Stasi waren, ist dagegen nicht mehr als eine persönliche Vermutung. Wenn es beweisbar wäre, hätten wir es auf der BILD-Titelseite gelesen.
      Es ist auch bekannt, dass die NPD im Osten massiv finanziell und personell von der NPD im Westen unterstützt wurde und damit vor allem Jugendstrukturen aufgebaut hat. Etwas Ähnliches haben die etablierten Volksparteien nicht einmal versucht, und alles Linke war in jener Zeit verpönt. Die Gesellschaft im Westen hat einen Umbruch wie den von 1990 im Osten nie verkraften müssen. Noch eine Buchempfehlung: „Die Schock-Strategie“ von Naomi Klein. Vieles, was damals passiert ist, habe ich nach der Lektüre verstanden. Die NPD hat ihre Chance kompromisslos genutzt, das muss man zähneknirschend anerkennen.
      Wenn man die Wahlergebnisse durchforstet, wird man feststellen, dass sie auch im Westen in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und strukturellen Problemen überdurchschnittlich erfolgreich ist. Und unterdurchschnittlich in ostdeutschen Regionen, denen es eher gut geht. Die sind allerdings dünn gesät.

  6. Inge schreibt:

    Liebe Heidrun, lieber Paul,

    Eure Diskussion kommt mir so vor, wie wenn ich mit meiner Mutter über die berühmte Waldschlösschenbrücke zu Dresden diskutiere – jede Seite hat ihre Argumente, und man redet mit Elan aneinander vorbei. Leider gibt es weder bei diesem noch bei jenem Thema die absolute Wahrheit…

    Zum Thema Wehrkundeunterricht: Ich hatte den zur gleichen Zeit wie Heidrun. Soweit ich mich erinnere, Mädchen und Jungen getrennt. Was die Jungs gemacht haben, weiß ich nicht, aber was wir Mädchen und ein paar männliche „Invaliden“ gemacht haben, konnten wir beim besten Willen nicht ernst nehmen, ebenso das spätere Zivilverteidigungs-Lager beim Studium. Siehe Heidruns 5 Punkte zur Vorbereitung auf den Atomschlag. Ich erinnere mich nur an alberne Fotos mit kichernden Mädchen, verpackt in unförmige Schutzplanen… Und dass unsere Jungs beim Studium unter Androhung harter Konsequenzen „freiwillig“ die Reserveoffiziersausbildung über sich ergehen ließen, hat wohl eher ihren Pazifismus gefördert (ebenso wie die Zustände beim Grundwehrdienst in der NVA). Was natürlich von den DDR-Oberen nicht so vorgesehen war. Ich kann mich aber nicht erinnern, von der DDR zum Hass auf irgendwas oder irgendwen erzogen worden zu sein – zumindest nicht mit Erfolg. Der kommt erst jetzt – Hass auf die, die die Lebensgrundlage meiner Kinder zur Sau machen, um ihrer Profite und eines Wachstums willen, das eigentlich keiner braucht.

    In die Diskussion um Statistiken hänge ich mich nicht rein, da kenne ich mich nicht aus. Den Zulauf der Rechten im Osten kann ich mir rein intuitiv und ohne Berücksichtigung staatlicher Mitwirkung so erklären: Ein Jugendlicher, dem Politik eigentlich egal ist, der einfach mal seinen Protest gegen die herrschende Ordnung ausdrücken will, kann sich in den linken oder in den rechten Protestflügel einordnen. Hier im Osten wird Links nur leider oft als SED-Erbengemeinschaft angesehen – und ist damit nicht wirklich „dagegen“. So richtig gegen DDR und BRD, bis hin zu Tabubrüchen, ist man nur als Rechter. Insofern haben die Dresdner Naziaufmärsche mit Polizeischutz den schon fast wieder positiven Effekt, dass man auch links „dagegen“ sein kann – was nicht heißt, dass ich Gewalt befürworte. Aber das nur am Rande.

    Dass Nazischmierereien nach der Wende von Stasileuten angebracht wurden ist ebenso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, wie dass Al-Kaida-Anschläge vom CIA anzettelt wurden – ich erlaube mir keine Meinung dazu, ich weiß es einfach nicht.

