Zum Lachen in den Keller – UrlaubsCon & Meer in Kiel

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In diesem Jahr wurde der Deutsche Science Fiction Preis in Kiel verliehen. Nein, vergeben, wie einer der Teilnehmer feststellte, denn man darf ihn behalten. Ausgerechnet Kiel. Natürlich, da wäre auch noch Flensburg, aber dann ist Deutschland auch schon zu Ende. Erschwerend kam hinzu, dass in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Schleswig-Holstein just an diesem Wochenende die Ferien begannen, und vom Elbtunnel im Hamburg wollen wir gar nicht reden …
Ich war also irgendwann spätabends in Kiel und heilfroh, eine gemütliche kleine Pension namens Margarethenhöh in irgendeinem verschlafenen Vorort gebucht zu haben. Eine halbe Stunde rumlaufen und dann umfallen.
Am nächsten Morgen wurde ich schon auf dem Parkplatz begrüßt – an das Leben als SF-Promi muss ich mich noch gewöhnen. „Ich habe deine e-Mail noch bekommen“, erklärte mir Marc Heinrichs freudig. Auf dem Weg in den Keller der Jugendherberge klärte er uns über den Ruf des Stadtteils Gaarden auf, die mittägliche Versorgungslage, das Chaos, das die Unpässlichkeit seiner Mitstreiterin und Frau Anissa verursachte, und tausend andere Dinge. Um mich, nachdem er mich mit einem gigantischen Büchertisch versorgt hatte, zu fragen: „Äh – Heidrun oder Frau Jänchen?“ Auf diese Idee ist auch noch niemand gekommen. Auf Cons wird demokratisch geduzt.
Der Büchertisch befand sich ebenso wie die beiden Veranstaltungsräume im Keller. In normalen Gegenden ist es im Sommer draußen warm und im Keller kalt. In Kiel ist der Sommer kalt und der Keller saunaartig. Die Fenster waren abgeschlossen, sodass an Frischluft nur zu denken, aber nicht ranzukommen war. Überhaupt die JuHe – den DJH-Ausweis des SFCD akzeptiert sie nicht für die ganze Gruppe. Verpflegung für alle hätte es nur bei Zusage von 70 Leuten und Vorkasse gegeben, eigenes Essen darf drinnen aber nicht verzehrt werden. Man konnte nicht einmal einen Kaffee kaufen. Das ist Service – wofür sich Marc noch mehr als für das Schmuddelviertel Gaarden zerknirschte (Letzteres fand ich gar nicht so schlimm).
Es ist auch irgendwie unfair, denn er gab sich wirklich alle Mühe, die Con-Besucher glücklich zu machen. Leider waren es nicht viele. Eigentlich dachte ich, im Norden müssten mir jede Menge neuer Gesichter über den Weg laufen, aber dann waren es doch kaum eine Handvoll. Der jüngste SF-Fan (1) versuchte beharrlich, meine Bücherkisten auszuräumen oder doch wenigstens vollzusabbern. Die anderen waren die üblichen Verdächtigen des SFCD. Die positive Seite ist: Man hat Platz für seinen Stuhl und Zeit, mit den Leuten zu quatschen, statt wie ein Sklave den Büchertisch zu bewachen. Es ist gemütlich. Ich lernte Hannah Steenbock kennen, von der ein Buch auf meinem Tisch lag. Ecki Marwitz und Ralf Bodemann versuchten um die Wette, mich zu ihren Cons einzuladen – in entgegengesetz-ten Ecken Deutschlands (Lübeck und München). Bin ich jetzt berühmt?
Con-Tüten gab es übrigens auch. Normalerweise bestehen die nur aus Verlagsprogram-men, aber diesmal war sogar die Werbung (ein Heft mit Kürzest-Comics) lesbar. Außerdem gab es mal kein Perry-Rhodan-Bändchen, sondern „Der fünfte Kopf des Cerberus“ von Gene Wolfe. „In jeder Tüte ist ein anderes Buch“, meinte Marc. Ich beschloss sofort, meine zu behalten. Allerdings ist mir das Buch schon von meinem Mann und Testleser stibitzt worden.
Die Preisverleihung hatte ich als ungeheuer zeremoniellen Akt in Erinnerung. Das Komitee steigt auch wirklich in Anzüge dafür. Aber irgendwie geriet das Ganze diesmal etwas albern, was nicht nur an dem Foto von mir lag, das Jürgen Lauter in die Präsentation eingebaut hatte. Oder an Karsten Kruschels Dankesrede, in der er erklärte, was ein „Hrmpf!“ im Lektorat so alles bewirken kann. Als später bei der Vorstellung der Nicht-Gewinner der Satz fiel, der Roman von Eschbach sei zu ausschweifend gewesen und deshalb auf Platz 2 gerutscht, grinsten wir einander an. Wie Karsten aller Welt erzählt hatte, habe ich eins seiner Kapitel auf drei Sätze eindampfen lassen. Nach unserer Lesung machte er sich den Spaß, Zitate aus unserem Lektoratsbriefwechsel vorzutragen – sehr zur Erheiterung des eingekellerten Publikums. Irgendwann veröffentlichen wir die.
Der Tag endete mit einer Einladung zum Essen, bei der ich mich mit meinem Autor in Länge und Breite verquatschte, was an und für sich ganz schön war, dummerweise aber dazu führte, dass ich nicht mehr dazu kam, mich von den anderen zu verabschieden. Was ich hiermit nachhole. Wenn Kiel nicht so verdammt weit oben wäre, könnte man öfter hinfahren.
Auf dem Rückweg traf man halb Dänemark auf der Autobahn, in Hannover hatte man die Abfahrt weggebaggert, und kurz hinter Leipzig landete gerade der ADAC-Hubschrauber mitten auf der Fahrbahn. Alles dran, was man nicht braucht. Es wird Zeit, dass jemand das Beamen erfindet.

