Das i als Schwanzersatz

Ich bin Physiker. Sooft ich das sage, fühlt sich irgendwer bemüßigt, mich zu korrigieren: „Nein, du bist Physikerin“, Betonung auf der letzten Silbe, als sei ausgerechnet das Geschlecht das Wichtigste im Leben eines Optikentwicklers. Zugegeben, es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die über die Geschlechtsteile hinausgehen. Frauen sind meist die besseren Feinmotoriker – bei streichholzschachtelgroßen Projektoren habe ich einen Vorteil -, haben aber weniger Kraft – die 8 Kilo schwere Photonenkanone auf den anderthalb Meter hohen Prüfstand zu wuchten, ist eine Herausforderung. Männer sind öfter farbenblind oder farbenschwach, was in der Optik ein Problem ist – das betrifft freilich nur neun Prozent von ihnen. Die anderen 91 % sehen auch nicht schlechter als Frauen.
Aber davon abgesehen? Davon abgesehen sind wir Physiker und Ingenieure. Ich bin anders als die anderen Jungs – na und?
Die Schlacht um geschlechtergerechte Sprache ist ein Scheingefecht, das auf der Bühne ausgetragen wird, damit man den eigentlichen Krieg nicht sieht. Der clevere Personalchef bezeichnet seine Mitarbeiterinnen mit dem passenden Geschlecht – und zahlt ihnen weniger als Männern in vergleichbaren Berufen. Frau kann sich nicht beklagen. Man versteckt sie ja gar nicht hinter dem generischen Maskulinum. Im Gegenteil! Nur zu dumm, dass sich gerade dieses Gegenteil finanziell auswirkt.

Dabei gäbe es ernsthafte Ansätze, für mehr Gleichberechtigung zu sorgen:
Warum werden Frauenberufe schlechter bezahlt als Männerberufe?
Die Ausbildung unserer Kinder ist uns weniger wert als die Konstruktion unserer Autos. Die Altenpflegerin verdient weniger als der Installateur – dass sie weniger leistet, muss noch bewiesen werden. Das sollte man bei jeder passenden Gelegenheit zu dem Skandal machen, der es ist.
Frauen als demographisches Risiko
Die Deutschen bekommen zu wenig Kinder, da sind sich fast alle einig. Aber doch bitte nicht die eigene Belegschaft! Bei gleicher Eignung bekommt ein junger Mann den Job, denn die junge Frau könnte ja für ein Jahr ausfallen, wenn sie schwanger wird. Vätermonate sind eine wirklich gute Idee. Plötzlich merken Unternehmen, dass auch Männer ausfallen können – selbst Männer über 40. Also – redet allen Männern gut zu, sich als weicheiernder Familienmensch zu outen und die zwei Vätermonate zu nehmen.
Kinderbetreuung
Frauen müssen sich vor allem im Westen zwischen Beruf und Familie entscheiden, weil sich hartnäckig das Gerücht hält, Eltern seien zwangsläufig die besten Erzieher ihrer Kinder, und zwar genau bis zum sechsten Lebensjahr. Stopp, nicht Eltern, sondern Mütter. Ich hatte eine Kollegin, deren Eltern taubstumm sind. Sie haben ihre Tochter bestimmt nicht vernachlässigt – aber Sprechen hat sie nicht von ihnen gelernt. Das ist ein Extremfall, sicher, aber er zeigt, dass es Dinge gibt, die Eltern ihren Kindern nicht geben können. Kitas sind Bildungseinrichtungen, keine Verwahranstalten. Sie zu fördern, ist viel wichtiger als Steuersenkungen.
Anonyme Bewerbungen
Das ist nun das ganze Gegenteil des großen I und der geschlechtergerechten Sprache. Verbalfeministinnen kämpfen dafür, dass auf Diplom-, Master- und Promotionsurkunden weibliche Berufsbezeichnungen stehen, statt Gleichheit zu fordern: Bewerbung ohne Foto und Name. Diese Idee finden sogar einige Männer gut, weil sie z. B. an Haarausfall leiden und deshalb älter aussehen, als sie sind. Ein Testlauf unter anderem bei der Telekom hat zwar keine wissenschaftlich eindeutigen Ergebnisse gebracht, aber das sollte vor allem ein Grund sein, ihn zu wiederholen.

Frau kann natürlich auch in die Politik gehen und selbst für entsprechende Gesetze sorgen, obwohl das vorhandene weibliche Politpersonal zu wenig Hoffnung Anlass gibt. Vor allem aber sollte sie sich um die Dinge kümmern, die Butter aufs Brot bringen. Betriebsrat werden und ungerechten Einstufungen widersprechen zum Beispiel. Meinetwegen auch Betriebsrätin.
Ganz brutal ausgedrückt: Es ist mir völlig egal, ob man meinem Beruf eine weibliche Endung anhängt oder nicht, solange ich einen ordentlichen Job mit einer gerechten Bezahlung bekomme, der mich finanziell unabhängig macht. Ich bin gern „unsichtbar“, wenn ich genauso behandelt werde wie meine Kollegen. Das ist Gleichberechtigung.
Das Herumgezicke um große Is und Quälwörter wie „Studierende“ hat nur zur Folge, dass berechtigte Frauenforderungen lächerlich gemacht werden – falls sie hinter dem verbalradikalen Getöse überhaupt noch wahrgenommen werden. Wie* ein I für Emanzipation hält, die braucht eigentlich nur einen Schwanzersatz, um damit zu wedeln.

*muss natürlich „wer“ heißen, aber da steckt ein „er“ drin. Ganz schlecht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Das i als Schwanzersatz

  1. redspeedy schreibt:

    Hallo Heidrun,
    bin soeben durch Zufall (genauer war es der Blog von Totschka) über deine Seite „gefallen“. Der „Schwanzersatz“ hat mich dazu gebracht, deine anderen Beiträge zu überfliegen, das eine oder andere Thema hat mich zum weiterlesen veranlasst. Alles in allem war es eine vergnügliche Stunde, die ich hier mit Lesen verbracht habe. Vielen Dank dafür und dein Verleger hatte recht :-).

    Grüße aus der Altmark
    Karsten

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Hallo Karsten,
    na, das freut mich doch. Eigentlich hatte ich eher mit Kritik für diesen Artikel gerechnet, aber bei Totschka sind wohl eher „gelernte DDR-Bürger“ unterwegs, die bei der ganzen I-Debatte verständnislos gucken und sich fragen, was man eigentlich von ihnen will. Damals(TM) hatte ich ja auch eine Planstelle mit Standardgehalt, und die wurde ohne Ansehen des Geschlechtes nach Notendurchschnitt vergeben …
    Grüße aus dem Saaletal,
    Heidrun

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