Das Grünzeug redet rein

Jena möchte etwas ganz Neues wagen – ein Einkaufszentrum bauen. Wir haben in der Innenstadt nämlich erst zwei, insgesamt so um die 25000 m² Shopping-Fläche. Andere Läden haben wir natürlich auch noch – und Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Da wird es Zeit, endlich noch 16000 m² für Kleiderständer und Schnäppchenregale anzulegen und dafür den größten innerstädtischen Platz nebst angrenzender Grünanlage und Bäumen zu bebauen.
Jetzt haben sich die Bäume selbst eingemischt, gestandene Mittvierziger. „Ich störe das urbane Lebensgefühl des Stadtrates“, verkündet eine Platane. Ich mag sie sofort, denn das Schwafelwort „Urbanität“ hört man pausenlos, wenn eigentlich Beton und Kommerzialisierung gemeint sind. Urbanität ist, wenn endlich das ländliche Grün getilgt und durch gestreiftes Pflaster ersetzt ist, das nicht nur langweilig aussieht, sondern sich auch „so scheen reene machen“ lässt, wie Großmutter gesagt hätte.
„Hier entsteht demnächst: Kein Sauerstoff mehr“, meint eine Linde. Was statt dessen entsteht, kann man ebenfalls lesen: Wohnraum für Besserverdienende, der Herrenausstatter, den der Oberbürgermeister zum Sinnbild der Einkaufswüste Jena gemacht hat, überflüssige Ladenfläche und, ja, eine Wand. „Grünanlagen“, fügt ein schüchterner Bergahorn hinzu, „sind sowieso zu teuer.“
Manche sind ein wenig wehleidig: „40 Jahre Wachstum – 10 Minuten Kettensäge“ oder „Ich könnte noch 450 Jahre überleben, aber nicht den Bebauungsplan“, klagen sie. Die Selbstanklage „Ich verursache regelmäßig Kosten durch Laubabwurf“ ist dagegen recht bockig. Fünfundvierzig Bäume stehen mit weißen Plakaten am Stamm auf dem Eichplatz und schauen trotzig auf das Marktreiben zu ihren Füßen – Entschuldigung! – Wurzeln. Auch für den bunten Markt wird in Zukunft kein Platz mehr sein. Statt billiger T-Shirts und Kittelschürzen wird es dann exklusive Anzüge im vierstelligen Preisbereich geben. Und Kunstblumen-Deko im Frühling, wenn sich draußen kein Baum mehr belaubt.
Die Bäume immerhin sind wach geworden. Der Großteil der Bevölkerung döst vor sich hin, bis die Bagger rollen.

Jetzt mit eigenem Foto.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Das Grünzeug redet rein

  1. gmr schreibt:

    Hi,
    gerade gestern habe ich einen sehr interessanten Artikel in der FAZ gelesen: „Die reinste Sauna“ (FAZ vom 12. August 2012, S. 51). Es geht darin um die Aufheizung der Städte, die Veränderung des Mikroklimas und die Folgen der immer dichteren Bebauung. Sehr lesenswert.
    Leider ist der Artikel nur im kostenpflichtigen Archiv vorhanden und scannen darf man ihn aus Rechtsgründen nicht so einfach. Aber vielleicht bekommst du die Zeitung in der Bibo.
    Auch in Freiburg (welches hier als Beispiel dient) scheint man den Jenaer Weg (oder umgedreht) zu gehen, ohne Rücksicht auf die Folgen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In Freiburg kamen die Grünen staunenswerterweise auf die Idee, im Stadtgebiet 10000 neue Bäume zu pflanzen. In Jena sind sie Teil der Beton Koalition – zusammen mit SPD und CDU. Für das Grüne in der Stadt stehen im Stadtrat nur die Roten und gelegentlich die „Bürger für Jena“. Noch vor dem Stadtrat stehen die Piraten und diskutieren, ob sie lieber sich oder die grünen Stadträte an den Bäumen anketten sollten, wenn die Kettensägen anrücken.
      Die Bäume drohen derweil mit Selbstmordattentaten.
      Das liebe, närrische Nest, wie Goethe es gönnerhaft zu nennen pflegte, läuft wieder mal zu Hochform auf.

  2. Inge schreibt:

    Der Jenaer Weg ist kein Jenaer Weg, weil er überall gegangen wird. In Dresden wurde das Zentrum bereits mit Einkaufszentren überfüllt, und man wundert sich, wieso die Geschäfte darin reihenweise aufgeben. in Zittau und Görlitz werden historische Gebäude, die Weltkrieg und DDR überstanden haben, zugunsten gesichtsloser Einkaufszentren plattgemacht. Ich habe den Eindruck, man stampft derzeit bundesweit reihenweise Einkaufszentren aus dem Boden, bevor sich rumspricht, dass auch der Dümmste irgendwann merkt, dass er eigentlich nichts mehr braucht…

    • gmr schreibt:

