Paradies 1.4: Nächtliche Austrittssperre

Das Halbmillionenklo mit seiner innovativen Bunkerarchitektur

Das Halbmillionenklo mit seiner innovativen Bunkerarchitektur

476000 Euro hat Jena für das High-Tech-Klo im Paradies ausgegeben, 364000 Euro davon waren Fördergelder. Falls sie aus dem Topf für Tourismusförderung stammten, dann muss jetzt wohl nachgewiesen werden, dass mehr als die Hälfte der Nutzer Touristen sind, die das Wunderwerk aus Edelstahl und Elektronik bewundern wollen. Besichtigungen werden allerdings nur halbtags angeboten.
Im April 2012 wurde die Anlage eröffnet, pünktlich zum Weltuntergang am 21.12.2012  aber schon wieder geschlossen. Von Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker war immerhin zu erfahren, dass es sich um eine „saisonale Toilette“ handele. Es bedurfte zweier Nachfragen im Stadtentwicklungsausschuss und einer Stadtratsanfrage der Fraktion Die Linke, um zu erfahren, welche Nutzungszeiten für die Toilette tatsächlich geplant sind: April bis September von 14:00 bis 20:00 Uhr, wie KSJ-Werkleiter Uwe Feige antwortete. Man hatte also tatsächlich Glück, von Oktober bis Dezember noch sein Geschäft im überdachten Raum verrichten zu können. Vorgesehen war es eigentlich nicht.
Verblüffend ist an der Antwort vor allem die Öffnungszeit der vollautomatischen Anlage – ganze sechs Stunden am Tag. Sich erleichtern dürfen nur Bürger, die vormittags ordnungsgemäß arbeiten oder shoppen und abends pünktlich 20:15 Uhr vor dem Fernseher sitzen. Schichtarbeiter, Mütter in Elternzeit, Rentner, die vielleicht vormittags unterwegs sind, haben Pech. Wer schon einmal im Sommer bei schönem Wetter im Paradies war, der weiß, dass nach 20:00 Uhr noch Hunderte auf der großen Wiese sitzen und feiern oder auch nur spazieren gehen. In lauen Nächten tobt da das ungeregelte Nachtleben der Stadt – bis die Blase drückt. Jena hat zwar keine nächtliche Ausgangs- wohl aber eine Austrittssperre.
Die Toilette ist tatsächlich nur ein Achtel der Zeit überhaupt geöffnet (ein Viertel des Tages und die Hälfte des Jahres), obwohl sie durch das Drehkreuz ganz ohne Bewacher funktioniert. Wahrscheinlich musste die Gebühr erhöht werden, damit sich die Investition überhaupt irgendwann rentiert. Oder wird sie nur so selten geöffnet, damit sich das teure Stück weniger schnell abnutzt?
Wie wäre es, für Leute mit dringenden Bedürfnissen ein Dixi-Klo daneben zu stellen?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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