Den Bock zum Tester machen

Das ist eine Mispel. Ich habe noch nicht herausgefunden, wozu die zu gebrauchen ist.

Das ist eine Mispel. Ich habe noch nicht herausgefunden, wozu die zu gebrauchen ist.

Ich gestehe es offen: Ich  bin ein Saatgutdieb. Wo immer ich etwas Interessantes sehe, wandern ein paar Samen in meine Tasche. Mein aktuelles Projekt sind Bolivian Blue und Jalapeños, zwei Chili-Sorten, die ich dem Jenaer Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie verdanke. Ich bin ein Biopirat aus Leidenschaft. Als ich hörte, derartige Umtriebe könnten verboten, ja selbst das Verschenken von Saatgut kriminell werden, war ich angemessen empört.
Statt mich einfach aufzuregen, lud ich mir die Studie „OPTIONS AND ANALYSIS OF POSSIBLE SCENARIOS FOR THE REVIEW OF THE EU LEGISLATION ON THE MARKETING OF SEED AND PLANT PROPAGATING MATERIAL“ aus dem Netz und begann zu lesen.
Fakt ist: In einem der fünf untersuchten Szenarien könnte das durchaus passieren, aber es ist nicht das Ziel der Aktion. Vordergründiges Ziel ist die Einsparung von Bürokratiekosten. 120 Millionen Euro kosten Registrierung und Zertifizierung neuer Arten pro Jahr. Das klingt viel und ist wenig. Zum Vergleich: Die Stadt Jena gibt 12 Millionen Euro pro Jahr für Kulturförderung aus, und ein einziger Eurofighter hat Österreich nach einer Rechnung von http://www.airpower.at/news2010/0901_ef-preis/ allein 115 Millionen Euro gekostet. Die Bankenrettung ist ohnehin jenseits von gut und böse. Für die Sicherheit der Nahrungsmittel in der EU sollten uns die lumpigen paar Millionen nicht zu viel sein.
Außerdem möchte man die Zucht von Sorten mit höherer Produktivität und besserer Widerstandsfähigkeit befördern, die mit weniger Pestiziden, Dünger und Wasser auskommen. Wer beim Wort „Pestizide“ an Monsanto-Mais denkt, der angeblich ganz ohne gedeiht, hat vermutlich nicht unrecht. Man könnte je nach Szenario Mindeststandards festlegen, die genau diese gentechnisch aufgemotzten und bislang ungeliebten Arten bevorteilen. Immer wieder wird außerdem darauf hingewiesen, dass Europa der Weltmarktführer in Saatgutproduktion ist und dieser Status geschützt und befördert werden muss. Es geht um viel Geld und um Vorherrschaft auf dem Markt.
Was immer wieder auftaucht, ist die Harmonisierung der europäischen Regeln. Nationale Standards sollen endlich durch EU-Standards ersetzt werden – intransparent und für den normalen Bürger weit weg und kaum kontrollierbar. Die Renitenz einiger Staaten, die partout kein gentechnisch verändertes Getreide und keine Industriestärke-Kartoffeln auf ihren Äckern wollen, könnte damit ausgehebelt werden.
Was noch öfter auftaucht, ist die geniale Idee, die Saatgutindustrie selbst ihre neuen Sorten testen zu lassen – unter staatlicher Supervision, was immer das heißen mag. Ganz klar sagt die Studie, falls man sich durch alle 35 Seiten kämpft, dass damit die großen Saatgutkonzerne begünstigt werden, die ohnehin ein Heer von Spezialisten beschäftigen. Bei ihrem riesigen Marktanteil fällt das Geld für die Tests problemlos ab. Noch besser: Wahrscheinlich kostet es gar nicht mehr, weil sie ja ohnehin schon umfangreiche Tests aus eigenem Antrieb machen. Toll, oder? Mittelständler und der kleine Gärtner nebenan müssen hingegen auf spezialisierte Labore zurückgreifen und richtig viel Geld hinlegen. Klarer Vorteil für die Großen. Schlecht sieht es für alle Nischenprodukte aus, also für Sellerie- und Raukesamen oder die Goldparmäne, deren Äpfel für die EU-Normen viel zu klein sind. Schlecht sieht es aus für Diversität und Sortenerhaltung, weil man mit großen Sorten von Getreide oder Kartoffeln einfach mehr verdienen kann. Kann sein, die Radieschensamenhersteller geben völlig auf.
Davon abgesehen ist es eine wirklich clevere Idee, ausgerechnet die testen zu lassen, die das Zeug züchten. Dass damit die Schwierigkeiten bei der Zulassung reduziert werden, dürfte klar sein. Ein ähnliches Verfahren wendet Deutschland seit Jahren bei den Steuern an. Wer richtig viel verdient, wird selten bis nie kontrolliert, denn er ist ein Ehrenmann und über jeden Zweifel erhaben. Hier wird der Bock, der ohnehin schon Gärtner ist, zum Tester gemacht. Und der Staat, der ja zur Kostenersparnis seine entsprechenden Mitarbeiter abgebaut hat, prüft nur noch, ob alle Papiere vollständig und abgestempelt sind.
Es gibt auch ein anderes, nischenfreundliches Szenario, in dem auf Zertifizierung weitgehend verzichtet wird. Für den Saatgutpiraten eine schöne Aussicht, aber es heißt auch, dass Arten ohne Prüfung ihrer Umweltschädlichkeit oder gar Gesundheitsgefährdung auf den Markt kommen können. Einfach so. Weil wir lächerliche 120 Millionen Euro in der ganzen EU sparen wollen.
Die Studie krankt an ihrer Zielstellung: Bürokratieabbau, also Abbau von Schutzmechanismen, und Stärkung der Marktposition. Man fragt sich, wo diese Studie geschrieben wurde, von wem die Autoren bezahlt wurden. Wer dabei an Monsanto und Syngenta denkt, hat vermutlich nicht unrecht.

