Einfache Sprache

Behörden und politische Parteien sollte man eigentlich unter Quarantäne stellen. Jeder, der mit ihnen in Berührung kommt, verfällt innerhalb kürzester Zeit dem Behördensprech, einer Art babylonischer Sprachverwirrung. Das mit dem Turm ging schief, als man eine Planungsstelle eingerichtet hatte.

„Das Straßennetz zwischen Bahntrasse und Magdelstieg ist insbesondere in Spitzenzeiten und zu bestimmten Sonderereignissen im Verkehrsnetz durch Schleichverkehre belastet. Deshalb steht dieser Verkehrsbereich immer wieder im Fokus von Diskussionen und Untersuchungen zum Verkehrskonzept. Die festgesetzte Befristung bis zum Eintritt bestimmter Umstände dient dem Fall, dass bei einer organisatorischen und ggf. baulichen Umgestaltung des umgebenden Straßennetzes die durchgängige Befahrbarkeit der östlich an den Planbereich grenzenden Schroeterstraße nicht mehr gegeben sein könnte.“
aus einer Beschlussvorlage des Jenaer Stadtrates

Übersetzt:
Wenn in der Stadt mal wieder schlecht organisiert an den Straßen gebaut wird und sich der Verkehr von der Innenstadt bis zum Zeiss-Werk staut, fahren die Leute durch die Nebenstraßen. Im Interesse der gutbetuchten Anwohner dort wollen wir das verhindern. Und für den Fall, dass wir in der Schroeterstraße deshalb Poller setzen, sehen wir im Baugebiet eine Wendestelle vor.

So einfach könnte das Leben sein. Statt dessen „die festgesetzte Befristung bis zum Eintritt bestimmter Umstände“ – da hat ein Schwerkranker im Delirium gearbeitet. Schon das gedruckte Dokument ist infektiös.
Fasziniert war ich davon, dass Parteien neuerdings Programme „in einfacher Sprache“ veröffentlichen. Gute Idee, aber warum glaubt ihr, der Normalbürger hätte es gern in komplizierter und verquaster Sprache? Und wundert euch, dass keiner über Seite 1 rauskommt?
Kürzlich schrieb ein entnervter Politischer Geschäftsführer unter ein Kapitel des Kommunalprogammes: „Es folgt noch die Heidrunifizierung“ – die Zerlegung von Schachtelsätzen und Ersetzung politischer Blähvokabeln durch ganz normale Worte. Es geht voran. In diesem Fall hege ich noch Hoffnung auf Heilung.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Einfache Sprache

  1. monologe schreibt:

    Na, Sie sind gut! Das ist doch der Amtsschimmel! Ein Pfert wiehert eben. Natürlich könnte ein Mensch meinen, es wäre doch besser, es würde in der gängigen Sprache sagen, was es will. Es geht um Verständnis, nicht um Verstehen. In diesem Fall, wie in den meisten anderen, geht es wohl darum, aus einer Nichtigkeit kreativ etwas zu machen, und so werden auf der Glatze eben Locken gedreht. In China heißt es Amts-Deutsch, hier Amts-Chinesisch. Ich war übrigens vor 4 Wochen in Jena: handelt es sich um den Perma-Stau bergauf, rechts der Turm, links das Café „Boheme“ und der Stand mit den belgischen Fritten?

  2. kussaw schreibt:

    Na auf „Heidrunifizierung“ kannst du dir doch was einbilden! In 10 Jahren hat sich der Begriff in Thüringen durchgesetzt, in 20 Jahren (na gut in den gebrauchten Bundesländern in 30 😉 ) in Deutschland. Und in 40 Jahren steht unter dem Begriff in der deutschen Wikipedia: “ … zurückzuführen auf die Jenaer Lokalpolitikerin Heidrun Jänchen …“ 😎
    Ansonsten volle Zustimmung!

    Hab mir schon Sorgen um dich gemacht wegen des Hochwassers …

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    @ monologe:
    Der Stau am Heinrichsberg ist ein Witz gegen den Bereich Magdelstieg/Tatzendpromenade (am Westbahnhof aufwärts), schon weil der Berg kürzer ist. Da kann man ganze Stunden im Stau verbringen, wenn gerade wieder der Bauwahn tobt. Den Genuss soll kein Pendler durch unvorgesehenes Abbiegen verkürzen dürfen! Schön ist, dass beide Straßen die Zufahrtswege zum geplanten Eichplatzquartier sind, in das jede Menge Einkäufer aus halb Thüringen kommen sollen – etwa 1300 jeden Tag. Da geht noch was in Sachen Stau.
    @ kussaw:
    Mal sehen, ob es der Ausdruck der Verzweiflung in Wikipedia schafft :). Immerhin haben die Jungs schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie unverständliches Zeug schreiben. Vielleicht kriegen wir ja doch noch Texte hin, die der Mensch lesen kann.
    Ich wohne übrigens 180 m über der Saale. Wenn das Wasser hier steht, dann ist Thüringen wieder ein tropisches Meer, und die Riesenkellerassel stromert durch die Riesenschachtelhalme. Inzwischen muss ich schon wieder die Chili-Kästen gießen …

  4. Christian Weis schreibt:

    In meinem „Kopf-Wiki“ ist „Heidrunifizierung“ jetzt schon in Stein gemeißelt. 😀

    Bei vielen Amtsdeutschkomplifizierungsformulierungen denke ich an „Des Kaisers neue Kleider“: Es soll gar nicht verstanden werden, aber alle sollen gefälligst zustimmend nicken und zumindest virtuell Schultern klopfen.

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