Tobias O. Meißner: Blutige Seesterne

StarfishRulesTobias O. Meißner ist ein ruhiger, anscheinend harmloser Mensch, genau der Typ, von dem sich junge Mütter mit dem Kinderwagen helfen lassen. So wie Dorian Gray seinen Spiegel auf dem Dachboden, scheint Tobias seinen Computer im Arbeitszimmer zu haben: Was immer an Finsternissen in ihm entsteht, bannt er da hinein.
„Starfish Rules“ ist jedenfalls eine ausgesprochen finstere Angelegenheit. Ist es SF? Es ist eine Parallelweltstory, in der vielleicht (aber sicher ist ohnehin nichts) die Nazis nicht besiegt werden. Außerdem ist es kein Buch für Leute, die eine ordentliche, lineare Story brauchen. Es besteht aus ungefähr fünfzig davon. Nach zwei Dritteln des Buches ahnt man, dass sie einen inneren Zusammenhang haben, eine Metastory bilden. Bis dahin wirken sie so wirr wie das Leben selbst. Man muss sich darauf einlassen. Das Leben legen wir ja auch nicht nach den ersten paar Jahren weg, nur weil es keinen Sinn ergibt.
Inhalt und Form ergänzen sich aufs Chaotischste. Ich habe noch nie ein Buch mit einem derart anarchischen Drucksatz gesehen. Manche Schrifttypen nerven entsetzlich, und Seiten quer zu bedrucken, ist infam. Aber es passt. Im braven Standardsatz würde das Buch wirken wie ein Punker im Armani-Anzug: bescheuert. Nur das Cover hat ein Idiot gemacht. Der Skater hat mit der Handlung, die 1939 spielt, weniger als nichts zu tun.
In einigen der Sub-Storys wird nicht gestorben. Das ist selten. Öfters fließt das Blut eimerweise, aber der Horror kommt ästhetisch ansprechend daher, überfällt einen hinterrücks aus unschuldig aussehenden Sätzen. Selbstzweck ist er gleich recht nicht. Jäger und Gejagte, Wolf, Hund und Schaf sind sich erstaunlich ähnlich. Jeder ist das eine und das andere. Die Helden sind gefährlicher als die Schurken.
Sprachlich übertreibt es der Autor gelegentlich. Da ist er mir zu angestrengt originell, geht immer mal wieder ein Ausdruck daneben. Weniger wäre mehr, denn die Handlung hat den Flitterkram nicht nötig.
Am Ende bleibt man mit einer gewissen Unzufriedenheit zurück. Alle handelnden Personen sind ziemlich tot, bis auf den Protagonisten, der nichts vorantreibt, sondern bis zum Schluss getrieben wird. Eine einzige Tote rettet der Autor. Aber alle Mühe, die Welt an sich zu retten, scheint so ziemlich das Gegenteil zu bewirken. Andererseits verspürt man das unwiderstehliche Bedürfnis, sich ein automatisches Gewehr zu greifen und es einigen Schweinehunden mal so richtig zu zeigen.
Da ist es ganz gut, wenn man irgendwo einen Computer stehen hat, in den man die Finsternisse …

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Tobias O. Meißner: Blutige Seesterne

  1. Hannah Steenbock schreibt:

    Ich gebe zu, deine Rezension bringt mich jetzt nicht dazu, das Buch lesen zu wollen. Das liegt an mir und meiner Aversion gegen Dystopien und Horror, ganz und gar nicht an deiner Beschreibung des Buches. Die macht Spaß! Immerhin klingt „Blutige Seesterne“ interessant und nach etwas Anderem als das Übliche.
    Danke!

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Das Buch ist definitiv … schwierig. Es bringt ja nichts, es Leuten einzureden, die es dann nicht mögen. Ich finde es einfach von der Erzählweise her interessant. So konfuses Zeug, das erst nach und nach verrät, was eigentlich die Story ist, liegt mir irgendwie. Und ich weiß, dass es viele Leute zur Raserei treibt. Ab und zu brauche ich außerdem etwas wirklich Finsteres.

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