Ich shoppe, also bin ich

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„Schrei vor Glück“ verlangt die Werbung von mir. Und warum? Wegen eines Schuhkaufs! Diese Tätigkeit bringt bei mir eher ein gequältes Stöhnen hervor, weil Schuhdesigner offenbar keine Ahnung von Anatomie haben dürfen. Ein bequemer Damenschuh? Ketzerei!
Und verdammt – ist es wirklich Einkaufen, was uns glücklich macht? Das Herumirren zwischen gehetzten Menschen, die Erkenntnis, dass der eigenen Geschmack gerade wieder drei Meilen neben der aktuellen Mode liegt, das Personal, das einem unbedingt behilflich sein muss, das Wissen, dass der Preis von Wasauchimmer zu 75 % aus Handelsspanne besteht und Jacke/Hose/T-Shirt/Pullover für weniger als einen Euro irgendwo in Asien zusammengeschludert wird, selbst wenn man sich für eine teure Marke entscheidet? Ist das der Sinn des Lebens? Nach Homo erectus und Homo sapiens der Homo shoppius?
Wann war ich eigentlich so glücklich, dass es unbedingt raus musste?

  • nach einem ersten Kuss, der plötzlich alles ganz einfach machte
  • nach der letzten Prüfung meines Rigorosums
  • als ich mein erstes Buch in der Hand hielt
  • jedes Jahr, wenn der erste Krokus seine Nase aus der Erde steckt und zeigt, dass der Frühling nicht mehr aufzuhalten ist.

Alles das sind Dinge, die man für Geld nicht kaufen kann. Es gibt sie – je nach Sichtweise – kostenlos oder für unendlich viel Aufwand und Mühe.
Und trotzdem hämmert man uns von früh bis spät ein, dass ausgerechnet Kaufen glücklich macht.
Ich erinnere mich an einen Februar in den Achtzigern. Mitten in der Stadt, die kalt, grau und feucht war, blühten in einem Beet Schneeglöckchen und Krokusse, und mich befiel eine so grundlose Freude, dass ich mich zu Hause hinsetzte und eine Geschichte schrieb: Wie Menschen anstehen, nur um einen Blick auf ein paar Frühlingsblumen werfen zu dürfen. Anstehen war damals eine normale Tätigkeit. Sah man irgendwo eine Schlange, stellte man sich an das hintere Ende, auch wenn man noch nicht wusste, was es eigentlich gab. Shoppen war noch nicht erfunden, und Einkaufen war eine schlichte Notwendigkeit.

Meine Heimatstadt, in die ich mich vor 30 Jahren wegen ihrer Berge und der zahllosen Bäume verliebte, gilt ihren Stadträten als unattraktiv. Da muss etwas getan werden, denn man hat festgestellt, dass Jenaer Bürger gelegentlich in Erfurt oder Leipzig einkaufen. Das wird uns ruinieren, auch wenn wir von allen Thüringer Städten das höchste Pro-Kopf-Einkommen haben. Und wie macht man eine Stadt attraktiver? Indem man neue Einkaufsmöglichkeiten im Zentrum schafft! Man sägt die ökonomisch uneffektiven Bäume weg und setzt drei fünfstöckige Gebäude an ihre Stelle. Damit schafft man 16000 m² neue Einkaufsfläche. Das ist, ich konnte die Zahl zunächst nicht glauben, mehr als zwei Fußballfelder.
Macht uns das attraktiver? Absehbar werden die Gebäude aussehen wie in Leverkusen oder Stuttgart, wie in Dresden oder Kiel. Es werden die gleichen Läden der immer gleichen Ketten darin auftauchen. Wer kommt nach Jena, um endlich einmal bei C&A, bei Douglas oder Takko Fashion zu kaufen? Wer fährt in die Nachbarstadt, um bei McDonald einen Burger zu essen? Wenn alles gleich ist, verliert das Reisen seinen Sinn.
Das Gesträuch verschwindet. Die hölzernen Bänke machen modernen Sitzsteinen Platz, die kalt und unergonomisch, aber ungeheuer architektonisch sind. Der Springbrunnen, in dem sommers die Kinder planschten, wich erst einem Blumenbeet und schließlich einer einheitlich gepflasterten Fläche. Jetzt soll er vielleicht in Form von ein paar mageren Fontänchen zurückkehren, aber ohne Planschbecken. Blumen? Wer braucht schon Blumen?
Und morgen? Morgen ist es vielleicht schon strafbar herumzusitzen, nichts zu kaufen, nichts zu konsumieren und einfach nutzlos zu sein. Man wird Steuern auf Konsum-verweigerung erheben. Wir werden uns verschulden müssen, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen. Im Stadtzentrum wird man wie einen Parkplatz viertelstundenweise eine Parzelle mieten können, auf der man sitzen und auf Gras starren darf.
Aber bis dahin … shoppe ich nicht und bin trotzdem.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Ich shoppe, also bin ich

  1. Inge schreibt:

    Also ich bin auch für die strenge Trennung von Beton und Natur. Man sieht ja, wohin Inkonsequenz führt: Heerscharen von Hausmeistern müssen ihre teuer bezahlte Arbeitszeit opfern, um unbotmäßiges Grünzeug in Pflaster- oder Betonritzen mittels Giftspritze oder Flammenwerfer in die Schranken zu weisen. Hurra – mit Hitze und Kohlendioxid gegen sauerstoffproduzierende Organismen – unser Beitrag zum Klimawandel!

  2. Inge schreibt:

    Und noch ein Kommentar von mir:
    In Dresden gab es ein Centrum-Warenhaus. Das stammte aus DDR-Zeiten und war den Anforderungen an einen neuzeitlichen Konsumtempel nicht gewachsen. Also wurde es weggerissen – inklusive einer Reihe Platanen in der Fußgängerzone davor und eines Parkplatzes – nicht schön, aber immerhin auch von ein paar Bäumen bestanden – dahinter. Auf der nun erheblich größeren Fläche wurde die Centrum-Galerie errichtet, zusätzlich zu einer Vielzahl weiterer Geschäfte und Kaufhäuser in der gleichen Straße und der neuen Altmarkt-Galerie gegenüber. Zur großen Überraschung aller liefen die Geschäfte in der Centrum-Galerie nicht gut, mittlerweile stehen ein beträchtlicher Teil der kleinen Läden und auch der große Lebensmittelmarkt wieder leer. Die Schuld wurde den Architekten gegeben, die das Gebäude nicht einladend genug gestaltet hätten. Aber könnte es nicht vielleicht sein, dass einfach keiner den ganzen Plunder braucht, der in all den Kaufhäusern und Shopping Malls angeboten wird?

    Besonders leid tut es mir um einen Haushaltwarenladen. Einst der einzige seiner Art auf einer gemütlichen Einkaufsstraße im Dresdner Osten und mir besonders sympathisch, weil er ausgefallene Dinge wie Gärröhrchen, Weinhefe und Dampfentsafter im Angebot hatte, glaubten die Inhaber, sich durch einen Umzug in die Centrum-Galerie zu verbessern. Ich bin seither nur einmal dort gewesen. Gärröhrchen gab’s nicht mehr, der Laden war kleiner und das Angebot deutlich schlechter als im benachbarten Kaufhaus. Keine Ahnung, ob er überlebt hat. Den Laden im Dresdner Osten hat eine Bäckerfiliale übernommen – mittlerweile eine von fünf im Umkreis von 500 m. So viele Brötchen kann doch auch keiner essen…

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