Es werde Licht!

Winterdistel

Ich gehöre zu den Leuten, die man mit schlechtem Wetter umbringen kann. Entsprechend halte ich den November für eine Erfindung der Hersteller von Psychopharmaka und alkoholischen Getränken. Sobald das letzte Blatt vom Baum gefallen ist, schaue ich neidisch auf den Komposthaufen im Garten, wo der Igel zusammengerollt das Schlimmste verschläft. Bis März herrscht der Trübsinn, und ich werde gierig jede Stunde Sonne aufsaugen.
Über Weihnachten kann man alles Mögliche schreiben, aber den Kommerz und das Harmonischseinmüssen zu bemäkeln, ist auch schon wieder Mainstream. Selbst der Pfarrer, dem man in der Verteilzeitung zum Fest eine halbe Seite gegönnt hat, hackt
darauf herum (um anschließend zu erklären, dass ein Hungernder kein Brot braucht).
Also betrachten wir das mal von einer anderen Seite. Irgendwann, wenn wir beim Stollen sitzen, wird jemand sagen: Ab jetzt geht es wieder aufwärts. Und genau darum geht es: Wenn die Nacht am tiefsten ist, setzen wir uns zusammen, essen zu viel, trinken zu viel, reden zu viel, tauchen alles in möglichst viel Licht und hoffen, dass der Frühling wiederkommt. Das ist viel, viel älter als Weihnachten. Wir versichern einander, dass wir noch lebendig sind. Wenn wir es mit Essen und Trinken nicht allzu sehr übertrieben haben, könnten wir später, im Bett … jedenfalls auch zu viel und überhaupt lebendig sein.
Wir drehen das Rad der Zeit weiter, damit es nicht irgendwo in der nasskalten, düsteren Winterzeit hängen bleibt: Winter, Sommer, Sterben, Wiedergeburt, Ernte und Aussaat. Das verbindet mich mit all den Menschen bis nach Stonehenge und weiter zurück, die in Hütten und Höhlen saßen und in der Dunkelheit ihre Hoffnung keimen ließen. Wir greifen in die Speichen und geben dem Rad einen Schubs. Das Dunkle und das Licht, Trübsinn und Hoffnung, Zorn und Liebe. Kein endloser Sommer könnte diese Spannung ersetzen. In diesem Moment weiß ich, dass die depressive Laune im November der Preis ist, den ich
für die irrsinnige Freude im März zahle, wenn die ersten Krokusse blühen und die ersten Büsche austreiben. Ich werde nie in die Südsee ziehen.
Fass mit an. Der morgige Tag ist länger. Fröhliche Weihnachten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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