Kartenspiele

Es war eine jener Veranstaltungen, die vorrangig von nicht mehr ganz jungen Männern besucht werden. Manche sind ein bisschen seltsam. Andererseits – sind das nicht die meisten Menschen? Persönlich finde ich diese smarten, erfolgreich-dynamischen Anzugträger mit dem siegessicheren Lächeln viel beängstigender, besonders wenn sie wieder einmal genau wissen, was gut für mich ist. Anzüge gab es nicht; man lief bevorzugt in gut eingetragenen Lieblings-T-Shirts herum, gern in Schwarz und/oder mit witzigen Sprüchen. Das Lächeln war, wenn nicht herzlich, dann eher schüchtern.
Am Eingang drückte mir eine nette Frau fünf farbige Karten in die Hand.

Nein, ich bin kein Hacker. Ich bin Science-Fiction-Autor. Die da rumliefen, waren Leser. Und es war der SFCD-Con in Mühltal, irgendwo kurz hinter Frankfurt/M.
Deshalb hatten die Karten auch alle die gleiche Farbe, es standen keine Gewaltdrohungen darauf, und es gab sogar eine Bedienungsanleitung dazu: Sollte es mir gelingen, vier meiner fünf grünen Karten in verschiedenfarbige zu tauschen, hätte ich die Chance, ein tolles Buch zu gewinnen. Die Karten waren eine Maßnahme zur Kommunikationsförderung, denn natürlich wurde man ständig angequatscht, ob man nicht zufällig eine rote oder blaue Karte übrig hätte, im Tausch gegen eine grüne oder orangefarbene. Meist quatschten mich Männer an – es gab ja so viele davon. Meist redeten wir hinterher noch über Bücher, altmodisches Zeug aus totem Baum.
Die Jury des Deutschen Science Fiction Preises, den der SFCD vergibt, bestand ausschließlich aus Männern. Ich kann nicht behaupten, dass das irgendwie sexistisch wäre – sie haben mich seither schon mehrfach gefragt, ob ich nicht mitmachen würde, und ich habe allemal wegen Befangenheit abgelehnt.
Überhaupt war Sexismus kein Thema, obwohl Frauen im Fandom wirklich selten sind. Es wurden keinerlei Übergriffe bekannt. Niemand fühlte sich belästigt, niemand bastelte aus den Tauschkarten erotische Bilder. Etliche Leute schüttelten mir die Hand, erfreulich viele nötigten mich, Dinge in Bücher zu schreiben. Niemand fragte mich, wie ich als Frau dazu käme, Science Fiction zu schreiben, eine Frage, die mir sonst mit schöner Regelmäßigkeit gestellt wird. Niemand bemühte sich um eine gendergerechte Ausdrucksweise, und niemand vermisste sie.
Es war, von der langen Fahrstrecke einmal abgesehen, ein äußerst entspanntes Wochenende, bei dem alle Spaß hatten. Diese Utopisten halt, die immer mit einem Fuß in der Zukunft leben und die Scheinprobleme der Gegenwart einfach ignorieren.

Ach ja, und ich habe „Krieg der Welten“ von H. G. Wells gewonnen, weil ich am Ende alle Farben beisammen hatte. Nett, oder?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Kartenspiele

  1. onlinemeier schreibt:

    Also das klingt jetzt aber ein wenig seltsam:
    „Diese Utopisten halt, die immer mit einem Fuß in der Zukunft leben und die Scheinprobleme der Gegenwart einfach ignorieren. Ach ja, und ich habe “Krieg der Welten” von H. G. Wells gewonnen…“ Da weiß ich jetzt nicht, was mir lieber ist: die Scheinprobleme der Gegenwart oder der Krieg der Welten in der Zukunft…;-)

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Der „Krieg der Welten“ spielt ja strenggenommen auch schon in der Vergangenheit und ist einer der wirklich guten Klassiker der SF. Das Buch beschäftigt sich auch nicht mit den üblichen Weltraumschlachten, sondern mit dem Zusammenbruch der Zivilisation angesichts einer unbekannten, plötzlichen Bedrohung. Wells meinte das ganz explizit als Kommentar zu seiner eigenen Gesellschaft, und da passt es wieder: Man sollte sich besser um wirkliche Probleme kümmern, statt ein Politikum daraus zu machen, ob Frauen bei einem Kongress zum Pinkeln eine Treppe hoch gehen müssen (was ich tatsächlich auf einer umfangreichen Seite zum Feminismus gefunden habe – dagegen nicht ein Wort über gerechte Bezahlung).
    Also – ein schlaues Buch wäre mir immer lieber als eine Debatte um Kaisers Bart.

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