Unter Piraten 2.0: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Piratenhoernchen_KIch habe gelernt. Ich weiß inzwischen, was ein modularer Antrag ist, wie das Antragsportal im Wiki funktioniert, dass kaum einer die Kommentare da liest und dass man zu einem Piratenparteitag nicht ohne Laptop erscheint – schon um im Zweifel noch einmal im Bürgerlichen Gesetzbuch oder sonstwo nachlesen zu können. Nicht gelernt hatte ich, dass die AG Catering unter „Tee“ Pfefferminz und Thüringer Neun-Kräuter-Mischung versteht. Also lauwarmer Kaffee gegen den Jetlag und heißer Pfefferminztee aus der Thermoskanne meines Gegenübers zur Hebung der Stimmung. Heiße Getränke, meinen Psychologen, stimmen uns freundlicher.
Problemlos angenommen wird der Satzungs-Änderungs-Antrag, auf Parteitagen Obst zu verteilen, wenn es zu unruhig im Saal wird. Man weiß um die eigene Disziplinlosigkeit. Piraten schwatzen auf allen Kanälen. Minutenlanger frenetischer Beifall für die eigenen Parteioberen ist undenkbar. Lediglich Ralf-Uwe Beck, Sprecher von Mehr Demokratie, bringt die Bande für einige Zeit zur Ruhe. Er rennt mit seinen Forderungen nach mehr direkter Demokratie und mehr Bürgerinformation offene Türen ein.
Bei der Wahl der etwa hundert zu besetzenden Parteiämter tauscht man Befindlichkeiten aus. Ich habe herrlich keine Ahnung, aber das Gefühl, dass man in der Vergangenheit fröhlich auf diverse Zehen getreten ist. Was die Piraten von anderen Parteien unterscheidet: Der Landesvorsitz ist keine Vollzeitstelle, im Gegenteil. Wer kandidiert, opfert seine Freizeit. Fast jeder wird gefragt, wie viel davon er der Partei zu schenken gedenkt. Entsprechend gering ist die Neigung, um jeden Preis an Posten zu kleben.
Obwohl größere Wirrnisse ausbleiben, ist es Sonntag Nachmittag, ehe man tatsächlich zur Behandlung von Satzungs- und Programmanträgen kommt. Diesmal tröstet mich niemand. Offenbar sind die Jenaer Piraten der Meinung, wer sich freiwillig einen zweiten Parteitag antut, ist sowieso nicht ganz bei Troste. Mir kommt die Veranstaltung seltsamerweise nicht so chaotisch vor wie die letzte – vermutlich gewöhnt man sich an alles.
In der geordneten Antragsdiskussion hat man sich gefälligst am Saalmikrophon anzustellen. Wegen des Streamings. Zwischenrufe aus dem Raum gehen gar nicht, geschwatzt wird trotzdem. Neu ist, dass es drei Schlangen gibt: eine neutrale für Rückfragen, eine Pro- und eine Contra-Schlange.
Da man die Anträge nicht etwa in der Reihenfolge des Eingangs abarbeitet (ich hätte die Nummern 8 bis 10), sondern thematisch geordnet, sind meine deutlich nach hinten gerutscht. „Arbeit und Soziales“ kommt ganz hinten. Ich weiß nicht, ob ich das symptomatisch finden soll. Jedenfalls komme ich nur mit einem Antrag zum Zuge, der unter „Demokratie“ fällt: die Forderung nach dem Recht auf Popularklage. Die gibt es in Deutschland nur in Bayern. Sie gibt jedem Bürger das Recht, gegen Gesetze zu klagen, die seiner Meinung nach verfassungsmäßige Rechte beschneiden. Das können bislang nur Betroffene oder Gebietskörperschaften, Bund und Länder. Es gibt eine Nachfrage und zwei Pro-Statements, und dann passiert etwas Einmaliges: Der Antrag wird ohne eine einzige Gegenstimme angenommen. Ich bin angemessen verblüfft. Selbst gegen die Tagesordnung gab es Gegenstimmen – so als wäre es keine richtige Demokratie, wenn nicht irgendwer dagegen ist.
Wenig später wird der Parteitag anderthalbe Stunde vorzeitig beendet – weil der Mann mit der Tontechnik abreisen muss. Der wohnt irgendwo hinter den sieben Bergen. Damit ist klar: Mein wunderbarer, modularer Antrag zur prekären Arbeit wird auch diesmal nicht behandelt, und wenn ich ihn irgendwann durchkriegen will, muss ich ein drittes Mal antreten. Ehe ich richtig frustriert sein kann, werde ich von den Jenaer Piraten doch noch ein wenig angeflauscht. Sie mögen mich, sie erklären mich zur Spezialistin für Bürgerbeteiligung, sie halten mich für eine Bereicherung – sagen sie. Fehlt nur noch, dass sie mich streicheln. Ob das am mitgebrachten Schokoladenkuchen liegt oder an meiner Fähigkeit, solide Anträge zu schreiben, ist nicht ganz klar.
Also demnächst alles von vorn. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – bekanntlich die einzig gendergerechte piratige Bezeichnung für Menschen jederlei Geschlechts.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Unter Piraten 2.0: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

  1. Daniele schreibt:

    Ach was, du bist bei denen dabei? Ich muss ja ehrlich sagen, die Piraten waren für mich als Wähler der einzige Lichtblick in den letzten Jahren. Jetzt muss man nur hoffen, dass sie die schweren Stürme durchstehen.

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Ich habe offenbar ein schweres Helfersyndrom. Als die Jenaer Piraten zwar meinten, sie müssten irgendwas zur Leiharbeit machen, „damit die Sauerei endlich mal aufhört“, aber damit nicht zu Potte kamen, habe ich mich beknuspern lassen, für sie was zu schreiben. Jetzt hänge ich auf Parteitagen rum. Ob das mit dem Lichtblick funktioniert, werden wir sehen. Aber wer für eine strenge Regulierung der Leiharbeit ist, ist für mich ein Verbündeter und sollte unterstützt werden.
    Das Wahlkampfgelaber der SPD, man habe nicht wissen können, dass man Hartz I missbrauchen könnte und bla … kann ich dagegen nicht ernst nehmen. Klar hat man das gewusst, sonst hätte man es nicht gemacht.

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