    Abschließend kann ich nur sagen, ich bin froh und glücklich, dass wir hier seit vielen Jahren im Frieden leben, und ich sehe, dass jede Einmischung unserer ach so friedliebenden Regierungen im näheren und ferneren Osten die Lage dort nicht besser macht. Deshalb möchte auch ich Herrn Gauck mitteilen: Ich will nicht, dass unsere Männer, Söhne und unsere Steuergelder in Konflikten verheizt werden, die uns, verdammt nochmal, nichts angehen!

  7. Paul schreibt:

    Liebe Inge,
    für mich war dieser Kommentarstrang eigentlich abgeschlossen, weil ich Verständnis dafür habe, dass Heidrun nur ein begrenztes Zeitlimit hat und ich auch das Gefühl hatte, welches Du Eingangs erwähnt hast. Den Vergleich mit der Waldschlösschenbrücke finde ich ganz passend. Wenn Meinungen so unterschiedlich sind, dann können eigentlich nur noch Fakten sprechen. Beim Waldschlösschen sind das Gerichtsentscheidungen, die dann akzeptiert werden müssen.

    Bei unserem Diskussionsgegenstand müsste es eigentlich ähnlich sein. Leider erlebe ich das anders. Für den Wehrkundeunterricht gab es einen Lehrplan. Da kann man sich noch heute schlau machen. Das die Unterrichtsqualität nicht immer optimal war und beim Wehrkundeunterricht sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden im „gleichen Boot“ der Lustlosigkeit saßen, will ich nicht bestreiten.
    Trotzdem war es nicht so wie Ihr es persönlich wahrgenommen habt. Je weiter die DDR-Zeit zurückliegt, desto „goldener“ wird sie. Auch für das 3. Reich traf das zu. Habe ich selber erlebt, erlebe ich noch.

    Die Zustände beim Grundwehrdienst der Studenten kann ich nicht beurteilen. Wohl aber den Grundwehrdienst bei der NVA, d.h. als ehemaliger Grenzgänger (Studium in Westberlin), war ich nicht würdig bei der NVA zu dienen, sondern leistete meinen Wehrdienst (das wurde aus bestimmten Gründen Wehrersatzdienst genannt) bei der Bereitschaftspolizei. Wir hatten aber die ganz normale Motschützen-Ausbildung. Der Grundwehrdienst war kein „Zuckerschlecken“. Da ging es schon hart zur Sache. Im Politunterricht wurde uns schon klar gemacht wo die „Harke“ hängt. Natürlich hing auch dieser Unterricht von der Qualität des Lehrenden ab, die in Halle 11/63-4/65 nicht sehr hoch war, weil die NVA ihre unfähigen Offiziere bei der Bereitschaftspolizei „entsorgte“. Aber wer der Feind war, dass wussten alle. Natürlich war der Feind immer der Aggressor! Und wo der stand war auch klar. Komisch, dass wir aber im Manöver auch Angriffshandlungen geübt haben.

    Zum Thema Angriffskrieg, nicht nur der DDR, sondern des „Ostblocks“ fällt mir das Eingreifen der Aermeen in der DDR (17. Juni), Ungarn und Prag ein. Gut, das waren keine Kriege. Das war „sozialistische Solidarität“. Und was war Afghanistan? Ach so, die DDR war nicht beteiligt.

    Inge, ein „Schlitzohr bist Du auch:
    „Ich kann mich aber nicht erinnern, von der DDR zum Hass auf irgendwas oder irgendwen erzogen worden zu sein – zumindest nicht mit Erfolg.“

    Natürlich war die Erziehung zum Hass auf den Klassenfeind in der DDR ein sehr hochrangiges Erziehungsziel. Bei Dir hatte es keinen Erfolg. Bei mir auch nicht. Bei anderen schon. Denn sonst hätte es keine „Mauerschützen“ gegeben, die auf wehrlose Flüchtlinge geschossen hätten. Oder haben sie nur aus Angst vor dem Vorgesetzten geschossen?

    Deine Erklärung für den Zulauf zu den Rechten, ich sage lieber Neonazis, leuchtet mir ein. Diese Erklärung werde ich im Gedächnis behalten.

