Shanghait in Eisenberg

Ungefähr so fühlt man sich nach acht Stunden Landesparteitag: einigermaßen zerknittert, aber in fröhlichen Farben.

Eigentlich ging es mir ja nur um die Bäume, die rings um den Jenaer Eichplatz stehen und unbedingt dem größten denkbaren Einkaufs-zentrum weichen sollen – und die Jenaer Piraten waren bereit, mich nach Kräften zu unterstützen. Dann hatten sie „Leiharbeit“ auf ihrer Programmliste stehen und kamen mit dem Thema sichtlich nicht zurecht. Da ich das Gesetz über moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt inzwischen fast auswendig kenne, bot ich an, sie aufzutakten. „Schreib einfach mal was“, lautete die Antwort. Das wirkt auf mich wie ein Reifen auf ein Zirkustier: Ich sprang.
Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, denn was „Initiativstrafe“ heißt, weiß ich seit Studentenclubzeiten. Kaum hatte ich geschrieben, kam die freundliche Frage, ob ich die Anträge nicht selbst auf dem Landesparteitag vorstellen oder wenigstens erläutern wollen würde. Mein Einwurf, als Nicht-Pirat könnte ich das wohl nicht, erwies sich als gegenstandslos. Jeder kann.
Und so fand ich mich allein unter Piraten auf dem Thüringer Landesparteitag 2012.2 in Eisenberg. Das Thema war mir zu wichtig.
Noch unterwegs erfuhr ich, dass man es am Sonnabend nicht geschafft hatte, die Landesliste für die Bundestagsliste aufzustellen. Es wurde sogar noch schlimmer. Mindestens eine halbe Stunde verging mit der basisdemokratischen Diskussion, wann ein Kreuz ein Kreuz ist. Als man endlich darüber abgestimmt hatte, ob a) ein Wählerwille erkennbar und b) das an die Wand gebeamte, fragliche Kreuz ein Kreuz sei, trat Bundesgeschäftsführer Johannes Ponader ans Mikrophon und erklärte, andersrum wäre es richtig gewesen: erst das Kreuz und dann der Wählerwille. An dieser Stelle muss ich schlimm trostbedürftig ausgesehen haben, denn der Jenaer politische Geschäftsführer brachte mir einen Kaffee.
Gefühlte zehn Jahre später gab er mir ein Rostbrätel aus. Man hatte es noch immer nicht geschafft, eine Liste aufzustellen. Die Piraten der Jenaer AG Kommunalpolitik erkundigten sich besorgt, ob ich ihnen je verzeihen könnte. Einer twitterte, Mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-Rennen verbrauche 150 kcal pro Stunde – der neue Ausgleichssport für Piraten. Ein anderer verkündete die Gründung der AG Amok. Der Galgenhumor traf meinen Nerv.
Der Vorstand war sichtlich bemüht, die einzige Frau unter den Kandidaten auf die Liste zu hieven – und scheiterte. Auf die einzige Frage bei der Kandidatenvorstellung, ob sie im Bundestag für eine Frauenquote in den Vorstandsetagen stimmen würde, hatte sie geantwortet, das könnte sie in zwei Minuten nicht beantworten, würde aber gern morgen schriftlich … Seufz. Genau das braucht man im Bundestag. Mädel, das ist keine Krabbelgruppe da. Ich Macho hätte sie daraufhin auch nicht gewählt, wenn ich denn hätte wählen dürfen. Das kann nicht jeder; dafür muss man Beitrag bezahlt haben. Auf Twitter startete eine Sexismus-Debatte – ausgerechnet von Julia Schramm losgetreten. Dabei war man vor der Abstimmung noch zum generischen Femininum übergegangen, was besonders lustig war, als man den einzigen Kandidaten für den Landes-Geschäftsführer namens Benjamin als „Kandidatin“ aufführte.
15:00 Uhr: Der Jenaer Geschäftsführer Frank Cebulla bot mir an, ein Taxi zu ordern und mich nach Hause bringen zu lassen, da in den schließlich verbleibenden drei Stunden meine Anträge 33 bis 39 ohnehin nicht mehr zu schaffen waren. Ich hatte inzwischen ein ausgewachsenes Stockholm-Syndrom entwickelt und lehnte ab. Irgendwie wollte ich wissen, wie der Wahnsinn ausgeht.
Bereut habe ich das nicht, denn kaum ging es um Inhalte, lief das Ganze erstaunlich konstruktiv und organisiert ab, allerdings nicht ohne hitzige Diskussionen. Die Antragstellerei ist insgesamt noch verbesserungsfähig. Zwischen Einreichung und Abstimmung auf dem Parteitag sollte man wenigstens noch eine virtuelle Diskussionsrunde einlegen, um grobe Fehler berichtigen zu können. Wie ich feststellte, fehlte auch meiner Nummer 33 ein Wort, was aber nichts machte. Bis die behandelt wird, kann ich sie noch zehmal einreichen.
„Und, wie fandest du das nun?“, fragte mich Frank, als wir auf dem Rückweg waren. Tja, ich hatte selten einen so lustigen völlig verpfuschten Sonntag. Das Chaos hat einen neuen Namen. Nur die AG Catering funktionierte so reibungslos, dass ich sie als neuen Landesvorstand vorschlug. Und die Jenaer AG Kopo ist rührend lieb. Nach der Erfahrung vom Wochenende finde ich die gar nicht mehr chaotisch, sondern geradezu preußisch diszipliniert.
Außerdem geht es immer noch um Bäume und Leiharbeit, was wohl heißt, dass ich mich auf „Allein unter Piraten 2.0“ vorbereiten sollte … Aber dann nehme ich mir Baldriantee mit, ein Laptop und einen Knüppel – falls die AG Amok doch Ernst macht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Shanghait in Eisenberg

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