      Hallo Inge,
      Jenaer Weg habe ich deshalb geschrieben, weil sich der Originalbeitrag auf Jena bezogen hat.
      Natürlich weiß ich, dass er auch in Dresden gegangen wurde – erinnere dich nur einmal an die Prager Straße um 1980 – hässlich zwar, weil zu weitläufig, aber das wunderschöne Rundkino war ein Anziehungspunkt. Heute dagegen ist es irgendwo hinter den Einkaufszentren verschwunden und die Einkaufszentren selbst haben kein Profil.
      Dabei bin ich gar kein Gegner von innerstädtischen Einkaufszentren – sie sind jedenfalls viel besser, als die auf der grünen Wiese.
      Was sollte man also in Jena tun? Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Gäste mehr Zeit dort in entspannter Atmosphäre bleiben.
      Erinnere dich noch einmal an Dresden. Eine der besten Maßnahmen im Kaufhaus Prager Straße war die Garderobe. Im sommer hatte man kein Gepäck und im Winter entfiel das Schwitzen, man blieb länger, war entspannter.
      Übersetzt auf Jena hieße das:
      Da Jenas Einkaufszentrum relativ weitläufig ist, sollten vor allem Möglichkeiten geschaffen werden, die dazu einladen, möglicherweise über den ganzen Tag einzukaufen und die Waren – so man kein Auto hat – zwischendurch abzustellen.
      Für Familien mit Kindern könnte man zumindest am Samstag eine Kinderbetreuung anbieten. Am Besten an frischer Luft – also ein großer Kinderspielplatz mit und ohne Betreuungsmöglichkeit.
      Für ältere Menschen eine Parkanlage mit vielen Sitzmöglichkeiten und einer Gepäckaufbewahrung (Schließfächer?) zum Abstellen der bereits gekauften Waren.
      Für Besucher mittleren Alters einen Park, der mittels Gebüsch so gestaltet ist, dass man für kurze Zeit sich auf eine Bank setzen kann und das Gefühl hat, nicht in einer Stadt herum zu hetzen.
      Wichtig wäre dabei weiter, dass das inzwischen sehr stereotype Angebot – eine Folge der überall gleichen Ketten – aufgelockert wird. Der Innenstadtflohmarkt ist schon ein guter Weg, aber vielleicht könnte man auch einige feste Verkaufsstände aufbauen, die wochenweise an Kleinproduzenten der Umgebung vermietet werden. (Ich erinnere mich, dass es um 1980 in Dresden Neustadt eine Art Markthalle gab, die so etwas gemacht hat.)
      All das wären Maßnahmen, die das Einkaufen entkrampfen und dadurch letztlich dazu führen, dass sich die Gäste mehr Ruhe und mehr Zeit nehmen, öfters kommen und auch mehr kaufen.
      Und man bräuchte auch nicht den schönen großen Platz zubauen.

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    Entschuldigt, dass ich euren Dialog unterbrochen habe, um erst einmal ein wenig zu urlauben. Man kann nicht 365 Tage im Jahr bewegter Bürger sein, ohne irgendwann verrückt zu werden …
    Aber immerhin sammelt sich hier mehr Sachverstand als in den Gremien der Stadt. Oder auch nur gesunder Menschenverstand.
    Tatsächlich finden sich entlang der Platanenreihe in der Rathausgasse regelmäßig Stände von Händlern, nicht nur zum Flohmarkt. Früher war der Eichplatz der „bunte“ Markt – im Gegensatz zum „grünen“ Markt, der nach wie vor auf dem Markt seinen Platz hat. Dort gab es, als wir noch nicht von Einkaufszentren überschwemmt wurden, Bekleidung, Spielzeug, Haushaltwaren und alles sonst. Ein Teil des Sortiments hat sich inzwischen in den beiden Billig-Läden am Markt etabliert – wo seit Eröffnung der beiden Center immer mal ein Laden leersteht.
    Den Raum zum Ausruhen und Spielen sieht man auf dem Artikelfoto zu https://heidrunjaenchen.wordpress.com/2012/04/29/mein-erstes-mal/. Es ist nur ein sehr kleiner Spielplatz, ein Rest der DDR-Platzgestaltung, aber immerhin. Bei den Entwürfen für den Rest-Eichplatz waren auch ein oder zwei dabei, die den Raum mit Spielgeräten bevölkern wollten. Unnötig zu sagen, dass diese Entwürfe schon in der ersten Jury-Runde aussortiert wurden. Zu unordentlich, zu aufwendig, zu wenig lichtstadtmäßig. Statt altmodischen Bänken wird es Sitzstufen aus Beton geben – ohne Lehne natürlich und außer im Sommer zu kalt zum Sitzen. Dafür kann man sie einfach nicht kaputt machen, und für die Obdachlosen sind sie als Schlafstätte auch zu unbequem. Die klassische Win-Win-Situation für die Umgestalter.
    Warum man aus den schlechten Erfahrungen der anderen – Dresden ist nur eine Stadt in einer langen Liste – nichts lernen mag, ist mir schleierhaft. Entweder will sich unser OB unbedingt ein Denkmal setzen à la „Biermannkaufhalle“ (*) oder da gibt es noch ganz andere Interessen. Die Bestechung von Politikern ist in Deutschland nach wie vor nicht strafbar …

    * Für Uneingeweihte: Die Biermannkaufhalle hatte der ehemalige Direktor des Carl-Zeiss-Kombinates der Stadt abgetrotzt, damit seine Beschäftigten in der Nähe des Werkes eine Einkaufsmöglichkeit hatten. Man hat sie nach der Vereinigung abgerissen.

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