Marlitt und Science Fiction? Uwe Schimuneks Romantik

Was hat Eugenie Marlitt mit Science Fiction zu tun? Nichts, möchte man meinen. Die Gartenlaube-Autorin hielt sich mehr an irdische Romantik. Und doch gibt es Leute, die beides zusammenbringen.
Uwe Schimunek ist dafür bekannt, dass er Lesungen organisiert, bei denen die Autoren sogar was zu essen bekommen. Außerdem kann er schreiben – da sitzt jedes Komma. Und dann heißt das Buch auch noch „Das Thüringen-Projekt“. Ich lebe lange genug in Thüringen, um spontan Neugier zu entwickeln. Was geht da ab?
Schimuneks Thüringen ist bis zur Langweiligkeit harmonisch. Kleinere Reibereien gibt es, wo die zu knappen Ressourcen verteilt werden sollen – intelligente Frauen eingeschlossen. Nein, die werden nicht per Plan zugeteilt, aber sie sind immer ein guter Anlass für Reibereien unter jungen Männern. Es steckt etwas von DDR-Betulichkeit darin, der aber der disziplinierte, revolutionäre DDR-Fortschrittsglaube fehlt. Nein, in Thüringen will man nichts Neues. Bücher gibt es nur als Transkripte, bevorzugt Bücher aus dem Präpetrolaneum. Marlitt etwa.
Held Friedrich ist Student, Bücher-Abschreiber und Marlitt-Fan. Und äußerst zaghaft in Johanna verliebt. Wenn überhaupt etwas die Idylle stört, dann die Garde, die aus selbstherrlichen Großmäulern besteht wie jede Organisation, die mehr Macht als ihre Mitmenschen hat. Held Friedrich radelt von Erfurt nach Gotha, um Marlitt im Original zu lesen – eines Fettflecks auf der Kopie der Universität wegen. En passant sieht der Leser, wie man die Fabriken des Petrolaneums zwecks Rohstoffgewinnung demontiert. Den von Liebe und sonstigen positiven Gefühlen beflügelten Friedrich treibt es später in den gleich hinter Gotha beginnenden, undurchdringlichen Thüringer Wald. Er gerät an jene Stelle, wo der Neugierige den Himmel am Horizont anhebt, um zu sehen, was wohl dahinter steckt. Und diese Stelle ist entschieden seltsam.
Richtig rebellisch wird er allerdings erst, als Gardist Thoralf die Liebe zu Johanna gefährdet – weil er die junge Dame selbst ehelichen will. Es scheint, Rebellion wird immer aus ganz privaten, gefühlsduseligen Gründen geboren, und nicht etwa, weil jemand eines Morgens mit einem entwickelten Klassenbewusstsein oder dem unstillbaren Drang nach Pressefreiheit aufwacht. Ein Gedanke, der mir auch hin und wieder unterkommt.
Und dann, zwei Seiten vor Schluss, erfährt der Leser, was das nun eigentlich mit SF zu tun hat. Dass es hinterm Horizont weitergeht. Das ist ein bisschen kurz geraten, als hätte der Autor an diesem Teil keinen rechten Spaß gehabt. Mich hätte interessiert, wie es da weitergeht – hinter dem hochgehobenen Himmel.
Insgesamt ist es eines der seltsamsten Science-Fiction-Bücher, die mir über den Weg gelaufen sind: originell, aber auch ein wenig schlafmützig. Wenn man die Raumschlachten über hat, dann ist es eine gute Alternative. Möglichst auf einer Parkbank zu lesen.

Uwe Schimunek: „Das Thüringen-Projekt. Eine Liebesnovelle“,
ISBN: 978-3-942025-22-5, 120 Seiten, 9,95 €, fhl Verlag Leipzig, 2010

Das Cover habe ich von der Website des Autors geborgt. Ich hoffe, er hat nichts dagegen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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