Wie ich lernte, Piratenparteitage zu lieben

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Eigentlich ist nichts langweilig genug, um diesen Post zu illustrieren …

 

Die Mücke, sagt ein Bonmot, ist das Insekt, das geschaffen wurde, um uns die Fliege sympathisch zu machen.

 

 

 
Zugegeben, wer freiwillig in einen Stadtentwicklungsausschuss geht, muss schon eine ausgeprägte Neigung zum Masochismus haben. Aber alles hat Grenzen. Eine Sondersitzung sechs Tage vor Weihnachten ist jedenfalls nicht das, was ich dringend gebraucht hätte. Was ich nicht ahnte: Sie fand in der Sitzungspause der Stadtratssitzung statt.
Als ich acht vor sieben im Rathaus ankam, war die Debatte über den Kulturhaushalt 2013 in vollem Gange, genauer gesagt: im vollen Gelatsche, denn in die Gänge kam da nichts. Die Zeiten, als in Jena noch Entscheidungen ausdiskutiert wurden, sind vorbei, seit wir die SPD-CDU-Grüne-Koalition haben. Man könnte die Sache also abkürzen: Jeder haut dem politischen Gegner seine Meinung vor die Nase, und dann wird abgestimmt.
So läuft es aber nicht. Man beschränkt sich noch nicht einmal auf einen Redner pro Fraktion. Mindestens Linke und CDU schickten zwei ins Rennen, äh, Gelatsche, und aus Gründen des Proporzes sicher auch die SPD. Mit den Gesichtern habe ich noch meine Probleme. Außerdem kommt keiner der Redner auf den Punkt. Niemand gibt das Mikrophon her, ehe er/sie nicht jeden Gedanken in mindestens drei Formulierungen unter das ermüdete Volk gebracht hat, Ähs und Hms und Ichsagmals inklusive. Das entscheidende Thema, nämlich ob sich die Stadt eine ausgewachsende Philharmonie leisten kann, wagt keiner zu diskutieren.
Gegen halb acht fragte ich mich, ob ich zum Bäcker gegenüber gehen und mir eine tröstliche Stadtentwicklungsausschussstreuselschnecke  kaufen sollte. Dann kramte ich aber nur in meiner Mappe für politische Veranstaltungen aller Art herum und stieß auf den Spruch „Sozial ist, was Arbeit schafft. Also ist Kriminalität sozial, denn sie schafft Arbeit“. Ah ja, das war die Sprüchesammlung vom Piratenparteitag.
In diesem Moment begann ich, das piratige Chaos zu lieben. Auf Piratenparteitagen kann jeder mittendrin per Handzeichen die Schließung der Rednerliste oder eine Redezeitbegrenzung beantragen. Der Antrag wird in weniger als einer Minute entschieden. Die Redner stehen am Mikrophon an. Jeder, der da lang und breit daherlabert, spürt, wie die Leute in seinem Rücken von einem Fuß auf den anderen treten. Und falls er nicht auf den Punkt kommt, kann man ihm einfach die Redezeit kürzen. Also kommt man lieber auf den Punkt, und die Beiträge sind entsprechend kurz. Plötzlich fand ich die Vorstellung einer Piratenfraktion im Stadtrat faszinierend. Zu gern hätte ich dieses Handzeichen gesehen: beide Arme nach oben und dann mit der flachen rechten Hand quer am Hals vorbei. Aufhören zu labern. Das sollte man unbedingt einführen.
Dreiviertel acht hatte man es endlich geschafft. Der Stadtentwicklungsausschuss zog sich in den Nebenraum zurück. Die beiden Beschlüsse waren in etwa zwanzig Minuten erledigt. Als ich aus dem Rathaus schlurfte, sagte man mir, dass ich eigentlich gar nicht hätte kommen müssen. Gut zu wissen, so hinterher.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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