Wer keine Lust auf das Einheitsobst und -gemüse hat, kann bei Campact unterschreiben.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Den Bock zum Tester machen

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Da hab‘ ich doch gleich mal unsere EU-Abgeordneten angeschrieben. Antworten habe ich von CDU, SPD und den Grünen. Die wollen sich weiter für Biodiversität einsetzen.

    Ich frage mich vor allem, was ist mit den ganzen alten Getreidesorten? Müssen die neu zugelassen werden? Emmer, Einkorn, Dreikorn, viele alte Obst- und Gemüsesorten – die werden auch heute noch von Bauern selbst vermehrt und gelegentlich auch eingekreuzt. Stichwort Biobauern (Demeter, etc.).

    Angeblich sind seit 1900 über 75% der klassischen Feldfrüchte verschwunden und die restlichen 25% sind die genormten (teilweise „maschinenfreundlichen“ Nahrungsmittel, die bei uns auf dem Tisch landen.

    Den Hobbygärtner, der alte Tomatensorten züchtet, wird das Gesetz nicht treffen. Aber die Kleinbauern, die Biobauern, Obstbauern mit alten Sorten und andere Biobetriebe. Das erinnert an die EU-Verordnung, die etliche Metzgereien und selbstschlachtende Wirte dazu gebracht hat, aufzugeben, weil sie die überzogenen (und für Kleinbetriebe sinnlosen) Hygienevorschriften nicht einhalten konnten. Das konnten nur größere Betriebe. Es hat dazu geführt, daß viele Klein- und Kleinstbetriebe zugemacht haben, weil es sonst „der Staat“ gemacht hätte. Dabei ist einiges an regionalen oder lokalen Spezialitäten verloren gegangen.

    Also weiterhin die Augen aufhalten … die Lobbyisten in der EU schlafen nicht und sie arbeiten fast immer zum eigenen Vorteil und nicht zu dem des Bürgers.

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Ehrlich gesagt: Nach der Lektüre war ich gar nicht mehr so sicher, was uns da dräut. Die Szenarien sind sehr verschieden und reichen von „völlige Deregulierung“ bis „völlige Regulierung; was nicht erlaubt ist, ist verboten“. Klar ist nur, dass der Staat sich raushalten und die Hürden für die Konzerne abbauen soll. Wenn sich Variante 2 durchsetzt, dann muss der Emmer neu zertifiziert werden, keine Frage. Könnte ja jeder kommen und behaupten, er baue das seit 1000 Jahren an …
    Ceterum censeo – die EU muss demokratisiert werden.

  3. Pingback: Petition für Radieschensamen | Heidrun Jänchen – Aurora schießt quer

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