Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

Die Diskriminierer.

Die Diskriminierer.

Astrid Lindgren hat’s erwischt, und Ottfried Preussler auch, selbst Michael Ende. Alles Autoren, die kein denkender Mensch des Rassismus verdächtigen kann. Aber Pippi Langstrumpf, die kleine Hexe und Jim Knopf werden trotzdem bereinigt. Nicht nur die Neger werden entfernt, sondern Chinesenmädchen und Türke gleich mit – weil es ausgrenzende Begriffe sind.
Das Problem zumindest beim Neger ist ein unvermeidliches – das Problem aller Euphemismen*. Solange ein Wort benutzt wird, um andere herabzusetzen, wird es sich abnutzen. Wir hatten den Mohren, den Neger, den Schwarzen, den Schwarzafrikaner. Ja, gelegentlich stieß man auf „Afroamerikaner aus Namibia“ … Jetzt haben wir Menschen mit Migrationshintergrund aus dem subsaharischen Afrika. Obwohl es vielleicht Deutsche mit einem amerikanischen Vater sind. Aber ich kann diese Menschen noch so kompliziert bezeichnen, politisch korrekt und antidiskriminierend, und mir anschließend in der Bahn von ihnen den Ausweis zeigen lassen – mit keinem anderen Grund als ihrer Hautfarbe. Ich kann sie gefesselt in einer Polizeiwache verbrennen lassen oder beim Brand im Asylbewerberheim behaupten, sie hätten das Feuer selbst verursacht. Man weiß ja, wie Leute mit subsaharischem Migrationshintergrund so drauf sind.
Das alles ist kein Grund, sich an Büchern zu vergehen**. Kinder sind nicht dämlich. „Es war einmal ein Holzfäller, der lebte mit seinem Weib …“ Hoppla, das geht nicht. Weib geht gar nicht. Und Krüppel, die es in Grimms Märchen tatsächlich noch gibt? Die kann ich natürlich „Behinderte“ nennen, worauf mir ein Rollstuhlfahrer todsicher ins Gesicht blafft, behindert sei man nicht, das werde man. Und mich allein lässt mit der Frage, wie man Maßnahmen zur Verhinderung von Behinderung nun eigentlich nennen soll, wenn nicht „behindertengerecht“? Wir fanden die Weiber nicht schlimm und die Krüppel bedauerns- und unterstützenswert. Wir wären trotzdem nicht auf die Idee gekommen, die Lehrerin mit „Weib“ anzureden. Wir konnten das auseinanderhalten, die altmodischen Märchenwörter und die moderne Welt.
Aber es gibt etwas, das den Bereinigungswahn noch bedenklicher macht. Zu Fastnacht pflegten wir uns, nachdem wir uns von Mutters Rotkäppchen-Vorliebe emanzipiert hatten, als etwas zu verkleiden, was wir aufregend und sympathisch fanden: die ungarische Tänzerin, den Indianer, in meinem Fall auch das Nachtgespenst. Zwei Negerlein, Chinesenmädchen und Türke werden aus dem Preußlerschen Fastnachtstrubel getilgt und voraussichtlich durch Schornsteinfeger, Gärtnerin und Malermeister ersetzt. Als positive Figuren haben sie damit ausgedient, als etwas, das man freiwillig gern gewesen wäre. Sie verschwinden aus dem fröhlichen, multikulturellen Trubel, der übrigens auch den nichtmonierten Menschenfresser, Wüstenscheich und Eskimo enthält. Bis wir nur noch rosa Prinzessinnen haben.
Schiller hat es noch nicht erwischt. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“, darf der Mohr noch immer sagen. Er ist – politisch unkorrekt – einer der Schurken, aber der größere Schurke, das ist Fiesko, der wunderbare, charismatische, aufgebehrende Fiesko, der am Ende so wird wie die, gegen die er aufgestanden ist. Und Othello, den Mohren von Venedig, treibt eben jener Rassismus und Egoismus ins Verderben, der Menschen mit dunkler Haut heute zum Opfer rechter Schläger werden lässt. Ihn einen Venezianer mit Migrationshintergrund zu nennen, macht die Sauerei nicht besser.

