Schmutzige Worte

PraeriehundeNirgendwo dreht sich die Euphemismus-Tretmühle so schnell wie bei den Themen Sex und Exkremente.* Man redet nicht gern, sondern deckt lieber den Klodeckel oder die Bettdecke darüber. Apropos Decken
Allerdings ist die deutsche Sprache da gar nicht so schlecht: Hierzulande wird mit Exkrementen geflucht, im angloamerikanischen Sprachraum dagegen mit Sexualität. Wo man in Deutschland das streikende Auto „beschissene Karre“ schimpft, ist es in den USA ein „bloody fucking car“. Wer schon mal unter einem Krähenschlafbaum geparkt hat, wird bestätigen, dass die deutsche Variante um einiges realistischer ist. Zumindest habe ich noch nie die Autos auf dem Parkplatz beim Koitus erwischt.
Aber ich schweife ab. Das tue ich gern bei diesem Thema. Ehrlich, nichts schreibt sich schwerer als eine explizite Sexszene, weil man mit Sicherheit in irgendeinen Fettnapf tritt. Dem einen ist man zu explizit, dem anderen zu verschämt. Man blamiert sich in jedem Fall. Ich nehme ein großes Glas Coolness, ehe ich derlei schreibe.
Das Material ist auch zu dürftig. In der deutschen Sprache gibt es schlicht kein neutrales Wort für primäre Geschlechtsorgane und das, was man damit tut. Es gibt Zoten (Latte, Votze), Putzigkeiten (Pimmel, Muschi – so nennt der Stoiber allen Ernstes seine Frau!) und sperrige medizinische Termini (Penis, Vagina). Kommt mir jetzt bitte nicht mit „männliches Glied“ und „Scheide„. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass man damit eine Liebesszene schreiben kann? Bei mir stellen sich da die aus der Werbung bekannten Kopf- und Gliederschmerzen ein, obwohl ich eigentlich gar keins habe.
Die Schniepel-Frage ist schlimm genug, aber ganz grauslig wird es beim weiblichen Äquivalent. Der Duden Bd. 8 (Synonymwörterbuch) listet zwar 39 Varianten für die holde Männlichkeit, aber ganze 9 für die Frauen, und alle Neune sind grauenvoll. Vagina klingt tatsächlich noch am sympathischsten und weiblichsten. Ich wage die kühne Vermutung, dass die männliche Vielfalt daher rührt, dass man mit dem Ding auch pinkelt. Pinkeln ist weniger anstößig als … ja, da ist es wieder, das Problem. Erst mal weiter mit den Männern und ihrem kleinen Gesellen. Da sind echte Schätze drunter: Zebedäus (hä?!), Zumpferl (Wenn mei Tant a Zumpferl hätt, werat’s mei Onkl – einer meiner Lieblingssprüche), Pinsel (so haarig sind die in der Regel aber nicht, oder?), GemächtGemächt finde ich irgendwie schön. Das scheint aus einer Zeit zu stammen, als man noch unbekümmert anstößig sein konnte. Das merken wir uns.
Beim Akt an sich ist die Lage noch viel hoffnungsloser, denn schon das zotig klingende Ficken ist nichts anderes als ein Euphemismus, dem seine Ursprungsbedeutung abhanden gekommen ist – ehedem entstanden bei dieser Verrichtung ordentlich geschliffene Schwerter. Zum Thema „Geschlechtsverkehr vollziehen“ (Vollzugsbeamte???) listet der Duden ohne Scham ein Wort wie „koitieren„. Bei- und Beschlafen hört sich an, als hätte der Typ zuvor zu tief in diverse Gläser geschaut und sei nicht mehr ganz bei der Sache … Immerhin gibt es 27 Varianten, und jede ist auf ihre Art bescheuert. Falls die deutsche Sprache jemals ein normales, neutrales Wort dafür hatte, haben wir es seit Jahrhunderten vergessen. Aus der Not eine Untugend machend biete ich eines an, das der Duden auslässt: Lasst uns miteinander Unzucht treiben.
Jahrhunderte sexueller Reglementierung haben uns einigermaßen sprachlos zurückgelassen. Und daran ist nicht nur die vorwiegend katholische Kirche schuld mit ihrer verklemmten Erbsünde. Auch die Germanen hatten schon eine ziemlich verkniffene Sexualmoral, als sie noch die Alten Germanen waren, denn Frauen waren vor allem Gefäße für legitimen Nachwuchs. Ein unverkrampftes Verhältnis zum Thema scheint es eigentlich nur in frühen, matriarchalischen Gesellschaften gegeben zu haben – die mit den unglaublich ausladenden Frauengestalten mit den riesigen Hängebrüsten. Was sie damals dazu sagten, ist leider nicht überliefert, nur die Bilder und Statuen sind … beeindruckend offenherzig. Vielleicht liegt der Vorteil des Matriarchats daran, dass die Mutter eines Kindes gewöhnlich eindeutig feststellbar ist.
Jenseits der literarischen Qualen gibt es für den Hausgebrauch zum Glück die ziemlich eindeutige und sehr traditionelle Körpersprache, die ohne Euphemismen auskommt. Obwohl – da hätten wir Winken mit den Äugelein und Treten auf den Fuß.
Vor allem aber: Nicht rumlabern, machen

