Ergänzung zu diversen Reiseführern: Ceann Loch Gilb

Normalerweise kauft man sich einen Reiseführer, weil man glaubt, da stünde alles Wesentliche drin und man könnte nichts übersehen – schließlich sind da Profis am Werk. Aber während meine beiden Reiseführer treulich das Kaff Cromarty am Nordende der Black Isle aufführen, dessen einzige Sehenswürdigkeit ein Café mit integriertem Buchladen ist, tut sich am oberen Ende der Halbinsel Kintyre ein schwarzes Loch auf, wo eigentlich

Ceann Loch Gilb

sein sollte, von Nichtschotten auch Lochgilphead genannt. Das ist ungerecht, denn die Ortschaft am Ende des Loch Gilb, das wiederum ein Blinddarm des Loch Fyne ist, hat nicht nur einen sehr ordentlichen Zeltplatz, sondern auch je zwei Tankstellen und Supermärkte, was sie in den Highlands & Islands schon fast zur Metropole macht. Selbst eine Außenstelle der Universität gibt es da. Außerdem sieht sie auch nicht schlechter aus als Cromarty, und die Umgebung strotzt nur so vor Geschichte.
Da ist einerseits – in Richtung Tarbert – die Drei-Häuser-Gemeinde Turkinloan mit einem geradezu mustergültig markierten Wanderweg zum Dun a’Choin Dubh, was so ungefähr „Burg des Großen Schwarzen Hundes“ heißt und eine vorzeitliche Befestigungsanlage mitten im Wald auf einem steilen Kegelhügel ist. Gleich daneben finden sich die Achaglachgach Cairns, die äußerst romantisch auf einer Lichtung liegen, die ich aber zugegebenermaßen vor allem wegen des Namens anführe.
Andererseits liegt da das winzige Kilmartin, das von Steinkreisen, Cairns und einzelnen Standing Stones geradezu umkreist ist. In einem kleinen Museum wird einem dazu das Nötige erklärt. Es gibt sogar Hörbeispiele von absurden frühzeitlichen Instrumenten wie etwa der Lure, die alle sehr gewöhnungsbedürftig sind. Wer das unbedingt braucht, kann auch versuchen, eine Steinaxt zu schärfen. Dazu sollte man aber ein bisschen Zeit mitbringen – ungefähr einen Monat. Der Tearoom des Museums macht erwähnenswert gutes Essen. Man wird also nicht entkräftet umsinken.
Aus späterer Zeit findet man noch Grabplatten, die vermutlich auf Iona bearbeitet wurden, und das Carnasserie Castle, in dem man im Gegensatz zum touristisch durchorganisierten Urquhart Castle am Loch Ness einfach so und kostenlos herumlaufen kann. Weit und breit kein Reisebus. Ungefähr so sieht es auch auf Dunadd aus, einer weiteren Bergfestung, die ehedem das Zentrum des Königreichs Dàl Riata war. Viel ist davon nicht übrig, bis auf eine fußförmige Vertiefung in einem Felsen, wo man vor Zeiten Könige krönte. Aber der Ausblick ist grandios.
Wer damit nichts anfangen kann, dem bleibt mit dem Crinan Canal noch eine Meisterleistung der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts – oder einfach die sagenhaft schöne Landschaft. Da wäre etwa die Ortschaft Keillmore am Ende der Welt oder gleich daneben die Taynish National Nature Reserve mit wohlorganisierten Wanderwegen durch Erlen-Eichen-Urwald und über sonnenüberflutete Blumenwiesen – wenn man Glück und Sonne hat. Gegenüber liegt trutzig und quaderförmig die Ruine des Castle Sween. Für den wohlorganisierten Tourismus-Betrieb sind die Single Track Roads natürlich ein echtes Hindernis, aber dafür begegnen einem dort nicht nur Schafe und Kühe, sondern auch Rehe und Hirsche.

Also – wenn der Reiseführer mit Insidertips wirbt – vergesst es. Am Ende steht doch nur drin, was gut mit Bussen erreichbar ist.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Ergänzung zu diversen Reiseführern: Ceann Loch Gilb

  1. Ellen Löchner schreibt:

    So ein schöner Artikel. Da möchte man sein.

  2. kussaw schreibt:

    Stimmt, vor allem auch wunderschöne Bilder.
    Allerdings vermisse ich ein paar Tipps: Welcher Whisky wird dort in der Gegend gebrannt? Muss ich wirklich erst selber hinfahren oder konzentrierst du dich auch mal auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens 😎

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    Wer auch immer mit dem Suchwort „Lochranza Tankstelle“ hierher gefunden hat – vergiss es. Es gibt keine. Auf Arran habe ich nur in Brodick unmittelbar am Hafen eine gefunden. Die übersieht man leicht, denn eigentlich sieht sie wie irgendein Hafenschuppen aus – mit einer Zapfsäule davor.

  4. Pingback: Kuriose Welt: Fachkräftemangel | Heidrun Jänchen – Aurora schießt quer

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