Aus der diskriminierungsfreien Gesellschaft

„Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie vielleicht ansprechen?“
„Wie? Das haben Sie aber doch gerade …“
„Ja … tut mir leid. Ich wusste nicht, wie ich Sie sonst fragen sollte.“
„Nun, wo Sie einmal dabei sind – was wollten Sie eigentlich wissen?“
„Wäre es ein Problem für Sie, wenn ich Sie geschlechtseindeutig anspreche? Sie scheinen mir weiblich zu sein, wenn ich mich nicht irre.“
„Äh, ja. Auch wenn ich das noch nie hinterfragt habe. Aber gewohnheitsmäßig schon.“
„Dürfte ich Sie vielleicht ein klein wenig diskriminieren?“
„Diskriminieren? Wozu das denn?“
„Nun, da wir uns bisher nicht kennen, kann ich mein Interesse an Ihrer Person schwerlich auf Ihre Intelligenz, Ihren zweifellos freundlichen Charakter oder die Eleganz Ihrer Rede zurückführen. Ich muss also zwangsläufig gestehen, dass Ihre optische Erscheinung meine Libido anspricht.“
„Ja, das klingt logisch. Nehmen wir einmal an, ich würde diese Diskriminierung akzeptabel finden.“
„Dann würde ich Sie zu einem Kaffee einladen. Vielleicht ergeben sich auch einem Gespräch ja Ansätze, um Sie völlig diskriminierungsfrei ansprechen zu können. Ich würde ungern den Eindruck erwecken, dass ich Sie als Sexobjekt betrachte.“
„Einen Versuch wäre es immerhin wert.“
„Damit machen Sie mir eine große Freude.“
„Aber nur, wenn ich meinen Kaffee selbst bezahlen darf. Ich will mich nicht wirtschaftlich von Ihnen abhängig machen.“

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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6 Antworten zu Aus der diskriminierungsfreien Gesellschaft

  1. semantomorph schreibt:

    😀 Mach eine ganze Geschichte draus!

  2. redspeedy schreibt:

    “Aber nur, wenn ich meinen Kaffee selbst bezahlen darf. Ich will mich nicht wirtschaftlich von Ihnen abhängig machen.”
    Soweit geht die Emanzipation – nach meiner Erfahrung jedenfalls – nicht unbedingt. 🙂 Meist werden solch überholte Verhaltensmuster wie: der Mann bezahlt, hält die Tür auf usw. als durchaus positive „Skillpoints“ von den Menschinnen gesehen.
    Grundsätzlich habe ich damit auch kein Problem.
    Ich denke es gibt wichtigere Dinge, in denen sich wirkliche Gleichberechtigung widerspiegelt, z.B. gleicher Lohn für gleiche Arbeit usw. All den Nebelkerzen und extremen Überziehungen stehe ich dann doch eher amüsiert gegenüber. „Die Mondin“ und „die Person, die das Amt des Bürgermeisters inne hat“ stehen bei mir diesbezüglich in den Top 10. 😉

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Deshalb läuft es ja auch unter Science Fiction. Wir kommen noch dahin, dass der Kaffee als sexuelle Belästigung gilt.
      Was gleiches Geld für gleiche Arbeit betrifft – darüber lasse ich mich gern und viel aus. Geschlechtergerechtigkeit, die nicht vor allem ökonomisch ist, ist keine, sondern nur Theater für schlichte Gemüter.
      Allerdings finde ich „die Mondin“ nicht schlimm, zumal Luna in vielen Sprachen tatsächlich weiblich ist und eher zu den traditionellen und mythischen weiblichen Eigenschaften passt als der strahlende Herr Sonne. So viel Spieltrieb sollte in der Sprache erlaubt sein. Aber korrekt muss es lauten: „Die Person, die das Amt des Bürgermenschen inne hat.“ Üb noch mal 😉

      • redspeedy schreibt:

        Na ja, akzeptiere ich nur, wenn für dich „der Sonne“ auch okay ist :-). Einiges an nicht nur sprachlichen Neuregelungen durften wir in den letzten 20 Jahren ja sowieso schon lernen, warum also nicht der Austausch des Geschlechts bei Mond und Sonne? Und das mit dem Bürgermeister ist ein Zitat von der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten im schönen Sachsen-Anhalt, ich glaube Frau Plöger …
        Ansonsten denke ich, dass sprachliche Regelungen das letzte Problem sind, womit sich Gleichstellungsbeauftragte beschäftigen sollten, wenn sie ihren Job Ernst nehmen.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Ich glaube, es sollte dann „der Sonn“ heißen. Das E am Ende hört sich zu weiblich an. Im Französischen ist unser Zentralgestirn männlich; man gewöhnt sich dran. Aber ich mache einen Unterschied zwischen poetisch-literarischen Anfällen, bei denen ich fast alles akzeptiere, wenn es einen guten Grund hat, und der krampfhaften Normierung der Umgangssprache. Siehe auch: https://heidrunjaenchen.wordpress.com/2012/09/26/das-i-als-schwanzersatz/.
        Und gestehe, ich habe mich letztens (wie ebenfalls weiter unten zu lesen ist) zu einem Kaffee einladen lassen. Aber ich hatte das Gefühl, es beruhigte das schlechte Gewissen des beteiligten Mannes. Hätte ich ihn leiden lassen sollen? Wegen fünfzig Cent?

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