    Zu den Nazischmierereien in der Wendezeit:
    Richtig weiss ich es natürlich auch nicht. Aber es spricht vieles dafür.
    http://www.chronikderwende.de/tvchronik_jsp/key=tvc30.12.1989.html
    (Schau bitte unter „Das Projekt)

    „Nach den Nazi-Schmierereien am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow versuchte besonders Gregor Gysi die vermeintlich herrschende rechtsextreme Umsturzgefahr als Grund zu konstruieren, die Staatssicherheit in ihren Strukturen als „Verfassungsschutz“ weiter arbeiten zu lassen.“
    http://www.kas.de/erfurt/de/publications/17878/

    Habe mir angewöhnt immer die Frage „Cui bono“ zu stellen. Da unterstützt Gysi meine Annahme. Da auch heute noch immer wieder Tatsachen zur Stasi publik werden, behalte ich das Thema mal „im Auge“. Vielleicht ist auch schon was da und ich habe es nur noch nicht gefunden.

  8. Heidrun Jänchen schreibt:

    @ Inge:
    Danke für den Kommentar. Ich finde es tröstlich, dass ich offenbar nicht die große Ausnahme war, sondern andere meiner Generation es ähnlich erlebt haben.

    @Paul:
    Ich habe Verständnis für Deine Verbitterung, weil die Mauer Dir Dein Leben durcheinander gebracht hat. Aber ich kann versichern, dass die deutsche Wiedervereinigung für mich auch kein Grund zum Jubel war. Arbeitslosigkeit, Befristung, miese Bezahlung bei ausufernden Überstunden (mein Chef fand, wenn ich Montag bis Donnerstag 10 Stunden arbeite, könnte ich Freitags ja auch mal früher, nämlich nach 8 Stunden gehen), 100 km Arbeitsweg pro Tag – das ganze Programm. Dabei hatte ich 1989 eigentlich gerade meinen Wunschjob bekommen.
    Wenn wir der DDR jetzt auch noch den Afghanistan-Krieg der Sowjetunion in Rechnung stellen, dann müssen wir der Fairness wegen der Bundesrepublik Deutschland den Vietnam-Krieg anrechnen, mindestens. Oder einfach mal fragen, wer die Taliban eigentlich ausgebildet und hochgerüstet hat – rein zufällig die Gleichen, die sie heute im Namen der freien Welt bekämpfen.
    Und ganz ehrlich: Ich finde es – sehr vorsichtig ausgedrückt – nicht nett, wenn man Augenzeugen unterstellt, sie litten an Gedächtnisverlust. Warum sollte meine tagebuchgestützte Erinnerung schlechter sein als Deine? Ich habe in den letzten 20 Jahren zigmal von Leuten aus dem Westen gehört, wie ich gelebt habe, und reagiere darauf inzwischen ein wenig angefressen.

    So, und jetzt widme ich mich wieder den 45 realsozialistischen Bäumen, die in der Innenstadt einem realkapitalistischen Einkaufszentrum weichen sollen, weil der Stadtrat ein „urbanes Lebensgefühl“ braucht oder sonst irgendeinen Nutzen davon hat.

    • Paul schreibt:

      Heidrun,
      wenn Du bei mir Verbitterung erkannt hast, dann hast Du was falsches erkannt. Natürlich ist mein Leben nicht so verlaufen, wie ich esmir im zarten Alter von 18 ausgemal habe. Aber verbittert bin ich deswegen nicht. Was nützt mir Verbitterung darüber, dass mein Frau seit 35 Jahren MS hat? Richtig! Nichts!
      Mein Motto: Das Leben ist wie es ist und es ist gut. Die Isländer haben ein Sprichwort:“Kein Unglück ist so groß, dass es nicht auch etwas Gutes bewirken würde.“
      Ein weiteres Motto von mir ist: „Nicht trauern über das, was nicht sein kann, sondern sich dankbar freuen dessen, was man hat.“ (Augustin Wibbeit)
      Das habe ich nicht nur so dahergeschrieben, sondern das ist wirklich meine in Jahrzehnten verinmnerlichte Meinung. Für diese Gnade bin ich auch meinem Gott sehr dankbar.
      Entschuldige bitte, dass es hier so persönlich geworden ist. Aber ich wollte es einfach mal sagen.
      Verärgert, nein, nicht verbittert, bin ich über die sich abzeichnende „Vergoldung“ der DDR.
      Der Vergleich der Beziehungen Bundesrepublik zur USA und der zwischen der DDR und der SU zeigt mir ein erschreckendes politisches Unverständnis.
      Du hast wohl die Breschnew-Doktrin von der eigeschränkten Souveränität schon vergessen?
      Mit der Unterstützung der Taliban hast Du natürlich recht. Das war ein schwerer Fehler der USA. Die Ursache ware aber der kalte Krieg. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“
      Vietnam hier einzubringen ist natürlich üblich, hilft aber nicht weiter. Genausowenig, wenn ich hier den Überfall der SU auf Polen oder auf die Baltischen Staaten einbringen würde.
      Also lassen wir das.

