Blühende Landschaften … und Reiner

Plauen im sächsischen Vogtland, zwanzig Jahre danach.

Jetzt schwingen sie wieder ihre Reden, die Feiertagsschwätzer. Pfarrer Gauck, der 1989 auf den „Zug der Deutschen Einheit“ (H. Kohl) aufsprang, als der gerade im Zielbahnhof gehalten hatte, wird wieder von „Freiheit“ reden.
Ich sehe dabei das Gesicht von Reiner vor mir: Leiharbeiter, Mitte 50, gerade „abgekündigt“. Reiner, der mich fragt, ob man da nicht irgendwas tun könnte. Weil er vor dem schlechtbezahlten Leiharbeitsjob auf Hartz IV war und die Verleihfirma ihn vermutlich sofort rausschmeißt, wenn er nicht mehr nachgefragt wird.
Im Osten Deutschlands liegt die Arbeitslosenrate inzwischen nur noch bei 11 %. Das ist wie seit zwanzig Jahren das Doppelte der westdeutschen Rate. Man feiert das als Erfolg, wenn man nicht gerade Reiner heißt.
Die Arbeitsproduktivität ist im Osten noch immer niedriger als im Westen, wie „Die Welt“ aus dem alljährlichen Bericht zum Stand der deutschen Uneinigkeit zitiert, jubelt aber, dass die ostdeutsche Industrie trotzdem auf dem Vormarsch sei – weil die Löhne viel niedriger sind. Die Lohnstückkosten liegen im Osten 11 % unter Westniveau. Folgerichtig belegen die Ostländer die Plätze 12 bis 16 bei den mittleren Arbeitseinkommen. Zwischen Bayern und Sachsen-Anhalt besteht ein Kaufkraftunterschied von fast 5000 Euro pro Nase und Jahr. Wer seinen Job verliert, landet nicht selten direkt bei Hartz IV, weil das Arbeitslosengeld lächerlich gering ist. Manche beziehen freilich auch „ergänzende Sozialhilfe“, obwohl sie acht Stunden am Tag eine qualifizierte Arbeit machen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Für Reiner heißt das: 7.01 € pro Stunde.
„Die Welt“ findet noch einen Punkt, wo der Osten führend ist: bei der Bundeswehr, allerdings nur bei den Standorten, nicht bei den Generälen. Da sind Ossis Mangelware. Überproportional ist hingegen ihr Anteil an den einfachen Soldaten in Afghanistan – was die Zeitung verschweigt – und an den Gefallenen.
Der Ostbeauftragte Christoph Bergner, ein Politiker von exemplarischer Nutzlosigkeit, hat zum Tag der Einheit verkündet, die Rentenformel Ost werde auch in dieser Wahlperiode nicht an die Rentenformel West angepasst. Wer heute im Osten arbeitet, erwirbt weniger Rentenanspruch als jemand, der den gleichen Job im Westen macht. Es sind ja erst zweiundzwanzig Jahre seit der Vereinigung vergangen. Dass Reiner als Rentner arm und auf Grundsicherung angewiesen sein wird, weiß er schon.
Oskar Lafontaine hat 1990 die Bundestagswahl vergeigt, weil er meinte, die Angleichung der Lebensverhältnisse würde zwanzig Jahre dauern. Dieser linke Traumtänzer mal wieder!
Ich sage Reiner, dass es das ganze Leiharbeitssystem genau deshalb gibt, weil der Betriebsrat da nichts machen kann. Gar nichts.
Deutschland, einig Vaterland …

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Blühende Landschaften … und Reiner

  1. totschka schreibt:

    Zum Feiertag werde ich nach dem Frühstück mit dem Hund einen langen Spaziergang zum Frühschoppen (ca. 6 km) machen und die schwermütigen Gedanken, die beim Lesen dieses passenden Artikels wieder hervorkriechen, mit ein paar Bierchen vertreiben. Die Freiheit nehm‘ ich mir!

  2. redspeedy schreibt:

    Ich hatte mich schon gefragt was aus „Tränenchristoph“ Bergner – so sein wohlverdienter Spitzname hier im anhaltendem Sachsen als er noch Ministerpräsident war – geworden ist. Aber solche Plattnasen kommen ja immer unter …

    Ich denke bei all den Erfolgsmeldungen zur Jubelfeier an meinen ältesten Bruder, der sich jetzt – mit 60 – aus Hartz IV in die Rente „rettet“ …

    „“Ach, wissen Se, ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“ (M. Liebermann)

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    Die Fettaugen schwimmen immer oben … Manchen Leuten gelingt es, trotz völliger Untätigkeit immer einen warmen Posten zu haben, und andere wursteln sich krumm, ohne zu was zu kommen. Der Ostbeauftragte ist jedenfalls eine besonders überflüssige Einrichtung. Abschaffen und dafür zwei Stadtgärtner und eine Putzfrau einstellen.

  4. Pingback: Heidrun Jänchen zum Tag der deutschen Einheit « Notizen aus der Unterwelt

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