Paradies 1.0: Die Saale erleben

Ein ominöser Verein namens SaaleVision hat sich in den Kopf gesetzt, die Saale erlebbar zu gestalten. Als Vorbild dient ihnen der Zustand von vor hundert Jahren. Und um den wieder herzustellen, müsste man den einen und anderen Baum am Ufer fällen und das Unterholz entfernen. Was übrig bleibt, soll teilweise „auf Stock gesetzt“ werden. Das heißt: Man sägt vom Baum alles bis auf den Stamm weg und erhält eine einigermaßen grüne Säule, die mit einem Baum kaum noch etwas gemein hat.
Ich habe keine Ahnung, wie man auf derartige Ideen kommt. Die Frau des 21. Jahrhunderts ist nicht mit Stöckelschuh und Reifrock im Jenaer Paradies unterwegs, sondern in Sportschuhen und Laufshirt. Der Volkspark wimmelt von Familien mit Kindern, Hundeausführern, Liebespaaren und feiernden Studenten. Wer sich eine Minute Zeit nimmt, kann die Saale in voller Schönheit sehen. Die Bäume sind ein bevögeltes Biotop – Wachholderdrosseln, Kleiber, Buchfinken, Spechte, das übliche Sortiment an Spatzen, Meisen, Amseln … Und Stockenten natürlich. Sogar eine schwarzweiße Rabenkrähe gibt es. Vor einiger Zeit haben die Biologen der Universität Jena auch noch das Probleminsekt aller deutschen Stadtumgestalter gefunden: den Juchtenkäfer.
Ein Stück flussaufwärts tobt sommers erst recht das Leben: Langstreckenschwimmer teilen sich das Gewässer mit Ruderern, Kanuten, Drachenbooten. Wer schon mal in einem derartigen Zwanziger gesessen hat, der hat mehr Saale erlebt, als ihm lieb war. Wenn man von der neuen Fußgängerbrücke ins Wasser springt – ein beliebtes Vergnügen – wird man auch nicht nasser.
Die bisherige Umgestaltung hatte viel mit Pflaster und Kies zu tun, denn Grasflächen müssen gemäht werden und sind deshalb lästig. Quer durch die Wiese wurde eine Straße für LKW angelegt, als die Bahn den neuen ICE-Bahnhof baute – der nicht nur extrem ungemütlich ist, sondern weitgehend überflüssig, weil die Bahn den ICE-Verkehr in Jena ohnehin einstellen will. Was blieb, ist die Straße, auf der nächtlich Autos rasen – wohl weil es cool ist.
Wege und Flächen, die einfach nur aus Dreck bestanden, wurden großräumig mit Pflaster aufgewertet. Aber wenn ich Pflaster erleben will, dann kann ich mich auch mitten in der Stadt auf einen der umgestalteten Plätze legen. Innerhalb kürzester Zeit wurden die wenig anziehenden Steinflächen mit Graffiti … nun, auch nicht gerade verschönert. Das ist der ultimative Vorteil des Grünzeugs. Oder habt ihr schon mal einen besprayten Busch gesehen?
Jetzt wollen die Stadtumgestalter das im großen Maßstab weitertreiben. Dass für die Prestigprojekte wie Handkurbelfähre und Fontäne in der Saale bald kein Geld mehr da sein wird, ist absehbar. Die Fontäne wird im Frühjahr einfach nicht mehr angeschaltet werden, und die Fähre wird man aus Sicherheitsgründen sperren. Ob auf Stock gesetzte Bäume je wieder Äste treiben, weiß ich noch nicht. Das Unterholz am Flussufer jedenfalls wird Jahre brauchen, um sich zu erholen.
Besuchen Sie das Paradies, solange es noch steht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Paradies 1.0: Die Saale erleben

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