      Aber in einem Punkt sind wir uns einig:
      „Ich habe in den letzten 20 Jahren zigmal von Leuten aus dem Westen gehört, wie ich gelebt habe, und reagiere darauf inzwischen ein wenig angefressen.“

      Ich habe in den letzten 10 Jahren von Leuten aus dem Osten gehört, wie ich in der DDR gelebt habe und höre es immer wieder. (Gerade heute hat mir beim Einkaufen ein Mann Jahrgang 1923, einreden wollen, dass es den Rentnern in der DDR besser ging als jetzt.) Auf sowas reagiere ich fassuntgslos.

      Wir sind also beide „angefressen“ von dem was uns Dritte einreden wollen.
      Also haben wir doch etwas gemeinsames.

      Und nun geh mal schön demonstrieren, denn natürlich sind 45 Bäume wichtiger als ein Einkaufszentrum! Wer braucht schon ein Einkaufszentrum? Ich nicht, weil ich im Internet einkaufe. Aber 45 Bäume – die braucht doch jeder.

  9. Inge schreibt:

    Ganz kurzer Kommentar zu Paul:
    „Trotzdem war es nicht so, wie Ihr persönlich es wahrgenommen habt.“ – Für mich war es natürlich so, wie ich es wahrgenommen habe. Für mich ist auch einer der Hauptgründe für das Versagen des realen Sozialismus, dass die Oberen nicht in der Lage waren, den Menschen ihre Ziele nahezubringen. Was – im Bezug auf Hass und so – sicher gut war, im Bezug auf die vielen durchaus guten und vernünftigen Gedanken sehr schade. Aber, wie gesagt, die Oberen unserer jetzigen Gesellschaft sorgen allein dafür, dass ich sie hasse, dazu brauche ich keine sozialistischen Ideologen. Und noch eins: Ich war natürlich nicht selbst an der Grenze, aber ich kenne Leute, die da waren, und ich bin sicher, dass die meisten Mauerschützen nicht aus Überzeugung oder Bosheit, sondern aus purem Schiss um ihr eigenes Leben geschossen haben.

    • Paul schreibt:

      Inge,
      das war doch nun wirklich nichts!
      „…und ich bin sicher, dass die meisten Mauerschützen nicht aus Überzeugung oder Bosheit, sondern aus purem Schiss um ihr eigenes Leben geschossen haben.“

      Du bist Dir also sicher, dass sich die meisten Flüchtlinge den Weg in den Westen freigeschossen hätten, wenn sie nicht vorher von dem „um sein eigenes Leben Schiss habenden“ erschossen worden wären?

      Das ist das erste Mal, dass ich das gelesen habe.

      Ja, das hat es auch gegen, dass auf Grenzer geschossen wurde, z.B. in Berlin bei einer Tunnelschleusung.
      Aber wenn, meistens nachts, jemand in Richtung der Grenzsperranlagen, also in Richtung Westen rannte? Oder wenn jemand den Zaun schon halb überwunden hatte?
      Auf den wurde geschossen wie „auf Hasen“ wie Löwe sagte und deshalb aus der DDR ausgewiesen wurde.
      Ja, es waren „Hasen auf der Flucht“, auf die die Grenzer geschossen haben.
      Wer, Inge hat vor „Hasen auf der Flucht“ Schiss???

      • Inge schreibt:

        @Paul: Nicht vor „Hasen auf der Flucht“ – vor den eigenen „Kameraden“ und Vorgesetzten! Gut, ich weiß es nicht 100%ig, ich war nicht dabei. Aber ich habe es in Mauer-Gedenkstätten gelesen, und mir haben Leute erzählt, die dort waren, dass man nie wusste, mit wem man unterwegs war, wer einen von den Wachtürmen aus beobachtet, und was die machen, wenn man nicht schießt – z.T. weil die selbst wieder Angst hatten…

      • Inge schreibt:

        P.S. Aber es gab auch Fälle, wo die Flüchtenden oder ihre Helfer geschossen haben – was natürlich zusätzlich zum Angstmachen genutzt wurde…

  10. Paul schreibt:

    Inge,
    das ist richtig. Das habe ich auch gehört.
    Deshalb: schießen, ja, aber ich musste nicht treffen!
    Wenn ich nicht getroffen habe ist nichts passiert.
    Halt, stimmt auch nicht: Ich habe dann nur keinen Sonderurlaub, keine Geldprämie, keine Beförderung bekommen.

