Probleme reicher Frauen

Die EU-Kommission hat tatsächlich eine Frauenquote für Aufsichtsratsposten beschlossen. Das heißt: nicht ganz, sondern eine Minderheitenquote. Je zwei von fünf Sitzen sollen auf das Minderheitsgeschlecht entfallen – ganz und gar gleichberechtigt, so dass auch der Vorwurf der positiven Diskriminierung nicht greift. Es könnte ja auch eine weibliche Mehrheit geben – rein theoretisch. Erstaunlicherweise halten viele Frauen das für einen Beitrag zur Gleichberechtigung. Betroffen sind börsennotierte Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern und mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz. In Deutschland sind das etwa 5000. Es geht also um schätzungsweise 20000 bestdotierte Versorgungsposten, wobei das nicht unbedingt auch 20000 Personen heißt, da es manche Leute schaffen, in mehreren Aufsichtsräten gleichzeitig wenig bis gar nichts zu tun.
In Deutschland gibt es grob gerechnet 40 Millionen Frauen (ja, einige sind noch nicht erwachsen, aber die verzerren das Bild nur unwesentlich). Für gerade mal ein halbes Promille wird sich also ein steiler Aufstieg auftun. Wer glaubt, dass nun fähige Frauen, Ingenieurinnen oder auch Betriebswirtschaftlerinnen, eine Chance bekommen, der hat noch nicht verstanden, wie derartige Posten vergeben werden: innerhalb der Fettschicht, die immer oben schwimmt, unter Eliteschulabsolventen und Kindern von Leuten, die auch schon in Aufsichtsräten sitzen.
Ehrlicherweise muss man hier anfügen, dass bereits etwa 15 Prozent der deutschen Aufsichtsratssitze von Frauen besessen werden. Das sind in aller Regel Beschäftigtenvertreterinnen, die im Rahmen der Mitbestimmung auf diese Posten gekommen sind. Die Gewerkschaften bemühen sich schon länger, da Frauen und Männer gleichermaßen zu beteiligen. Allerdings haben diese Aufsichtsräte nicht viel davon, denn die mehr oder weniger fetten Bezüge landen in diesem Fall bei der Gewerkschaft. Die IG Metall veröffentlicht akribisch die Namen aller Beschäftigtenvertreter, die dieser freiwilligen Verpflichtung nachkommen.
Aber werden sich Frauen an der Spitze nicht auch für Frauen weiter unten einsetzen?
Warum sollten sie? Die künftige Aufsichtsrätin ist einem Aufsichtsrat viel ähnlicher als der Leiharbeiterin am Montageband.
Wir haben eine weibliche Kanzlerin, eine Familien-, Arbeits- und Bildungsministerin. Und – hat’s was nützt? Der Kita-Ausbau kommt nicht voran, aber wir haben eine Herdprämie. Das Bildungswesen ist weiterhin eine kleinstaaterisch chaotische Katastrophe. Frau Schavan meint, die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge seien ein voller Erfolg, obwohl die Zahl der Studenten, die für ein oder zwei Semester ins Ausland gehen, sogar gesunken ist – weil die Lehrpläne tatsächlich in keiner Weise kompatibel sind. Frauen sind noch immer die große Masse der mies bezahlten Mini-Jobber und verdienen noch immer um die 20 Prozent weniger als Männer im gleichen Beruf. Von der Differenz zwischen typischen Frauen- und Männerberufen mal ganz zu schweigen.
Fortschritte nach fast acht Jahren Kanzlerinnenschaft? Fehlanzeige.
Man schafft Versorgungsposten für reiche Frauen aus einflussreichen Familien. Warum zum Geier sollte mich das freuen? Man diskutiert seit Monaten darüber, als ginge es tatsächlich um etwas Wichtiges, obwohl es 39.98 Millionen Frauen im Land kein Stück Butter aufs Brot bringen wird. Halleluja! Und während man sich für diesen Pseudosieg der Gleichberechtigung feiert, vergisst man mal wieder den Mindestlohn, der Frauen aus der Armut holen würde.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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