Entdeckt: Das generische Femininum

Für alle, die sich jetzt verwirrt die Augen reiben (also die weder Genderologen noch Germanisten sind), eine kurze Definition – Tante Wiki sei Dank:
In der Linguistik ist ein generisches Maskulinum ein maskulines Nomen oder Pronomen, das sich auf Personen unbekannten Geschlechts bezieht, wobei das Geschlecht der Personen nicht relevant ist oder männliche wie weibliche Personen gemeint sein sollen.

Im Deutschen ist das eine ziemlich normale Sache. War in der Straßenverkehrsordnung von „Radfahrer“ die Rede, war über Jahrzehnte allen klar, dass niemand nur wegen zweier Brüste das Recht hat, verkehrt herum durch die Einbahnstraße zu fahren. Seit neuestem heißt es „Radfahrende“, und das funktioniert geschlechtsneutral nur so lange, wie man von Mehrzahlen spricht. Das einzelne Element ist schon wieder „ein Radfahrender“ oder „eine Radfahrende“. Die deutsche Sprache ist stolz auf ihre komischen grammatischen Geschlechter und lässt sich nicht so einfach austricksen.
Zum Politikum mutierte das generische Maskulinum bei Berufsbezeichungen, weil es angeblich die Frauen irgendwie unsichtbar macht. Ich kann euch versichern, wenn ich in einer größeren Gruppe von Physikern herumstehe, bin ich meistens sehr sichtbar. Natürlich hat es historische Wurzeln, denn historisch gab es eindeutige Frauen- und Männerarbeiten. Es gab keine Bergfrauen und keine Feuerwehrfrauen, und auch Ärztinnen, Mathematikerinnen und Taxifahrerinnen sind ziemlich neue Errungenschaften. Der Witz in einer Stellenanzeige funktioniert nur durch diese allgemeine Erfahrung: Ein Hotel suchte ein „Zimmermädchen/mann“.
Bis vor kurzem hätte ich geschworen, dass es im Deutschen kein generisches Femininum gibt. Es gibt offensichtlich weibliche Berufe: Hebammen, Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen. Obwohl letztere vom männlichen „Gärtner“ abgeleitet sind, käme kaum einer auf die Idee, in diesem Fall von „Kindergärtnern“ zu sprechen, wenn er oder sie eine unbestimmte größere Zahl meint. Es klingt absurd, obwohl ich schon einen Kindergärtner getroffen habe. Ebenso wie drei Krankenbrüder, von denen einer tatsächlich quer über den Flur „Bruder Matthias!“ gerufen wurde. Aber schon dieses Beispiel zeigt, dass man die männlichen Pfleger unmöglich mit „Schwester“ anreden kann. Bruder und Schwester sind Worte, die eindeutig dazu da sind, ein Geschlecht zu bezeichnen.
Ja, und dann stieß ich mit dem generischen Femininum zusammen, und ich fragte mich, warum ich das noch nie bemerkt hatte: die Fachkraft, besonders beliebt im Zusammenhang mit Mangel. Kein Mensch, der seine Sinne beisammen hat, würde vermuten, dass eine Fachkraft weiblich sein muss. Ebensowenig wie die Arbeitskraft oder das ganze Gegenteil, die Aushilfskraft. Wichtig sind weder Brüste noch Schwänze, sondern einzig die Kraft. Niemand hat je verlangt, von „Fachkraft und Fachkrafter“ zu sprechen.

Nein, ich weiß nicht, was wir daraus ableiten sollen. Außer vielleicht, dass man alles nicht so ernst nehmen und die Sprache machen lassen sollte. Sie kommt mit den seltsamsten Dingen klar.

Aber weil ich einmal beim Thema bin, möchte ich noch vermerken, dass ich Professor Josef Käs für einen Helden halte, auch wenn man gerade meint, er sei ein bekloppter Feminist, der die Anrede „Herr Professorin“ einführen will. Das hat er nie versucht. Es ging um die Grundordnung der Universität Leipzig. Da steht bislang „Professor/Professorin“, und im Senat gab es immer wieder Debatten wegen der Lesbarkeit – man wollte partout zum generischen Maskulinum zurück. Gequengelt und genervt haben also nicht die Feministinnen, sondern die konservativen Professoren. Nun ist eine universitäre Grundordnung ein Dokument, das stilistisch eher anspruchslos daherkommt, und „Lesbarkeit“ hört sich in diesem Zusammenhang recht skurril an. Vermutlich ist der Leserkreis sehr begrenzt. Professor Käs, ein Physiker übrigens, schlug aus reinem Überdruss die durchgängig weibliche Formulierung vor. Offenbar war die Senatsmehrheit ähnlich genervt und stimmte zu. Man muss nicht jeden Genderzirkus mitmachen, aber wo man eine zweigeschlechtliche Formulierung einmal hat, muss man auch nicht einen Glaubenskrieg anzetteln. Das habt ihr nun davon, ihr kleinlichen Prinzipienreiter/innen! Zukünftig einfach mal die Kresse halten

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Entdeckt: Das generische Femininum

  1. Inge schreibt:

    Wenn die Welt aus den Fugen gerät, bleibt der Sprache wohl nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Bei einer kurzen Plauderei über den letzten Doppelkopfabend meines Mannes stieß uns auf, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, bei diesem Spiel eine Hochzeit zu vermelden. Da es sich bei diesem Tatbestand um zwei Kreuz-Damen oder – je nach Blatt – zwei Eichel-Ober in einer Hand handelt, wäre es politisch korrekt, eine eingetragene Lebensgemeinschaft anzusagen.

