Begonien als Form des Widerstandes

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Mitten in Jena liegt der Eichplatz, und auf dem Eichplatz liegt eine Grünanlage, die bei den Leuten eindeutig beliebt ist. Aber die Stadt möchte den Platz verkaufen und ein Einkaufszentrum errichten lassen – Istanbul lässt grüßen.
Zur Vorbereitung lässt sie die Grünanlage vergammeln. Die Gehwegplatten sind zerbrochen, überall wuchern Disteln und Ackerwinden, es liegt Müll herum. Ich hege die Verschwörungstheorie, dass man das absichtlich tut, damit die Leute endlich einsehen, dass ein Einkaufszentrum schöner wäre. Den traurigen Höhepunkt erreichte diese Taktik, als Ende Februar sämtliche Büsche zehn Zentimeter über dem Boden abgesägt wurden, um die Vögel am Nestbau zu hindern. Seither hat man nie wieder etwas getan.
Die Bürgerinitiative „Mein Eichplatz“ hat die Angelegenheit selbst in die Hand genommen. Wir haben Unkraut für zwei Müllsäcke beseitigt und hundert Blumen eingebuddelt. Der Effekt ist verblüffend. Es sieht wieder aus, als lebten da Menschen, während zuvor diese seltsame Endzeitstimmung herrschte, die über ostdeutschen Industriebrachen liegt. Es ist aufgeräumt, und es ist bunt. Eine Begonie für vierzig Cent ist ein Zeichen der Zivilisation – und eine Form gewaltfreien Widerstandes.
Wir haben, wie ich allen Leuten immer wieder erklärte, der Stadtverwaltung gezeigt, was eine Harke ist. Für den Fall, dass sie es da nicht wissen. Fünfzehn Leute standen – manche länger, manche weniger lange – am Sonnabend Vormittag auf dem Platz und buddelten. Wir haben das wie früher Subbotnik genannt, und es schien zu passen. Wir hatten Spaß dabei, und die Leute, die vorbeikamen, sparten nicht mit Lob. Ich frage mich immer noch, warum diese Aktion funktioniert hat, warum Leute ihr eigenes Geld ausgeben, um unentgeltlich auf einem städtischen Platz bei sengender Hitze in betonharter Erde zu wühlen. Weil man die Welt nicht den Konzernen überlassen darf, die Menschen nur als Konsumenten kennen. Es gibt Dinge, die kann man nicht bezahlen.
Wir haben kein Zeichen gesetzt, sondern Verbenen und Tagetes.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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