* Ich frage mich, ob das irgendwie mit dem „ex“ in den Worten zu tun hat. Aber über Explosionen kann man völlig ungeniert sprechen, und Experimente sind, wo sie nicht im Bett stattfinden, auch kein Problem.

PS: Frank ist immer noch schuld, aber der angekündigte Teil 2 seines Großen Reinemachens steht noch aus. Was soll ich sagen? Ich bin jedenfalls eher fertig …
PPS: Ich sollte auch noch auf Hannah hinweisen, die ebenfalls eine Aktie an diesem Post hat – und ähnliche Probleme.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Schmutzige Worte

  1. Frank schreibt:

    Ja, ist noch nicht ganz fertig, der zweite Teil. *grins*
    Aber was ich hier so lese, ziemlich gut was du schreibst … wir bewegen uns immer noch auf einer beeindruckend übereinstimmenden (Be-)Deutungsebene. Dein Text ist toll, wenngleich eine Spur zu sehr aus dem Blickwinkel einer um gute Sprache ringenden Schriftstellerin. 🙂 Die sogenannten Zoten oder auch die Gossensprache, waren m.E. früher auch mal ganz normale Worte, die keine Abwertung enthielten, sondern wahrscheinlich wie essen, schlafen und reiten ausgesprochen wurden. Hochsprache wird heutzutage vermutlich ziemlich überschätzt im Vergleich zu früheren Zeiten, oder nicht? Ein unbewusstes Tabu auf einem Wort hat allerdings den erstaunlichen Vorteil, dass das Brechen des Tabus u.U. ziemlich viel Energie freisetzt, was jeder schonmal festgestellt hat, der beim Sex nicht lateinisch spricht (vorausgesetzt er/sie spricht überhaupt).

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Was du um diese Zeit so liest … tststs …
    Wenn du versuchen würdest, Storys mit Bettszenen zu schreiben, könntest du meine heilige Verzweiflung verstehen. Und *reiten* ist ja nun alles andere als unschuldig, oder? Du brauchst noch ein paar Lektionen unsexistische Ausdrucksweise 😉
    Interessant auch, was WordPress mir so an Tags anbietet: alle drei weiblichen Geschlechtsorgan-Bezeichnungen des Textes, keine männliche. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Scheint hier keine Männer zu geben, die Fotos von Zebedäus posten.

  3. Hannah Steenbock schreibt:

    Das hast du wunderbar wissenschaftlich analysiert. Und schmunzelnd. Ich muss dir ja Recht geben – wir haben einfach keine neutralen, tabufreien Worte mehr für das, was untenrum so geschehen kann. 😉
    Danke dir auch für den Link zu meinem bescheidenen Beitrag zum Thema.
    Liebe Grüße!

  4. monologe schreibt:

    Worte – es kommt doch auf den Zusammenhang an. Da gibt es ein schönes Beispiel aus der Zeit und vom Hof Ludwigs des 14.. Dessen langjährige Mätresse hatte ihren Sohn zum Feldmarschall gepusht, daraufhin sagten die Untertanen, die Offiziere hätten ihren Feldmarschall mit dem Säbel erkämpft, dieser habe es mit der Scheide geschafft.

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