  2. Jakob schreibt:

    Die Sprache mal machen lassen? Tja, da frag ich mich, machen Kleider Leute oder Leute Kleider? Na ja, muss man aber auch wirklich nicht so ernst nehmen; in einer Welt, in der Fakten für sich sprechen, wird bestimmt alles gut, wenn man die Sprache mal machen lässt. Hauptsache, der Schuster bleibt bei seinen Leisten.

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    @ Inge:
    Nach einem ersten breiten Grinsen muss ich dich doch korrigieren: Eine Hochzeit ist keine Ehe, sondern eine Eheschließung. Ich weiß nicht recht, wie die beiden Eichel-Ober das nennen – Eintragung der Partnerschaft oder vielleicht doch Hochzeit?

    @ Jakob:
    „machen Kleider Leute oder Leute Kleider?“ – sowohl als auch, oder?
    Nach meiner Erfahrung jedenfalls ändert die Sprache nicht die Umstände, wohl aber die Umstände die Sprache. Als ich noch ganz unvoreingenommen annahm, ich sei mit „Studenten“ selbstverständlich mitgemeint, da wurden die Planstellen völlig geschlechtsneutral nach Notendurchschnitt vergeben. Dann wurde ich plötzlich gendergerecht angeredet, die Planstelle war hinfällig und in jedem Bewerbungsgespräch ging es erst einmal um eventuelle Kinderwünsche. Ich hätte eine Menge dafür gegeben, nicht anders als meine männlichen Kollegen behandelt zu werden.
    Empirisch würde ich sagen: Geschlechtsungerechte Anrede führt zu mehr tatsächlicher Gleichberechtigung. Was so auch nicht stimmt, aber immerhin zeigt, das Schwafeln und Tun zwei paar Schuhe sind. Ich bin im Zweifelsfall für Tun, weil zumindest im technischen Bereich die Frauen lieber 300 € mehr auf dem Gehaltszettel haben als ein großes I in der Berufsbezeichnung. Echt wahr. Und solche Dinge habe ich schon hinbekommen.

    • Jakob schreibt:

      Für Kleider gelten andere Regeln als für Sprache? Wie ungerecht! 😉
      Ich wage jedenfalls zu bezweifeln, dass man das Beispiel von der Planstelle verallgemeinern kann. Ich hab’s auch schon anders erlebt, wenn auch seltener als nötig. Aber ob Frauen wegen der Forderung nach Gleichstellung auch in der Sprache beim Bewerbungsgespräch nach ihrem Kinderwunsch gefragt werden, oder ob’s andere Gründe hat? Wer weiß das schon – obwohl ich so meine Vermutungen habe. Falls es aber so ist, wie Sie schreiben, gelten dann für Kleider und Worte nicht doch die gleichen Regeln?

      Den „Krankenbruder“ find ich jedenfalls – das ist selten genug beim Gendern, da haben Sie schon Recht – witzig.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Nein, ich denke nicht, dass Frauen nur deshalb nach ihrem Kinderwunsch gefragt werden, weil sie geschlechtergerecht angesprochen werden wollen. Ich denke, dass „gerechte“ Sprache und Gleichberechtigung nur sehr wenig korrelieren.
        Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Gleichberechtigung Staatsdoktrin war, Arbeitsstellen ohne Ansehen des Geschlechts nach Notendurchschnitt vergeben wurden, Frauen nach der Geburt ein Jahr Urlaub bekamen und Kindergärten gebaut wurden. Kein Mensch hat über weibliche Endungen auch nur nachgedacht; es waren alles Hardware-Lösungen.
        Tja, und dann kam ich in ein Land, in dem junge Frauen im Bewerbungsgespräch klargemacht wird, dass sie ein demographisches Risiko für das Unternehmen sind, Kindergärten nur dort ausreichend existieren, wo man sie von dem anderen Land übernommen hat und Kinder ein veritables Armutsrisiko sind. Aber dafür gibt es großes Is.
        Weswegen ich die Verschwörungstheorie hege, dass der Genderfoo vor allem dazu dient, Frauen davon abzuhalten, sich um wirklich wichtige Dinge zu kümmern. Außerdem kann man damit herrlich jedes Bemühen um Gleichberechtigung lächerlich machen. Und dabei gäbe es wirklich genügend zu tun. Ich kümmere mich lieber um die Hardware und denke, dass sich die Software anpasst. Vor hundert Jahren war das Wort „Ärztin“ schlicht undenkbar. Dass es heute anders ist, verdanken wir Frauen, die sich den Weg in die Medizin freigekämpft haben, statt ein Wort einzuführen und zu hoffen, dass Umdenken einsetzt.

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