Wo sich Raum und Zeit krümmen: Der Elstercon in Leipzig

 

Wenn man mit Bücherkisten unterwegs ist, ist der Elstercon vor allem eins: Arbeit. Aber solange Buchhandlungen lieber das 20-Kilo-Bestseller-Paket der Großhändler ordern, statt auch nur lokalen Autoren eine Chance zu geben, bleibt für Kleinverlage und ihre Autoren nur eines – Selbermachen. Als ostdeutscher Ausleger der Wurdack-SF-Redaktion sind Pentacon in Dresden und Elstercon in Leipzig für mich Pflichtveranstaltungen; Armin Rößler übernimmt den fernen Westen.
Anders als der pantoffelgemütliche PentaCon ist der Elstercon größer, internationaler und irgendwie … offizieller. Vor allem aber gibt es viel mehr Bücheranbieter als anderswo. Dass der Con im „Haus des Buches“ stattfindet, ist kein Zufall. Wie ich feststellte, sind die Leute dort bestens vorbereitet und stellen einem bei Bedarf eine Sackkarre zur Verfügung. Danke an die Bibliothek! Wer schon mal Bücherkisten geschleppt hat, weiß, dass er von Herzen kommt.
Neben mehreren professionellen Bücherhändlern, die kistenweise alte Heyne-,
Goldmann-, oder Suhrkamp-Büchlein auspackten, war auch die alternative Kleinverlagsszene fast vollständig vertreten: Neben mir stand Harald Giersche von Begedia, gegenüber Guido Latz von Atlantis, rechts neben mir Wilko Müller vom Projekte-Verlag und Gerd-Michael Rose von TES, mir im Rücken hockte Shayol mit wechselnden Besetzungen, ein Stück weiter stand die diesmal beim Kurd Lasswitz Preis hochgelobte Exodus-Redaktion, und am Rande kämpfte eidalon tapfer um Aufmerksamkeit für graphische Geschichten, in Verkennung des Inhalts auch Comics genannt. Boris Koch ist zwar kein Verlag, hatte aber einen eigenen Tisch – auch hinter mir. Eine Legehennenbatterie ist geräumig dagegen. Wer unter Librophobie leidet, bekommt hysterische Anfälle. Ich habe fast die gesamte Zeit herumgestanden, weil ich zwar einen Stuhl, aber keinen Platz dafür hatte, sobald auch jemand von Shayol sitzen wollte.
Aber andererseits: Nirgends sonst trifft man so viele Verrückte, die in einer Welt mit 500 Fernsehprogrammen tatsächlich noch Bücher lesen und kaufen. Das ist erstaunlich. An einem Tag müssen mehrere tausend Euro für Bücher über den Tisch gegangen sein. Ich selbst habe 25 verkauft (einmal quer durch das SF-Sortiment des Verlags), eins verschenkt, vier gekauft und ein Buch und einen kompletten Jahrgang (1962) der „Sowjetliteratur“ geschenkt bekommen. Dass Erzählungen aus dem Band „Emotio“ gleich fünfmal auf der Nominierungsliste standen (plus Kurd Laßwitz Preis für die Titelgraphik von Alexander Preuss), führte dazu, dass ich die letzten Interessenten an den Verlag verweisen musste. Mein Vorrat war erschöpft.
Zwischendrin habe ich noch schnell etwas vorgelesen – eine Erzählung aus „Willkommen auf Aurora“. Die Lesungszeit teilte ich mir mit Julia Köber, die eigentlich mehr Fantasy als SF schreibt und vor allem mit ihren Illustrationen für Aufmerksamkeit sorgte, die wirklich witzig sind. Dass Autoren auch gleich noch selbst illustrieren, hat man selten. Meine „Emotionale Intelligenz“ – eine Geschichte über die Probleme eines Piloten mit seinem weiblichen Raumschiff – machte keinen Ärger und kam offenbar gut an. Sie verwirrt regelmäßig Leute, die glauben, Frauen in der SF müssten typisch weibliche Geschichten schreiben. Das gönne ich ihnen! Aber das Publikum in Leipzig ist in dieser Hinsicht sehr entspannt.
Vom Programm habe ich leider bis auf diesen Punkt nichts mitbekommen, weil ich ja wie die Henne auf ihrer Stange neben meinen Büchern hockte. Immerhin habe ich zwei Autoren kennengelernt, die für mich bisher nur Storys waren: Jakob Schmidt und Jasper Nicolaisen. Verglichen mit ihren Erzählungen sehen sie erschütternd normal aus. Träfe man sie auf der Straße, würde man nie vermuten, dass sie so abgedrehte, teilweise expressionistische Dinge schreiben. In irgendeinem der zahllosen Gespräche an diesem Tag sagte jemand, Schreiben sei gut für die geistige Gesundheit, weil man Frust und Aggressionen auf harmlose Weise herauslassen kann. Ja, da scheint was Wahres dran zu sein. Auch Dirk van den Boom traut man eigentlich nicht zu, dass er tentakelstrotzende Military SF schreibt. Für diese Unterschätzung rächte er sich, indem er mir eine Kamera vors Gesicht hielt und fragte, welches Buch aus dem Wurdack Verlag man unbedingt gelesen haben müsste. Alle natürlich, und ganz besonders „Willkommen auf Aurora“ von Heidrun Jänchen.
Auf dem Rückweg nach Jena erlebte ich dann, dass durch Zusammenballungen von Büchern Raum und Zeit gekrümmt werden. Normalerweise passiert das schon auf der Anfahrt: Das Navi verliert völlig die Orientierung und gibt unablässig widersprüchliche Anweisungen, verliert mittendrin das GPS-Signal, obwohl der Himmel blau ist und kein Tunnel in Sicht. Die mechanisch-optische Orientierung mit Straßenschildern versagt, weil halb Leipzig eine Baustelle ist. Irgendwann landete ich in Makranstädt, noch später tatsächlich auf der Autobahn. Nach 14 Stunden war ich wieder in Jena, einigermaßen erledigt, aber irgendwie auch ganz zufrieden. Ich hatte eine Menge netter Leute getroffen und wieder einmal ein paar unserer Bücher in die weite Welt befördert.

Das Foto machte Autorenkollege Uwe Hermann am Buchstand, als Boris Koch noch nicht da und hinter mir noch ein wenig Platz war. Ich mag den skurilen Humor in Uwes Geschichten. Vorbeischauen lohnt sich.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s