Frauentag

Ich bin morgen wieder witzig. Heute kippe ich einfach mal Frust ins Netz.

Früher gab es die „Frau und Mutter, die in Beruf und Familie ihren Mann steht“. Leicht absurd, aber damit konnte ich etwas anfangen. Man erwartete eine Menge, aber es war recht eindeutig, und im Gegenzug sah man der Frau graue Haare, scheußliche Kleider und Speckfalten am FKK-Strand nach. Wenn frau ihren Job machte, dann konnte sie ansonsten Mensch sein. Ich bin gut darin, meinen Mann zu stehen.
Seit inzwischen 22 Jahren ist das anders. Tag und Nacht wird frau mit Erwartungshaltungen überschüttet. Mit vierzig darf sie kein weißes Haar haben, mit fünfzig keine Falten und mit sechzig muss sie so fit sein wie eine Zwanzigjährige. Wer als Frau alt wird, hat schon verloren. Wer nicht perfekt ist, hat einfach nicht nicht das Richtige gekauft. Die Werbewelt überschüttet uns mit genormten Models, die nicht nur vor dem Fototermin perfekt durchgestylt werden, sondern danach auch noch heftig nachbearbeitet. Mein Verleger ist im Hauptberuf Fotograf und tut solche Dinge. Die Normalfrau hat keine Chance, den Vorgaben gerecht zu werden, wenn schon die Models es ohne Photoshop & Co. nicht schaffen.
Vergiss es, du bist klein, hässlich, alt und pummelig. Und wer das ist, ist vermutlich auch doof und überhaupt ein Verlierertyp.
Außerdem sollen Frauen gefälligst Kinder bekommen und perfekte Mütter sein – perfekter jedenfalls als ausgebildete Kindergärtnerinnen. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihrem Kind bis zum Schuleintritt Englisch, Flötespielen und Kreatives Filzen beigebracht zu haben, haben sie versagt. Im Beruf müssen sie schon ein bisschen mehr leisten als die Männer, um gleich wahrgenommen zu werden, und außerdem sollten sie besser wie Männer kommunizieren, um eine Chance zu haben. Also unbedingt auswendig lernen, wie die letzten Bundesligaspiele ausgegangen sind, meinen Karriereberater. Und bloß nicht zu weiblich rüberkommen – lange Haare und hohe Stimme sind ein echtes Manko. Zu männlich ist auch nicht gut – das wirkt als Bedrohung. Also am besten geschlechtslos.
Natürlich nur auf Arbeit, denn zu Hause ist die Frau das Top-Genie in Liebesdingen, nicht nur bei der Liebe, die durch den Magen geht. Auch fürs Bett gibt es Vorgaben. Ohne erfülltes Sexualleben geht gar nichts, und wenn frau nach ihrer Arbeit und ihren Fußballgesprächen abends einfach keine Lust hat, erfüllt zu sein, dann muss sie an sich arbeiten. Dafür gibt es Statistiken und Ratgeberbücher. Ach was, du fühlst dich gerade klein, hässlich, alt und pummelig? Arbeite an dir!
Deswegen ist das heute der Rutscht-mir-doch-alle-den-Buckel-runter-Tag.
Später werde ich bei der Frauentagsfeier des DGB Science Fiction Storys vorlesen. Geschichten von unperfekten Frauen, die sich nicht an die Regeln halten. Und ernsthaft über Gleichberechtigung und Gleichbezahlung diskutieren, denn es gibt Dinge, die mir nicht einmal heute egal sind.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Frauentag

  1. Daniele schreibt:

    Wenn man mit wachen Augen durch die Landschaft schaut, findet man diese unperfekten, echten Frauen überall. Versteckt zwischen all den perfekten Models, getarnt als eins von ihnen 😉

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Du meinst jetzt nicht die Handtasche, oder 😀

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