Heute können wir fliegen

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Der Eichplatz bietet den einzigen Spielplatz in der Innenstadt

Zwei Jahre zieht sich der Kampf um den Eichplatz im Zentrum von Jena schon hin: Grüner Freiraum oder großklotziges Einkaufszentrum? Die Aktiven der ersten Stunde sind zermürbt und müde. Das hat System. Die Stadtverwaltung und die Stadtratskoalition geben sich alle Mühe, den bewegten Bürgern die Sinnlosigkeit allen Widerstands zu beweisen.
Ich bin reingeschlittert, weil ich das große Maul hatte. Und weil ich dann in den Spiegel geschaut habe und gefragt: Warum eigentlich nicht ich? Seither sind viele Dinge passiert. Gute Dinge und schlechte Dinge.
Am 1. Mai standen wir mit einem Infostand auf der Kundgebung des DGB. Als ich morgens losfuhr, fragte ich mich, ob mehr als zehn Leute Interesse haben würden. Aber ich wollte es noch einmal wissen. Wir sammelten Unterschriften für einen Bürgerantrag, der die Offenlegung der Verkaufsverträge fordert. Für einen Bürgerantrag braucht man 300 Unterschriften, 225 kamen in fünf Stunden zusammen. Obwohl wir den Leuten sagten, dass die Chancen auf einen Erfolg minimal sind – die Koalition kann den Antrag einfach niederstimmen – unterschrieben die Leute. Weil es eine Schande sei, was man da vorhabe. Weil es um den letzten freien Platz ginge. Weil die Entwürfe grauenvoll seien. Weil man sich nicht alles gefallen lassen dürfe. An diesem Abend wusste ich, wofür wir das tun.
Am 2. Mai tagte der Stadtentwicklungsausschuss. Auch der Eichplatz stand auf der Tagesordnung. Aber wieder wurde nur über Fassaden geredet, die dann doch nicht so wichtig waren, weil ja sommers die Bäume eine Menge verdecken. Sagte der Stadtarchitekt Dr. Lerm. Über Inhalte wollte niemand reden. Ich fragte, wie man die zusätzliche Einzelhandelsfläche von 15000 m² rechtfertige*. Eine zehn Jahre alte Studie hielt genau diese Fläche für verträglich, aber seither wurden 11500 m² neu geschaffen. Da ist nicht mehr viel übrig. Und Dr. Lerm erklärte, eine neuere, öffentlich nicht verfügbare Studie gäbe deutlich mehr her, und alles sei bestens. Mein Name stand tags darauf in der Zeitung, und es fühlte sich komisch an.
Am 7. Mai – zweieinhalb Werktage später – gab der Oberbürgermeister eine Pressekonferenz. Er erklärte, der Eichplatzverkauf würde sich etwas verzögern, denn wegen einer unklaren Rechtslage benötige man jetzt ein neues Einzelhandelskonzept. Ein Institut hat man derweil schon damit beauftragt (rein zufällig ist es mit einem der potentiellen Investoren verbandelt). Das ging ja mal schnell, nachdem man das Problem fast zwei Jahre konsequent übersehen hat.
Heute können wir fliegen. Wir haben gesagt, dass der Kaiser nackt ist, und ein höfisches Bulletin gab bekannt, dass es ihm tatsächlich an Kleidung mangelt. Damit haben wir nicht den Kampf um den Eichplatz gewonnen. Aber wo vorher nur ohnmächtige Bockigkeit war, tun sich plötzlich Möglichkeiten auf. Wir ordnen unsere demokratischen Waffen. Jetzt wird es lustig.

* 15000 m² sind etwas mehr als zwei Fußballstadien. Ich musste das mehrfach rechnen, weil ich es nicht glauben wollte.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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