Besser ohne Pointe – SF von Peter Schünemann

Ronooms Jagd und andere Science Fiction Geschichten

Peter Schünemann kenne ich von einem Förster-Con in Dresden, wo er mit Vehemenz kurze, pointierte Texte las. Sein „Waschtag“ begeisterte mich spontan, weil er einen ausgeprägten Sinn fürs Absurde offenbarte. Also musste ich Peters erstes Buch haben – „Ronooms Jagd“.
Einige andere der Kürzesttexte würde ich eher in die Kategorie „Pamphlet“ einordnen – da erklärt der Autor seine Sicht auf die Welt, ohne dass wirklich viel geschieht. Er macht das gut, aber so ganz Geschichten sind es nicht. Vorgelesen wirken sie besser als auf Papier. Die nicht ganz so kurzen sind typische Pointengeschichten inklusive der unvermeidlichen Zeitreisestory. Sie lesen sich so weg, ohne allzu viel Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Sie hinterlassen auch keine negativen Spuren, sind durchweg solide geschrieben und in ihrer Grundeinstellung sympathisch. Peter ist ein typischer Warner unter den SF-Autoren: Ihr werdet schon sehen, wo das alles noch hinführt. Das schreibt er nicht wörtlich, aber zwischen den Zeilen.
Er scheut sich nicht, seine Storys in Deutschland anzusiedeln, wenn auch in merkwürdig veränderten Deutschländern in fernen Zeiten. Eine verortet er ganz bewusst mitten im deutschen Osten – weil es die atheistischste Gegend der Welt ist. Die Kirche scheint ihm ohnehin suspekt zu sein. Kein Wunder, denn auch er kommt aus dieser gottlosen Zone.
Richtig gut wird er, wo er sich Zeit lässt für seine Figuren, für ihre Konflikte und Eigenheiten. Das tut er in den beiden letzten Geschichten, „Wolfhart“ und „Eine A-Batterie für Jane“. Erstere führt mitten hinein in ein Geheimlabor des Vatikans, ist sehr böse und verzichtet darauf, dem Leser allzu genau zu erklären, worum es eigentlich geht. Es ist wie ein Puzzle, von dem das Teil in der Mitte fehlt – aber der geübte Puzzler weiß, wie es aussehen müsste. Das ist verdammt gut gemacht – einer der Fälle, in denen ich mir einen Anfall von Neid gestatte.
Nummer zwei ist eine Story über Jane Dick, Philip K. Dicks mit wenigen Wochen verstorbene Zwillingsschwester. Als ich das mitbekam, dachte ich: „Das geht schief. Eine SF-Story, in der ein SF-Autor auftaucht, das kann nur peinlich enden.“ War aber nicht so, im Gegenteil. Sie ist ein Spiel mit den Möglichkeiten, mit verbogener Realität, ein Hütet-euch-vor-euren-Wünschen. Und Jane’s Paradoxon wird mir wohl in Erinnerung bleiben: „Die Realität kann man nur so weit verbiegen, wie es die Realität zulässt.“ Es ist eine Story mit einem traurigen Happy-End.
Beide Erzählungen haben keine Pointe. [Nun ja, die Jane-Dick-Story hat ihre Pointe nach dem ersten Viertel, aber es gelingt ihr, das zu überleben.] Woran man sieht, dass Pointen gemeinhin überschätzt werden. Sie nutzen sich schneller ab als Konflikte, als handfeste Schlamassel, aus denen die Helden nur schwer herausfinden – oder gar nicht. Von dieser Sorte dürfen es gern mehr Geschichten werden.
Insgesamt ein Buch, mit dem man sich gut an den Baggersee oder Strand legen kann, solange das Wetter danach ist.

Peter Schünemann: „Ronooms Jagd und andere Science Fiction Geschichten“; Verlag JFF, ISBN-13: 978-3000384301; 12.50 €

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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