Ach lies doch selbst, du Wähler!

In der Fußgängerzone stehen die Parteien wie die Damen vom Straßenstrich. Als ich am SPD-Stand vorbeikomme, packt mich der Schabernack.
Ich bleibe stehen und frage: „Antwortet Ihr Kandidat eigentlich auch auf Fragen?“
Jawohl, unbedingt, beteuert der SPD-Nachwuchs.
„Ich habe ihm eine auf Abgeordnetenwatch gestellt. Das ist jetzt zwei oder drei Wochen her, und nächste Woche ist Wahl.“
Oh, das ist ihnen peinlich. Der Kandidat habe es nicht so mit dem Internet, er sei ja schon etwas älter (Wohl wahr: Den Stadtrat nervt er mit völlig themenfremden Jugenderinnerungen, und auch im Wahlkampf ist der rote Schlips so ziemlich die konsequenteste Ansage …). Aber er habe jetzt immerhin eine Facebook-Seite. Das habe ich mir schon immer gewünscht: einen Politiker, der die Fragen seiner Wähler ignoriert und auf Facebook abhängt.
Schließlich fragt mich der SPD-Mann, was denn mein Problem wäre. Vielleicht könnte er mir helfen?
Ich hole die große Dreckkiste vor: Leiharbeit. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Synchronisationsverbot, Höchstverleihdauer und ein fetter Brocken Frust. Agenda 2010, Sie erinnern sich?
Der Wahlkämpfer erklärt tatsächlich, die unselige Agenda habe ihre Berechtigung gehabt, aber an einigen Stellen müsste man nachjustieren. Das stünde so auch im Programm … Er wühlt und wird nicht fündig. Nachjustieren – was für ein schöner Euphemismus für „das war ein riesen Bockmist“!
„Warum“, will ich wissen, „soll ich Ihnen glauben, dass Sie diesmal alles anders machen?“
Erneutes verzweifeltes Blättern, aber das Kapitel Leiharbeit ist irgendwie nicht zu finden. Er tut mir beinahe leid. Schließlich drückt er mir das augenschädigend rot-violette Programm in die Hand mit dem freundlichen Hinweis, ich könnte das in Ruhe nachlesen.
An dieser Stelle schüttelt mir der Listenkandidat der Piraten freudig die Hand, und ich muss mit ihm klären, ob er bei der Bürgerinitiativen-Kundgebung letzte Woche vielleicht meine Schere gemopst hat. Er beteuert seine Unschuld, und das glaube ich sogar. Piraten vergessen eher, die eigenen Schere einzustecken.
Abends sehe ich tatsächlich in das SPD-Programm. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, und ich habe das Kapitel „Gute Arbeit“ gefunden. Der Terminus ist von den Gewerkschaften geklaut, aber das ist noch das Geringste. Tatsächlich fordert man gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Synchronisationsverbot und Höchstverleihdauer. Niedriglöhne könnten so nicht mehr hingenommen werden. Kein Wort über die Agenda 2010, kein Wort der Entschuldigung, kein „War wohl falsch“. Nicht einmal „nachjustieren“. Kehrtwende. Und die rosa Truppe tut so, als wären all die Segnungen der modernen Arbeitswelt vom Himmel gefallen. Oder war das vielleicht Schwarz-Gelb? Ganz gewiss, denn die SPD hatte überhaupt gar nichts damit zu tun. Sie ist der Schutzengel der arbeitenden Massen.
Die ganze Sülze ist zehn Jahre her. Vor zehn Jahren erklärte ein gewisser Schröder, wir hätten einen der besten Niedriglohnsektoren der Welt geschaffen. Ich fühle mich beleidigt. Für wie blöd halten die uns eigentlich?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Ach lies doch selbst, du Wähler!

  1. kussaw schreibt:

    Kurz: für saublöd, ansonsten wären die Erfolgstiraden der Frau Merkel ebenso wenig zu erklären wie die plötzlich entdeckte soziale Ader der SPD. Hätte die SPD in den vergangenen 5 Jahren auch nur ansatzweise das vertreten, was sie im Wahlkampf so vehement fordert, würde sie garantiert nicht bei 20 + % rumdümpeln. Und so ganz ohne ist die Vermutung ja auch nicht, der kommende Sonntag wird es beweisen.
    „In mehr als zwei Jahrzehnten Politikbeobachtung habe ich niemals einen derart eklatanten Widerspruch erlebt zwischen dem Image einer politischen Persönlichkeit und ihrer tatsächlichen Politik. Nie ist es einem Politiker in Deutschland gelungen, derart konsequent auf Kosten der Mehrheit zu handeln und zugleich die Sympathie dieser Mehrheit zu gewinnen.“ Stephan Hebel zu Angela Merkel, in „Mutter Blamage“, ISBN 978-3-86489-021-5

  2. Klaus schreibt:

    Münterfering hat sich doch mal darüber beklagt, dass es unfair sei, die Regierung an ihren Wahlkampfversprechen zu messen. Oder so.

  3. Inge schreibt:

    Glaubt ihr wirklich, dieses System lässt sich ändern, wenn nur genügend Leute die richtige Partei wählen und die dann auch ihre Versprechen hält? Solange der Laden hier durch Profitstreben am Laufen gehalten wird (und der Versuch, es anders zu machen, ist ja vor nicht allzu langer Zeit grandios gescheitert), solange kann es sich keiner, der an der Macht ist und das auch bleiben will, leisten, diesen Profit merklich zu beschneiden – zumindest nicht, solange im überwiegenden Teil der Welt Menschen bereit sind, ohne Mindestlohn und (Mindest- oder überhaupt) Rente zu schuften, einfach, um zu überleben…

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Sagen wir mal so: Die Erfahrung lehrt, dass es Spielräume gibt. Zwischen Ungarn und Dänemark liegen Welten, was die Verteilung von Reichtum und die Sozialsysteme betrifft, aber auch in Sachen Demokratie. Es muss also durchaus gehen. Manchmal kann ich bescheiden sein und mich auch über kleine Erfolge freuen. Sogar über 8.50 € Mindestlohn, auch wenn er nicht reicht und wenn er denn käme. Man kann ja nicht, nur weil es kein Freibier für alle geben wird, einfach den Kopf in den Sand stecken. Ich jedenfalls nicht …

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