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Das Foto der beiden Preisträger hat Birgit Fischer vom SFCD gemacht. Die – mutmaßliche – Kanadagans in der Kieler Förde habe ich selbst erwischt.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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6 Antworten zu Zum Lachen in den Keller – UrlaubsCon & Meer in Kiel

  1. Urlaubscon ORGA schreibt:

    Vielen Danke für den netten Con-Bericht Heidrun.
    Mehr zum Con und Bilder unter
    http://urlaubsconundmeer.blogspot.de

  2. Ralf Boldt schreibt:

    Ein schöner Bericht!
    Zur allgemeinen Erheiterung habe ich ja auch betragen dürfen. Die Präsentation lief anders als Jürgen es mir fünf Minuten vor Beginn erklärt hatte. (Vielen Dank für die tolle Präsentation!) Wir konnten leider nicht üben, da wir erst kurz vor knapp erfahren haben, dass Martin nicht kommt und die Rollen (neu) verteilt haben. Es war alles etwas zeitlich knapp. Die Mappen mit den Urkunden kamen z.B. per Post just in time zur Jugendherberge.
    Ich hoffe, du freust dich dennoch über den Preis für deine wirklich schöne Geschichte.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ralf, ich hätte mich über den Preis auch gefreut, wenn man mir den auf dem dritten Hinterhof auf der Mülltonne überreicht hätte! Den Schock hatte ich ohnehin schon hinter mir – in Leipzig. Und wahrscheinlich wäre ich selbst vor Wichtigkeit geplatzt, wäre alles todernst und hochfeierlich gelaufen. War ja auch eine humorige Geschichte. Alles in allem passte es also.

  3. Hannah Steenbock schreibt:

    Schöner Bericht! Und du warst klasse, Heidrun. Ich habe deine Lesung genossen (die von Karsten auch, klar), und vor allem den lektoralen Briefwechsel zwischen dir und Karsten. Du bist die zweite Lektorin, der ich mich anvertrauen würde. *zwinker*

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Hallo Hannah,
      mein persönlicher Leser hat mich darauf hingewiesen, dass das ein schwerer Vertrauensbeweis ist. Danke! Ja, im Lektorat geht es öfter zitierfähig zu, wobei ich gestehen muss, dass ich anfangs ganz schön Muffensausen hatte. Da hatte ich einen Autor, der nicht nur über SF promoviert, sondern auch sein erstes Buch veröffentlicht hatte, als ich noch zur Schule ging – und dem sollte ich erklären, warum er seine Schachtelsätze gefälligst in zwei oder drei zerlegen soll. Zum Glück erwies er sich als kritikfähig. Und zumindest kommt er immer wieder 🙂
      Na dann – schreib mal eine gute SF-Story, damit wir sie Ernst unterschieben können.

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