    Aber, ist das ein Grund einen anderen Menschen zu erschießen oder überhaupt auf einen Menschen zu schießen?

    Ein Freund von mir wurde bei den Grenztruppen als Wehrpflichtiger eingezogen. Er sagte sofort, dass er nicht auf Flüchtende schießen würde.
    Was ist ihm passiert? Er wurde im Innendienst eingesetzt. Bei der Objektbewachung, bei anderen Innendiensten. In den 1 1/2 Jahren war er nicht ein einziges mal an der Grenze.
    Na gut, seine zivile Karriere konnte er sich abschminken. Er war Tischler und da machte es ihm nichts aus. Später ist er dann doch Vorsitzender einer PGH geworden.

  11. Paul schreibt:

    P.S. Habe auch nicht gehört, dass ein Grenzer, der nicht geschossen hat, von seinem Kameraden, mit dem er unterwegs war, erschossen wurde. Auch nicht von einem der ihn vom Wachturm aus beobachtet hat.
    Soviel vom „puren Schiss um ihr eigenes Leben“. Das hast Du geschrieben und nicht ich!

  12. Paul schreibt:

    P.P.S. Habe gerade noch etwas gelesen. Hast Du das wirklich in einer Mauergedenkstätte gelesen, haben Dir wirklich Leute erzählt, dass Grenzer aus Angst, selber von den eigenen Kameraden erschossen zu werden, auf Flüchtlinge geschossen haben?
    Tut mir leid, aber genau das kann ich mir nicht vorstellen.
    Kannst Du mir vielleicht die Adresse der Gedenkstätte sagen. Dieser Sache würde ich wirklich gerne nachgehen, weil sie ungeheuerlich wäre.

  13. Inge schreibt:

    Hallo Paul,

    eigentlich wollte ich hier nicht mehr diskutieren, weil die Sache zu sehr in Details abgedriftet ist, die ich nicht im einzelnen belegen kann, und weil sie sich zu sehr vom ursprünglichen Thema entfernt hat. Aber deine letzten Beiträge schreien nach Antwort. Was ich sagen wollte, und was vielleicht nicht ganz so rübergekommen ist: Die DDR-Oberen haben m. E. nicht viel Erfolg dabei gehabt, den Leuten Hass auf den Klassenfeind und Kriegstreiberei einzuimpfen – zumindest kenne ich persönlich sehr wenige, bei denen das auch nur ansatzweise gelungen ist. Was sie geschafft haben, war, ein Klima von Angst und Misstrauen zu säen, besonders in Bereichen, wo es zumindest um drakonische Strafen, vielleicht auch (wenn möglicherweise auch nur im Gefühl der Betroffenen) um Leben und Tod ging wie an der Grenze. Und ich halte es für durchaus wahrscheinlich, auch wenn ich es nicht im einzelnen beweisen kann, dass eben diese Angst Menschen dazu getrieben hat, andere zu erschießen. Was ich gelesen habe (oder vielleicht hat es auch jemand in der Gedenkstätte erzählt), war, dass die Grenzer immer zu zweit auf Streife waren und oft nicht wussten, ob sie ihrem Partner trauen konnten. Ich weiß nicht, ob jemand „von hinten“ erschossen wurde, aber ich weiß von ehemaligen Grenzern, dass die Angst davor da war.

    So das war mein letztes Wort zum Thema.

    • Inge schreibt:

      Doch noch ein allerletztes, kurzes P.S.:
      Die Gedenkstätte ist, wenn ich mich recht erinnere, irgendwo im Harz (es gibt da nur eine). Und was die Schüsse betrifft – ich glaube, dass es für einen Grenzer eine extreme Stresssituation war, wenn der gefürchtete „Ernstfall“ tatsächlich eintrat, dass in einer solchen Stresssituation der Verstand aussetzt und man nur noch denkt, „Wie komme ICH möglichst unbeschadet hier raus?“ Und dann ist es vielleicht das einfachste, abzudrücken… Aber das ist meine Vorstellung, und wie oft genug gesagt, ich war nicht dabei. Und nun Schluss…

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