Bundestag erlaubt schwere Körperverletzung

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“
Grundgesetz, Artikel 2.2

Penis_senseDas Grundgesetz ist eindeutig, sollte man meinen. Keinem Menschen ist es erlaubt, einen anderen zu verletzen, sollte es keinen medizinischen Grund dafür geben.
Trotzdem stimmten heute 434 Abgeordnete dafür, schwere Körperverletzung straffrei zu stellen. 100 stimmten dagegen, 46 enthielten sich. Was die Sache schlimmer macht: Sie legalisierten die Körperverletzung an Kindern.
Was kann Menschen in einem demokratischen und angeblich den Menschenrechten verpflichteten Land zu einer derartigen Entscheidung treiben? Die Antwort ist einfach: Religion. Nachdem ein klar denkendes deutsches Gericht zu dem Urteil kam, dass die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung strafbar ist, hat man jetzt „Rechtssicherheit geschaffen“, also Unrecht in Recht umdefiniert. Man hat auch noch festgestellt, dass in den ersten 6 Lebensmonaten Nichtärzte ohne entsprechende Narkose den Eingriff vornehmen dürfen.
An dieser Stelle drängt es mich, die Begriffe richtigzustellen. Es muss „männliche Genitalverstümmelung“ heißen, analog zur weiblichen Genitalverstümmelung, die zurecht im Lande geächtet ist. Aus religiösen Gründen darf man kleinen Jungen die Vorhaut ihres Penis abschneiden. Wo ist die Grenze? Ohren sind zweifellos nützlich (so wie die Vorhaut beim Sex, meinen Mediziner), aber unbedingt notwendig sind sie nicht. Und warum bei der körperlichen Unversehrtheit aufhören? Ist das Seelenheil nicht wichtiger als das schnöde Leben? Wurde genau damit nicht die Inquisition begründet? War es für Hexen nicht besser, verbrannt zu werden, als weiter in Sünde zu leben?
Es ist mir einigermaßen egal, wenn erwachsene Menschen sich Teile ihres Körpers abschneiden lassen, um ihrem Gott einen Wohlgefallen zu tun. Meinetwegen können sie ihren Penis komplett amputieren lassen, wenn sie glauben, damit ihrem Seelenheil zu helfen. Aber Kindern derlei Errettung zwangszuverordnen – das ist schlicht grundgesetzwidrig. Der nichtmedizinische Eingriff ist unumkehrbar. Er ist unnötig. Er ist gefährlich. Er zwingt nicht religionsmündigen Kindern ein Bekenntnis auf, dass sie bis an ihr Lebensende vor sich her tragen müssen, etwa in der Dusche nach dem Sportunterricht. Uneingeschränkt religionsmündig ist ein Kind in Deutschland ab dem 14. Lebensjahr. Einem Oppositionsentwurf von Politikern der SPD, Linken und Grünen, der eine Beschneidung erst ab diesem Alter zulassen wollte, gaben nur 91 deutsche Parlamentarier ihre Stimme.
In Deutschland, wo kopftuchtragende muslimische Frauen nicht an Schulen unterrichten dürfen, ist es erlaubt, aus religiösen Gründen kleine Jungen zu verstümmeln. Die Scheinheiligkeit ist nur schwer zu übertreffen. Der heutige Tag markiert den Rückfall ins Mittelalter.

Jena:
Mein Freund und Kollege Ralph Lenkert (Die Linke) stimmte erwartungsgemäß gegen das neue Gesetz. MdB Peter Röhlinger (FDP), ein Veterinärmediziner, stimmte dafür. Eigentlich hatte ich auch das erwartet.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Bundestag erlaubt schwere Körperverletzung

  1. monologe schreibt:

    Ja, und da gab es auch noch allerhand gesalbte Reden im Deutschen Bundestag. Eine Abgeordnete sprach davon, wie „beeindruckt“ sie gewesen sei von der religiösen Tiefe des feierlichen Aktes usw. Es ist halt Religion. Vor, während und nach jedem Schlachtfest wird gebetet, also kurz, bevor alles erlaubt ist und besonders das zu tun erwartet wird. Die Beschneidung ist wortwörtlich zu nehmen: Entfernung der Spitze des Eisbergs.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Schon die Begründung des Gesetzentwurfes ist ein Glanzpunkt absurden Theaters. Da steht tatsächlich auch noch drin, das Gesetz sei nachhaltig. Ja freilich, möchte man sagen: weg ist weg. Oder ein unsägliches Gedicht aus der „Gartenlaube“ zitieren, eine Reimerei, die ich in fast 30 Jahren nicht vergessen habe: „Es gibt auf Erden nur ein Glück – ein abes Glied kehrt nicht zurück.“
      Tatsächlich hat der Nachhaltigkeitsausschuss des Bundestages das Gesetz überhaupt nicht zu sehen bekommen, sagt jedenfalls mein Kollege, der MdB, der dazugehört.
      Wo ist eigentlich die Grenze? Wenn Eltern glauben, es diene dem Kindswohl, ihren Nachwuchs täglich zu verprügeln, darf der Staat doch auch einschreiten. Wäre es okay, wenn die Schläger dazu ein wenig Weihrauch verbrennen?

  2. Max Headroom schreibt:

    Ja, mit Weihrauch wäre es okay. Dann kann man es nämlich als religiösen Ritus ausgeben, der von der Religionsfreiheit abgesegnet ist. Ähnlich wie bei Tierquälerei, die ja auch verboten ist. Als „Schächten“ jedoch, damit (in meinen Augen) religiös Wahnsinnige die toten Tiere essen können, ist es als Religionsfreiheit erlaubt. Da kommen dann Argumente wie „so leidet das Tier doch am allerwenigsten“. Ach ja? Warum werden dann nicht alle so geschlachtet?
    Bleibt nur noch eine Frage: Wie ist das eigentlich mit Menschenopfern?

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