Es lebe Mecklenburg!

Eigentlich beschloss ich nur deshalb, am Titisee Urlaub zu machen, weil mich eine Dienstreise nach Waldkirch daran erinnert hatte, dass ich vor zehn Jahren einen netten Urlaub in Münstertal hatte. Das ist insgesamt nicht ganz logisch, aber in der Regel funktioniert mein Bauchgefühl.
In der Regel. Und blöderweise war ich letztes Jahr in Waren an der Müritz.
Die erste Überraschung auf dem Campingplatz Weiherhof gab es bei der Anmeldung. Nicht nur, dass man die Kurtaxe erhöht hatte, es wurde auch noch Müllgebühr fällig – 9 Euro für die 9 Nächte. Zu Hause kann ich dafür mehr als eine 120-Liter-Tonne füllen, im Urlaub wurden es zwei umgenutzte Brotbeutel. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass das kostenlose WLAN tatsächlich 5 Euro für 5 Stunden kostet. Insgesamt zahlten wir stolze 23.50 Euro für zwei Leute, ein Zelt und ein Auto, genauer gesagt für einen graslosen Fleck Erde und zwei warme Duschen am Tag. Zelte sind offenbar nicht geplant. Wo sich das Gras zurückzieht, wird Split gestreut. Wohnwagen bringen einfach mehr Geld. Der Zeltplatz hatte sichtlich seine besten Tage hinter sich: In den Toilettenhäuschen gab es zwar noch Halter für Handtuch- und Seifenspender, aber weder Papierhandtücher noch Seife. Die dreiste Aufforderung, man möge die Waschräume so verlassen, wie man sie vorfinden möchte, führte mich zu der bangen Frage, ob ich jetzt wirklich bei der Rezeption um Eimer, Lappen und Putzmittel bitten sollte.

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Der Titisee mit charakteristischem Wetter

Für das Wetter kann keiner was, aber nur Titisee schafft es, für schlechtes Wetter Kurtaxe zu verlangen. Es war grundsätzlich wolkiger und um die 5°C kälter als überall sonst, einschließlich auf dem Feldberg, der zwar sehr zugig, dafür aber sonnig ist. Ich vermute, mit der Extraabgabe finanzieren sie in Titisee die Kühlaggregate … Kostenlos parken ist nicht. Eigentlich kann man nicht einmal halten, um einen Blick auf die Karte zu werfen oder das Navi anzuschreien. Wanderparkplätze? Nicht in und um das schöne Titisee. In Titisee wird nicht nutzlos herumgelaufen, sondern geshoppt: Schwarzwälder Schinken, Bollenhüte, Kuckucksuhren. Kuckucksuhren für 1600 Euro das Stück.
Anderswo in der Gegend gibt es wirklich Wanderwege, die man mit schwäbischem Starrsinn samt und sonders mit gelben Rauten markiert – was dazu führte, dass uns eine Splitfabrik (siehe Zeltplatz!) geradezu euphorisch stimmte: Sie wies den Weg zurück in die Zivilisation, auch wenn es ein staubiger Weg war.

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Der Mühlensee im Müritz-Nationalpark ist ein Wiedervernässungsgebiet. Nach jahrzehntelanger Trockenlegung lässt man der Natur wieder ihren Lauf.

An dieser Stelle befiel mich Sehnsucht nach Mecklenburg. Im Müritz-Nationalpark sind die gut gepflegten Wege reichlich mit Zeichen wie „rotes Reh“, „gelber Hase“ oder „blaue Glockenblume“ markiert. Sie sind, wie mir auffiel, sogar für Farbenblinde bestens geeignet. An den Weggabelungen stehen Übersichtskarten. Waren verlangt nicht einmal die Hälfte der Kurtaxe, stellt dafür aber reichlich freie Parkplätze in der Nähe des Müritzeums und Wanderparkplätze an den Eingängen zum Nationalpark. Die Eisdiele gibt Rabatt, wenn man die Kurtaxe-Bescheinigung vorzeigt. Manches wirkt ein bisschen verschlafen, und die DDR-Neubaublocks am Stadtrand sind definitiv keine Sehenswürdigkeiten, aber dafür gibt es auch ganz normale Läden, in denen man je nach Laune Taschenlampen, Bücher oder Socken kaufen kann, aber nicht eine einzige Kuckucksuhr.
Der Campingplatz „Ecktannen“ bietet für ganze 16 Euro nicht nur echtes, mit Maronen und Steinpilzen durchsetztes Gras, sondern auch geheizte, blitzsaubere Waschräume und kostenloses WLAN für Web-Junkies. Außerdem ist er so still, dass man beinahe das Zirpen der zahlreichen Fledermäuse hört. Oder das leise Knirschen des Himmelsgetriebes. Die Strandpromenade führt tatsächlich in unmittelbarer Ufernähe um den See – nicht wie der Seerundweg in Titisee, der sich zweihundert Meter vom Wasser die Straße entlang schleppt, weil das Ufer diversen Hotels privat gehört. Auf der Müritz gondelt ein ganzes Sortiment verschiedener Entenarten, Blesshühner und Möwen, und abends fliegen die Kraniche zu ihrem Nachtquartier. Es gibt tatsächlich eine Vogelart, die „Schnatterente“ heißt!
In Mecklenburg betreibt man nachhaltige Touristennutzung. Man möchte sichtlich, dass die Leute wiederkommen, während Titisee auf extensive Bewirtschaftung setzt. Der Ökologe sagt auch „Überweidung“ dazu. Es lebe Mecklenburg!
Wo außerdem die Welt hundert Jahre später untergeht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Es lebe Mecklenburg!

  1. Max Headroom schreibt:

    Den geschilderten Eindrücken kann ich mich voll und ganz anschließen. In Gegenden wie Titisee mag ich ergänzend dazu zwei Dinge nicht:
    1. Mit Zelt ist man Tourist zweiter Klasse. Wohnmobil sollte man schon haben. Das merkt man meistens am Untergrund.
    2. Ich möchte mich dort erholen und nicht ständig an meine Rolle als „konsumierendes touristisches Nutzvieh“ erinnert werden.
    Da bleibt einem nur die Verfahrensweise nach einem Zitat von Gerhard Polt:
    „Wir haben heuer mal eine Weltreise gemacht.
    Aber ich sag´s Ihnen gleich wie es ist: Da fahren wir nimmer hin.“

  2. totschka schreibt:

    Vielen Dank für den Tipp „Ecktannen“. Wir sind selbst Campingfreunde und gern mit einem schnöden Zelt erdverbunden unterwegs. Besonders wertvoll, da dort unser Hund willkommen ist.
    Caravan? Viel zu weit weg von der Erde…

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