Die elektronischen Wahrsager

Demnächst wird gewählt. Nur für den Fall, dass es euch noch nicht aufgefallen ist.
Im Briefkasten hat sich staunenswerterweise bisher nur die Linke gemeldet. Bei der Plakatierung hat die FDP die Nase vorn.
Nicht dass einem das helfen würde, denn die meisten Slogans sind von nicht zu übertreffender Banalität. Bei „Deutschlands starke Mitte“ muss ich immer an „Mode für starke Frauen“ denken – die zwar Platz für dicke Bäuche, aber nicht für breite Schultern hat …
Wer immer noch unentschlossen ist, kann sich gleich mehrfach auf die Sprünge helfen lassen.

Dieses Plakat hängt tatsächlich nirgends, aber es gäbe dem Wahlkampf irgendwie eine herzliche Note, oder?

Der Klassiker ist der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, der auf der Grundlage der Wahlprogramme gebastelt wird. Die Fragen sind zuweilen mehr als schräg: Die Pille danach soll rezeptpflichtig bleiben? Ist das echt ein Grund für eine Wahlentscheidung? Oder das Tempolimit auf der Autobahn? Kann man überhaupt noch irgendwo auf einer Autobahn schneller als 80 km/h fahren? Und ob der Staat nun die Kirchensteuer eintreibt oder nicht … Wie wäre es, wenn sich der Staat auf die Kirchensteuer beschränken würde, statt zusätzlich Geld rüberzuschieben? Das Ergebnis ist nicht ganz unerwartet, aber an einigen Stellen auch verwirrend. Auf Platz 3 steht bei mir tatsächlich die PARTEI. Woher wissen die, dass ich das alles nicht mehr ernst nehmen möchte? Mit 85.7 % landen ausgerechnet „Die Frauen“ ganz weit oben, die ich gerade öffentlich verrissen habe. Die Schwäche des Wahl-O-Maten: Er beschränkt sich auf Programme, also auf Propaganda. Was die Parteien in der Vergangenheit gemacht haben, interessiert ihn nicht. Die Stärke: Er führt wirklich jede zugelassene Partei auf. Sonst hätte ich nie erfahren, dass ich ausgerechnet Martin Sonneborn wählen sollte.
Die Uni Konstanz kontert mit dem ParteieNavi. Kommt mir noch komischer vor, und die Schreibweise führt bei mir zu Lektoren-Ausschlag. Das fehlende n macht mich wahnsinnig. Zurück zum Inhalt: Wieso wollen alle von mir wissen, ob die Türkei in die EU soll – und ob sich Deutschland dafür einsetzen soll? Und christliche Werte als Grundlage der deutschen Politik? War da nicht was mit dem Grundgesetz? Ich hab’s zweimal gemacht, weil ich mir die Fragen natürlich nicht merken konnte – und zwei verschiedene Ergebnisse bekommen. Sie haben obendrein zwei verschiedene Berechnungsalgorithmen, die sie dem Wähler natürlich nicht erklären, aber zu verschiedenen Wertungen führen. Ist eh wurst, denn Linke, Piraten und Grüne liegen mehr oder weniger gleichauf in meinem Ergebnis. Dabei weiß ich, dass ich keine Partei wählen würde, die Kriege befürwortet. Diese Frage stellt aber keiner, obwohl sie verdammt wichtig ist. Über die Agenda 2010 schweigen wir lieber, sonst dauert das länger. Schlechte Karten für die Grünen. Peinlich an der Konstanzer Version: Sie fragen vorher nicht nur Geschlecht, Alter und Bildungsabschluss ab, sondern auch Parteipräferenzen. Sage mir, wer du bist, und ich sage dir, wie du heißt …
Der Bundeswahlkompass ist auch eine universitäre Einrichtung, beschränkt sich aber auf die demoskopischen Daten. Dafür darf ich bewerten, wie sympathisch ich diverse Spitzenkandidaten finde. Neben den bereits im Bundestag vertretenen Parteien werden mir auch Piraten, NPD und AfD angeboten – auf dieses Spektrum beschränkt sich der Test. Nicht ganz fair. Denn der letzte Test in meinem Testbericht fördert beispielsweise eine deutliche Übereinstimmung mit der ödp zutage, die außerhalb Bayerns kaum einer kennt.
Letzter Versuch: der Kandidatencheck von abgeordnetenwatch. Die mag ich ohnehin, denn da kann ich nachsehen, was mein Abgeordneter im Bundestag so treibt. Im Rennen sind 11 Kandidaten. Wer keinen Direktkandidaten hat, fällt schon mal raus. Diesmal passt alles. Das Ergebnis sieht aus wie mein Wahlzettel. Eins verblüfft mich: CDU-Kandidat Albert Weiler ist gegen Volksentscheide – in einer Befragung von Mehr Demokratie aber dafür! Das ist mal Konsequenz. Insgesamt finde ich die Fragen einfacher zu beantworten. Außerdem gibt es einen größeren Anteil an sozialen Fragen: Mindestlohn, Leiharbeit, Rente mit 67 … Das interessiert, meinen die Demoskopen, die Wahlbürger am meisten, jedenfalls mehr als die Türkei. Zumal man aus ganz verschiedenen Gründen Probleme mit der Türkei haben kann. Abgeordnetenwatch fragt erst hinterher, was man denn nun wählen möchte. Ich vermisse die Frage: Hat sich Ihre Meinung durch diesen Test geändert? Nein, aber ich schaue immerhin mal bei den Freien Wählern vorbei, deren Kandidatin in dieser Runde sehr viel besser abschneidet als der Grüne.
Daumen mal Pi sind die Ergebnisse nicht so arg verschieden. Ich soll auf keinen Fall CDU wählen. Okay, das kriegen wir hin. Im Detail wird es schwierig, was weniger für meine schwammige Meinung als vielmehr für ähnliche Programme spricht. Da hilft dann nicht mal mehr der Piraten-Slogan „Trau keinem Plakat – informier dich“, sondern nur noch das Gespräch mit dem Kandidaten. Aber die stehen ja gerade überall herum.
Falls euch nach einem ähnlichen Selbstversuch der Kopf schwirrt und ihr dringend was zum Abreagieren braucht, dann versucht es mit dem Wahl-Schwach-O-Maten von Extra3. Aber auf jeden Fall wählen gehen, denn das Ergebnis haben wir für 4 Jahre an der Backe!

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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