Unter Piraten 3.0: Aller guten Dinge sind drei

Wie jeder aufmerksame Märchenleser weiß, muss man drei Prüfungen durchstehen, ehe die launische Fee einem den Wunsch erfüllt.
Nun sieht der durchschnittliche Pirat beileibe nicht wie eine Fee aus, und Wünsche erfüllt allenfalls der Dicke Pirat der AG Catering, die bewundernswert gute Arbeit leistet. Aber ich wollte ja auch keinen Märchenprinzen und keine goldenen Teufelshaare, sondern die Leiharbeit ins Parteiprogramm bringen. Also zog ich zum dritten Mal auf einen Piratenparteitag, diesmal in der Alten Parteischule Erfurt.
Der Name ist Programm: Die SED-Parteischule wirkte, als habe man in den letzten 23 Jahren nicht mehr viel in die Unterhaltung des Gebäudes investiert. Eigentlich wollten die Piraten den Saal mit Tischen und Stühlen, aber da war kurzfristig ein lukrativerer Mieter aufgetaucht, so dass wir in einem heruntergekommenen Hörsaal mit zernutzten Bänken landeten. Piraten lassen sich davon nicht beeindrucken, auch wenn sie den Gesamtzusammenhang gruselig und deprimierend fanden.
Diesmal ging es von A bis Z nur um Programmanträge. Andere Parteien haben Programmkommissionen, die unter Beachtung politischer Opportunität und sämtlicher parteiinterner Strömungen ein Kompromissprogramm zusammenschustern, das oft genug viel blumiges Füllmaterial enthält und auf Parteitagen im Block abgenickt wird. Eventuell unter Beachtung von Änderungsanträgen derjenigen Strömungen, die sich zu kurz gekommen fühlen.
Das läuft bei Piraten anders. Da darf jeder einen Antrag stellen, und der wird im Zweifelsfall ausgesprochen heftig diskutiert. Etwa der, dass die Piraten „eine staatliche Beschäftigungsquote nicht als geeignete Maßnahme ansehen“ – den ich schon deshalb schlecht fand, weil die gar niemand gefordert hatte. Es geht um Vorstandsposten, nicht um gewöhnliche Arbeitsverträge. Ähnlich heiß her ging es beim Thema Beschneidung, wo ein Teil argumentierte, ein Verbot würde die Praxis nur in die Illegalität verlagern. Was auch mir neu war: Inzwischen gibt es fundamentalistische Vereinigungen, die die Straffreistellung weiblicher Beschneidung verlangen. Sie begründen das mit der Verletzung des verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatzes. Na danke. Bei den Piraten setzten sich die Beschneidungsgegner am Ende klar durch. Es ist die mit Abstand atheistischste Partei im Freistaat, wo selbst der Chef der Linken sich freudig über den Papstbesuch äußert.
Neuerdings haben die Thüringer Piraten einen Antidiskriminierungsbeauftragten. Auch das war durchaus strittig, weil etliche befürchten, dass der/die/d** künftig mit Fleiß nach Diskriminierung sucht, selbst wenn sich die Betroffenen gar nicht diskriminiert fühlen. Ich musste erst einmal nachsehen, was eigentlich „Lookismus“, einer der aufgelisteten Diskriminierungstatbestände, eigentlich ist. Aha: der Umstand, dass attraktive Menschen erfolgreicher sind als hässliche. Das ist zwar grob ungerecht, aber die Einführung einer Hässlichenquote würde für mein Gefühl erst recht unter Mobbing fallen. Ein wenig hatte ich das Gefühl, man schafft sich erst einmal ein Problem, das man dann beklagen, öffentlich dementieren und mit lautem Getöse bekämpfen kann. Die weißen, nichtbehinderten, heterosexuellen und einigermaßen attraktiven Männer um mich herum benahmen sich jedenfalls ausgesprochen anständig. Als ich meinen Banknachbarn zum Aufstehen nötigte, um mir einen Kaffee zu holen (Hörsaalbänke!), fragte er höflich nach, ob er mich begleiten dürfte. Wir sind ein freies Land, und ich beschloss, mich davon nicht belästigt zu fühlen …
Schließlich und endlich folgten die reichlich vierzig überwiegend männlichen Feen meinem Wunsch, Leiharbeit, Werkverträge, Praktika und Lehraufträge an den Thüringer Universitäten einer stärkeren Regulierung zu unterwerfen und Betriebsräten mehr Mitspracherechte einzuräumen. Dabei haben die meisten von ihnen eher überdurchschnittlich bezahlte Jobs im ingenieurtechnischen Bereich. Es gab nur eine einzige Gegenstimme. Natürlich ändert sich dadurch zunächst einmal gar nichts, aber sollten die Piraten im nächsten Landtag sitzen, dann steht in ihrem Programm, dass sie lästig fallen dürfen/sollen/müssen. Fairerweise müssten die Gewerkschaften die Piraten jetzt innig ins Herz schließen. Aber die hängen immer noch dem Glauben an, die SPD sei eine Arbeiterpartei …
Trotz der chaotischen Arbeitsweise war das Ergebnis erstaunlich sinnvoll. Die meisten schlampig und missverständlich formulierten Anträge wurden abgelehnt (das ist wirklich eine Pest), die meisten aus meiner Sicht guten Anträge schafften es ins Programm. Demokratie ist anstrengend, funktioniert aber – manchmal erst im dritten Anlauf.
Bei der abendlichen Umverteilung der Mitfahrgelegenheiten wurde ich zum Fahrer des Landesvorsitzenden. Früher, erklärte er mir, ging die Jugend auf die Straße und kämpfte um ihre Rechte, heute diskutiere sie über geschlechtergerechte Sprache. Obwohl ich zwanzig Jahre älter bin als er, waren wir uns herrlich einig.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Unter Piraten 3.0: Aller guten Dinge sind drei

  1. frank111 schreibt:

    War lange nicht mehr in deinem Blog. Wie sich herausstellt, ist mir einiges entgangen, was ich nun mit Interesse und auch einigem Amüsement gelesen habe! 🙂

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