In der Schrumpfungszone


Einmal im Jahr treffen sich die Thüringer Schriftsteller zum Wandern, diesmal im Ostzipfel des Landes im Dorf Gleina. Am Ortseingangsschild sollte man scharf bremsen, damit man nicht gleich am anderen Ende ist.
Die kostenlose Lesung im Mauritianum in Altenburg war gut besucht und kam gut an. Gastgeber wie Autoren waren sichtlich bewegt, auch wenn die krampfhaft optimistische Rede des Oberbürgermeisters (Kulturschätze, Herausforderung, Stolz …) ein Geruch von Wahlkampf umwehte. Das Wetter nahm sich halbwegs zusammen, und dank eines Führers vom NABU verliefen wir uns nicht im kaum ausgeschilderten, säuberlich in Planquadrate geteilten Leinawald. Dafür lernten wir, dass es seit einiger Zeit Buntes Springkraut aus dem Himalaya im Altenburger Land gibt, die sowjetischen Soldaten nie zu einem Naherholungsgebiet kamen, weil die Fürstenteiche nur fünf Zentimeter tief waren, und die Schließung des Holzplatzes zu einem dramatischen Rückgang der Nashornkäferpopulation führte. Die lebten nämlich in den Sägespänen. Keine Späne, keine Nashornkäfer. Früher fingen die Fledermäuse nachts die Käfer im Flug, bissen das nahrhafte Hintersegment ab und ließen Kopf samt Horn einfach fallen. Morgens glich der Holzplatz einem Schlachtfeld. Heute gibt es nur noch die Geister der Käfer.
In Gleina kann man das ganze Elend ostdeutscher Schrumpfungszonen beobachten. Von zwei großen Bauernhöfen ist einer heute ein Landgasthof und der andere eine Ruine. Von vier typischen DDR-Neubaubblocks stehen drei leer. Da und dort renoviert man Häuser. Verbotsschilder verwehren den Zutritt; gefühlt ist bis auf die Dorfstraße alles Privateigentum! Mit Ausrufezeichen. Gewarnt wird wahlweise vor einem freilaufenden bzw. bissigen Hund und einem „aufmerksamen Nachbarn“ namens Bernd. Bernd wirft mir, als er morgens gegen acht die kostenlose Wahl-Ausgabe der BILD aus dem Briefkasten holt, einen misstrauischen Blick zu. Ich bin fremd hier.
Zum Glück ahnt er nicht, mit welch zweifelhaftem Gelichter ich im Dorf eingefallen bin: Schriftsteller! Brotlose Künstler. Die kriechen derweil aus den Betten, um hernach beim Frühstück über Reime, Kartoffeleinsätze beim Studium, die Geschwätzigkeit nichtstillen Wassers, einen gestohlenen Gravensteiner-Baum oder gemeinsame Bekannte zu reden – und Wetten auf den Wahlausgang abzuschließen. 72 % Wahlbeteiligung, prophezeit Jens-Fietje, ich biete nur 65 %.
Von Gleina bis zur Autobahn sind die Laternenmasten voller Werbung für AfD und NPD, und der Himmel hängt noch immer voller grauer Wolken.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu In der Schrumpfungszone

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