Im Exil – eine Weihnachtsgeschichte

LebkuchenInzwischen glaubte ich schon fast an eine Verschwörung, eine alptraumhafte Welt, in der mir alle einredeten, ich würde mir da etwas einbilden. War meine Erinnerung korrekt? Oder hatte sich eine literarische Spinnerei verselbstständigt?
Egal, wen ich fragte, niemand hatte je etwas von dem Wort verurachen gehört. In Dresden bot man mir immerhin das gleichbedeutende verurschen an. Aber verurachen? Keine Chance. Jahrelang habe ich Hinz und Kunz gefragt.
Gestern besuchten wir zwischen der Weihnachtslesung und der Weihnachtsfeier der Thüringer Schriftstellerverbandes den heimeligen Suhler Weihnachtsmarkt. Suhl, das ist so weit hinter den Bergen, dass man nur durch kilometerlange Tunnel hinkommt. Beflügelt vom Winzer-Glühwein (Winzer in Suhl? Warum nicht gleich auf Grönland?) und inspiriert von einer Diskussion über die Unterschiede des Sächsischen und Thüringer-Wäldischen hatte ich eine Eingebung.
Ich fragte Matthias Biskupek: „Du, sag mal – kennst du das Wort verurachen?“
Ein breites Grinsen erhellte sein Gesicht. „Nu klår!“
Das skandinavische å ist für die Wiedergabe der sächsischen Sprache wie geschaffen. Matthias ist in Mittweida aufgewachsen, gerade mal zwanzig Kilometer vom heimischen Mohsdorf. Ich war nicht verrückt. Auf meine Erinnerung war Verlass. Weihnachtliches Glück befiel uns, so fern von der sächsischen Heimat dem alten Wort zu begegnen, das mutmaßlich von verunrechten verdialektet wurde und so viel bedeutet wie: eine Sache schlecht behandeln und zu Schaden kommen lassen. Eine Todsünde für alle Leute, die kurz nach dem letzten Weltkrieg aufgewachsen sind.
Wir freuten uns über das gemeinsame Wort malfern (trockenen Dreck aufwirbeln), und ich wunderte mich über das mir unbekannte Mittwedsche Mebse, das nach Matthias‘ Aussage Schlamm bezeichnet. Das Herummoddern in Schlamm nennt man in Ostthüringen schlammastern. Wir bestätigten einander, dass Marienkäfer natürlich Himmelmiezel heißen und nicht etwa Mutschegiebschn wie in Leipzig, jenseits der Mulde.
Als Matthias am späteren Abend über einen Vereinnahmungsversuch mit den Worten berichtete: „Der tut so, als hätten wir zusammen gedreckert“ (im Sandkasten gespielt), fühlte ich mich im Thüringischen Exil ganz und gar zu Hause.
Später am Abend umarmten wir einander herzlich und schieden dankbar und glücklich, wohl wissend, dass Sachsen ist, wo immer zwei Sachsen einander begegnen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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