Eigentlich kein Unwort: Subbotnik

Subbotnik_schildAls wir die Pflanzaktion im Jenaer Stadtzentrum planten, hörte sich „Subbotnik“ völlig normal an. „BI Mein Eichplatz schafft mit Subbotnik bunte Tatsachen“ titelten wir fröhlich.
Falls du jetzt stirnrunzelnd grübelst, wovon hier die Rede ist, bist du wahrscheinlich im goldenen Westen aufgewachsen, wo es nicht nur kein Russisch, sondern dank Marshall-Plan auch weniger Mangel gab. Im Osten war Mangel das, was es am reichlichsten gab, nicht zuletzt an Arbeitskräften. Aber Subbotniks hatten wir. Das ist Russisch und heißt „kleiner Sonnabend“. Arbeiter der Eisenbahn Moskau-Kasan waren Sonnabend Mittag nicht wie sonst nach Hause gegangen, sondern hatten in einer Sonderschicht Maschinen repariert – zum Wohle der Revolution oder auch zum Wohle der Gemeinschaft. Der Subbotnik war geboren. Übrigens konnte er auch mittwochs oder freitags stattfinden.
Jedenfalls fand sich sofort jemand, der uns bescheinigte, mächtig aus der Zeit gefallen zu sein. Es fehle nur noch das „Allzeit bereit, Genosse!“ Mein erster Gedanke war: Vielleicht nicht allzeit, man muss ja auch schlafen … Der Kommentator legte nach und meinte, wenn man Begriffe von vor 70 Jahren verwende, dann würde man auch weniger den Inhalt als vielmehr die Ideologie dahinter sehen. Da ist sie wieder, die Gleichsetzung von Drittem Reich und DDR, von Konzentrationslager und Arbeitseinsatz in der Grünanlage. Der Mensch fand Zu- und Widerspruch.
Eine kurze Recherche in der lokalen Zeitungslandschaft (der Funke-Konzern – ehemals WAZ – ist kaum kommunismusverdächtig, und andere Lokalpresse gibt es hier nicht) förderte jede Menge Subbotniks zutage: Gras mähen im Freibad, Großreinemachen in der Stadt, Aufhübschen eines Schlossparks … Für die meisten gelernten DDR-Bürger ist „Subbotnik“ offenbar ein Wort, das ziemlich kurz „gemeinsam mit anderen freiwillig und ohne Bezahlung etwas Gutes für die Gemeinde tun“ ausdrückt – und nicht mehr.
Aus der Zeit gefallen scheint das tatsächlich. Dass jemand für lau selbst finanzierte Blumen im städtischen Boden versenkt, sorgt für Verwunderung. Die Vermutung, die Stadt habe zumindest das Pflanzgut bezahlt, war noch die harmloseste. Andere mutmaßten, fürs Wasserschleppen und Gießen würden wir bezahlt, und zwei von uns wurden gar als Wasserdiebe verdächtigt. Man beobachtet das Treiben mit misstrauischer Verblüffung.
Körperliche Tätigkeit fördert die Denkprozesse. Seit der Aufräumaktion fällt mir der Müll in der Anlage auf. Es geht ratzfatz und tut gar nicht weh: Aufheben und in den nächsten Papierkorb werfen. Aber niemand tut es. Wir haben uns angewöhnt, dass nichts mehr Unseres ist und dass irgendjemand verantwortlich ist. Die sollen mal machen. Die Raucher werfen ihre Kippen auf den Boden, obwohl der nächst Müllbehälter nur einen Meter weiter steht. Wird schon einer zusammenkehren. Dass keiner kehrt, keiner aufräumt und niemand Blumen pflanzt, scheint der Durchschnittsbürger nicht zu bemerken.
Wo zum Teufel ist uns in den letzten 23 Jahren der Gemeinsinn abhanden gekommen? Und warum nötigt mich meiner, im Vorbeigehen noch schnell eine Distel auszureißen?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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