Verschwörungstheorie des Tages: die FDP

Dass Medien alles andere als neutral sind, wissen wir seit langem. Allein die Medienpräsenz der einzelnen Parteien fördert Interessantes zutage: Über keine andere Partei wird relativ zu ihren Stimmenanteilen bei Bundes- und Landtagswahlen so wenig berichtet wie über die Linke (siehe z. B. IFEM Köln): mit 11 % in den Bundestag, mit 4 % in die Fernsehnachrichten. Wenn sie schon nicht totzukriegen ist, wird sie wenigstens totgeschwiegen. Die Medien haben Interessen, z. B. die Interessen ihrer Werbekunden. Neutralität klingt nur besser.
Wie man Meinungsumfragen zurechtbiegt, konnte man zuletzt bei Wirtschaftswunder nachlesen. Alternativ bietet sich aber auch „Lügen mit Zahlen“ von Bosbach und Korff an. Die rechnen säuberlich vor: Befragt man 1000 Bürger, dann bekommt man je nach Stichprobe für eine Partei, die tatsächlich von 40 % aller Wahlbürger gewählt werden würde, Werte zwischen 37 und 43 %. Diese Schwankung ist ein rein statistischer Effekt, der daraus resultiert, dass Meier gerade nicht zu Hause ist und deshalb Müller angerufen wird. Und je geringer die Zahl der tatsächlichen Wähler, um so größer ist der Einfluss dieses Zufalls. Das heißt: Müssten wir an der CDU-Prognose schon einen +/-3-Prozent-Fehlerbalken haben, so ist im Fall von FDP und Piraten der Fehler größer als der ermittelte Wert. Sagen die Gesetze der Mathematik, die ausgesprochen phantasielos sind.
Und da wird es spannend. Wahlrecht.de listet akribisch die letzten Sonntagsfrage-Prognosen auf. Bei CDU und SPD unterscheiden sich die Ergebnisse von Allensbach, Forsa und Forschungsgruppe Wahlen tatsächlich um etwa 5 %, bei der Linken nur um 3 % (zwischen 6 und 9 %), bei Piraten und FDP um gerade mal 1 %. Je weniger Wähler, um so kleiner der Fehler? Statistisch ist das so unwahrscheinlich wie der Ziegel der Thermodynamiker*. Zur Bundestagswahl 2005 lagen alle Meinungsforscher in der letzten Umfrage vor der Wahl selbst bei der CDU 6 % daneben!
Warum aber reden die Medien, die sonst eher konservativ sind, die FDP derzeit so beharrlich schlecht? Hier wird es Zeit für eine Verschwörungstheorie. Oder doch besser zwei.

1. die Einfache:
Man hält die FDP für ein totes Pferd und beschließt abzusteigen. FDP-Wähler motiviert man so, lieber gleich die CDU zu wählen, damit die eigene Stimme dem konservativen Flügel nicht verloren geht.

2. die über Bande gespielte:
Neben den schlechten Werten für die FDP tauchen neuerdings explizit schlechte Werte für Philipp Rösler auf. Rösler verbindet man mit der unsäglichen Schweinegrippe-Kampagne, Klientelwirtschaft und diversen Versuchen, als Schwanz mit dem Hund zu wedeln. Kurz gesagt: Der Mann ist verbrannt. Schafft man es, ihn rechtzeitig vor der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes abzusägen, könnte man ihn als Sündenbock in die Wüste jagen und unbelastet von vorn anfangen. Rainer Brüderle ist bestimmt keine reine Jungfrau, aber im Moment könnte man ihn als unverbrauchte, junge Hoffnung präsentieren, anschließend wieder „mehr Netto vom Brutto“ hinauströten und dank Michels Vergesslichkeit wieder in den Bundestag einziehen. Mission accomplished.

Wir reden die FDP richtig schlecht, damit wir sie anschließend wieder richtig schönreden können. Klingt kompliziert? Deshalb läuft es ja unter Verschwörungstheorie. Ich weiß noch nicht, ob ich Wetten darüber abschließen sollte.
Eins aber ist klar: Ehe man den Zahlen der Meinungsforscher glaubt, die sogar Nachkommastellen angeben, kann man sich auch eine schöne Tasse Kaffee brühen und einen Blick auf das Zeug im Filter werfen. Schmeckt besser und macht munter, statt einzulullen.

* Es gibt eine endliche, wenn auch sehr kleine Wahrscheinlichkeit, dass sich alle Moleküle eines Ziegelsteins in eine Richtung bewegen. Sollte diese zufällig oben sein, würde er hochspringen, weswegen behauptet wird, Thermodynamiker hätten alle einen Ziegel auf dem Schreibtisch liegen, um diesen Moment nicht zu verpassen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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