Quantensprünge, Brote und Gangschaltungen

GangschaltungImmer wieder hört und liest man von Quantensprüngen: Hartz IV war ein Quantensprung der Arbeitsmarktpolitik, das Händy einer in der Kommunikation und das Erneuerbare-Energien-Gesetz in der deutschen Energiepolitik war auch ein Quantensprung.
Wenn es so weitergeht, werde ich den internationalen Gerichtshof anrufen, denn Folter ist verboten. Ich bin Physiker. Ich habe es nicht verdient, dass man mich derart mit Schwachsinn traktiert. Tatsächlich ist das, was die Dampfplauderer da ablassen, von dem, was sie eigentlich sagen wollen, so weit entfernt, dass man ebensogut das Wort „Dreipfundbrot“ einsetzen könnte. Hartz IV war ein Dreipfundbrot in der Arbeitsmarktpolitik – klingt doch ganz passabel, oder? Das Wort „Brot“ allein tut es nicht – kurze Wörter bezeichnen zu einfache, fassbare Dinge und eignen sich deshalb nicht für Bedeutungshuberei.
Das Problem ist, dass der gewöhnliche Politiker von Quantentheorie keinen blassen Schimmer hat. Es klingt nur irgendwie wichtig.

Was sind Quanten?
Dass es in der Natur unteilbare kleinste Teilchen geben könnte, vermuten Wissenschaftler schon lange. Zunächst nannte man die Atom – das Unteilbare. Dann entdeckte man nicht nur die Atom(kern)spaltung, sondern auch Elektronen, Neutronen, Protonen und schließlich Quarks. Soweit wir heute wissen, lassen die sich nicht weiter teilen, aber mit der Benennung sind die Physiker vorsichtiger und alberner geworden.
Das vielleicht bekannteste Quant ist das Photon. Licht gibt es nur in ganz bestimmten Einheiten, kleinen Wellenpäckchen einer bestimmten Farbe. Aber auch das Elektron als Ursprung des Photons ist ein passables Beispiel. Bisher ist es niemandem gelungen, eine elektrische Ladung in kleinere Teile zu zertrümmern.
Quanten sind, grob gesagt, kleinste Einheiten von irgendwas.

Und warum springen die?
Da wird es ganz schwierig, denn die Theoretiker behaupten, man weiß sowieso nichts genau. Allein durchs Nachmessen verändert man den Zustand eines Quants, und eigentlich hätten die eher eine Aufenthaltswahrscheinlichkeitsfunktion als einen festen Ort. Na vielen Dank – das kann man sich wirklich gut vorstellen.
Also tun wir mal so, als hätte es die letzten hundert Jahre nicht gegeben, und das Atommodell von Niels Bohr sei immer noch der Weisheit letzter Schluss.
Die Elektronen bewegen sich um den Atomkern, und zwar nicht irgendwie, sondern in bestimmten Umlaufbahnen, Schalen genannt. Das kann man sich vorstellen wie die Gangschaltung eines Fahrrads. Es gibt nicht beliebig viele Zahnkränze, sondern nur ganz bestimmte, und schon gar nicht gibt es Zahnkränze mit 23.7 Zähnen. Wenn man dem Elektron genug Energie zuführt, kann es einen Gang hochschalten. Da stößt die Analogie an eine Grenze: Das Elektron springt auf eine größere Umlaufbahn, die Fahrradkette auf eine kleinere. Aber sie springen, und zwar um einen festen Wert. Fällt das Elektron irgendwann auf seine ursprüngliche Bahn zurück (was es unweigerlich tut, da Elektronen faule Säcke sind), wird eine bestimmte Menge Energie frei – ein Photon. Schwer vorstellbar? Falls ihr irgendwo in der Nähe eine Lampe habt, könnt ihr das beobachten. Ohne exakt diesen Vorgang wäre es im Zimmer stockdunkel. Sekündlich finden da Zillionen Quantensprünge statt. Sonst wäre natürlich auch der Monitor schwarz.
Das Photon ist ungefähr das Gleiche wie der Seufzer der Erleichterung, wenn man bergauf vom fünften in den vierten Gang schaltet. Das Ergebnis eines Quantensprungs.
Wir halten also fest: In aller Regel ist ein Quantensprung ein unvorstellbar kleines, unwichtiges und banales Ereignis. Er bezeichnet die Zustandsänderungen der kleinsten Einheit einer bestimmten Größe. Bei der Arbeitslosigkeit wäre das ein einzelner Arbeitsloser, der vom Zustand „ohne Arbeit“ in den Zustand „mit Arbeit“ wechselt, bei der erneuerbaren Energie ein einzelnes Solarpanel, das der Nachbar auf das Dach seines Häuschens montiert. Das sind nun wirklich Ereignisse, mit denen man die Öffentlichkeit behelligen muss!

Und nun?
Nun versuchen wir ganz persönlich, das „Quanten“ vor „Sprung“ herunterzuschlucken, ehe wir es aussprechen. Oder wir versuchen es mit „wichtigste Veränderung der letzten 20 Jahre“. Oder wir denken noch zehn Sekunden nach, ob der Satz, den wir gerade sagen wollten, überhaupt irgendeinen Sinn hat. Im Falle von Hartz IV könnte ich auch noch „dramatischer Sozialabbau“ oder „Verarmungsprogramm“ anbieten, deutlich konkreter als irgendein Sprung.
Und wenn das nächste Mal ein Klugschwätzer von „Quantensprung“ daherredet und keinen Laser meint, dann werft doch einfach mal das Wort „Dreipfundbrot“ ein. Vielleicht wird es den massiven Missbrauch eines physikalischen Fachbegriffes nicht beenden, aber es macht die Diskussion garantiert lustiger.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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