* Ich habe kürzlich gelernt, das Phänomen nenne sich „Euphemismus-Tretmühle“ und habe uns, nachdem „Dirne“ und „Magd“ ihren Abstieg genommen hatten, das bescheuerte Wort „Mädchen“ beschert, das jeden Autor wegen des falschen (sächlichen) Geschlechts zum Wahnsinn treibt.

** Frank ist schuld. Er liebt Bücher. Frank hat den größten verfügbaren Eimer genommen und voll gemacht. Das ist streckenweise wirklich witzig, aber es provozierte mich zu einem: Das muss doch kürzer gehen? Also habe ich meinen halbfertigen Text rausgekramt, und … Ich hab den Kürzeren! (völlig unangemessene sexistische Bemerkung, aber manchmal zwingt mich der Schulterreiter, Dinge zu tun, die ich nie, nie, nie …)

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Politik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

  1. Frank schreibt:

    Auch sehr schön bitterböse zu lesen! 😉 Der Hinweis auf die positive Identifikation mit den vermeintlich rassistischen Faschingsfiguren ist sehr interessant und hat bei mir einen echten Aha-Effekt ausgelöst. Stimmt genau, so war es wirklich.
    Und außerdem: wer hat schon jemals gehört, dass eine Frau und ein Mann vergleichen, wer den Längsten, ähm Kürzeren hat!? 😀

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wir müssen uns wenigstens nicht streiten … 😉 Die Lage – äh, Länge – dürfte eindeutig sein.
      Und ich freue mich schon mal auf die Fortsetzung der Debatte.

  2. Ellen Löchner schreibt:

    Heidrun! Ich dachte schon, ich wäre die Einzige, die das vollkommen bescheuert findet. Danke, dass du meine Wut in so schöne Worte gefasst hast. Als Lehrerin an einer Schwerpunktschule bin ich Expertin für Euphemismen. Und natürlich war ich auch mal Indianer.
    Falls du wissen magst, was mich sonst noch an- und aufregt: panthertiger.blogspot.com
    Wunderbar finde ich deine eingestreuten Vogelblitzlichter, ich hatte erst überlegt, es dir gleich zu tun, aber hier vogelt es nicht so sehr, mein Highlight ist ein Grünspecht.
    Herzliche Grüße aus Rheinhessen

    Ellen

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Manchmal verblüfft mich die Welt – irgendwie hatte ich mit heftiger Kritik gerechnet. Das Thema verdanke ich einer längeren Diskussion auf http://www.leo.org, ich hatte also viel Zeit, drüber nachzudenken. „Schwerpunktschule“ klingt irgendwie auch nach Euphemismus, ich kann mir nicht helfen …
      Bei den Vögeln helfen Erdnusskerne im Futterhaus. Das Zeug gibt es als Bruch im normalen Vogelfutterhandel, und die meisten sind ganz wild drauf. Ansonsten braucht man noch Geduld. Ich verkünde regelmäßig, ich würde die Biester gern totschlagen, damit sie sich endlich fotografieren oder zählen lassen 😉 – was ich natürlich nicht mache.

  3. Al schreibt:

    …wie man Maßnahmen zur Verhinderung von Behinderung nun eigentlich nennen soll, wenn nicht “behindertengerecht”?

    Barrierefreiheit nennt man das.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Unter Umständen tut man das. Aber was wird mit dem Schwerbehindertenarbeitsförderungsgesetz? Das hat mit Barrierefreiheit nicht direkt etwas zu tun, sondern damit, dass Unternehmer eine (übrigens lächerlich niedrige) Strafe zahlen, wenn sie nicht genügend Schwerbehinderte beschäftigen. Nennen wir die jetzt „Barrierefreiheitsbedürftige“, weil man rechtlich irgendwie fassen muss, wer da eigentlich einzustellen wäre?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s