Anderes Volk gibt’s nicht

Für Leute, die das System Merkel nicht für die beste aller möglichen Welten halten, ist ein bisschen Katerstimmung heute durchaus angemessen.

Für Leute, die das System Merkel nicht für die beste aller möglichen Welten halten, ist ein bisschen Katerstimmung heute durchaus angemessen.

Deutschland hat gewählt, und ich frage mich, wieso eigentlich und wieso so …
70 % der Deutschen sind gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr – aber 80 % wählen Parteien, denen gar nicht genug Kriegsbeteiligung sein kann. Da haben doch mindestens 50 % ein Problem mit ihrer inneren Logik? Die Mehrheit ist für Mindestlöhne, aber Massen wählen die CDU, die sich mit Händen, Füßen und sonstigen Extremitäten dagegen sträubt. Die Leute jammern über die Steigerung der Strompreise, wählen aber genau die, die dafür gesorgt haben, dass Hinz und Kunz die Energiewende für die Industrie mitbezahlen. Zwar reicht man den HartzIV-Empfängern 8 Euro mehr aus, aber Frau von der Leyen mahnt, nicht alles auf einmal auszugeben. Als hätte die Inflation dieses Almosen nicht längst aufgefressen. Und das haben die Deutschen gewählt, damit sich bloß nichts ändert.
Da ist nichts zu machen, denn ein anderes Volk gibt es nicht – also finden wir uns damit ab, dass es gewählt hat, wie es wollte.
Wenn es einen Lichtblick gibt, dann den Umstand, dass die Merkelei nicht allein regieren kann. Jetzt wird es spannend zu sehen, wer die Hosen schneller und tiefer runterlässt: SPD oder Grüne. Denn dass die beiden vielleicht mit den Linken …, daran glaubt kein Mensch. Nein, SPD und Grüne wollen keinen Wechsel in der Politik, sie wollen auch nur Ministerposten.
Die FDP taugt wenigstens noch als schlechtes Beispiel. Wenn man die Wähler schon über den Tisch zieht, sollte man es nicht so schamlos tun und sich besseres Personal dafür suchen. Vielleicht kommt die Botschaft bei den Grünen an, die seit längerem versuchen, die besseren Liberalen zu sein, die Partei der besserverdienenden Teilzeitvegetarier.
Die Linke hat eingebüßt, ist dabei aber zur drittstärksten Kraft im Lande geworden. Darauf hätte vor zehn Jahren keiner gewettet. Im Osten ist sie das, was die SPD im Westen ist – und trotz schwerer Überalterung offenbar auf Dauer.
Verloren hat sie kurioserweise wie andere auch an die AfD. Protestwählern ist rechts und links offenbar egal, und die Angst um die eigenen Besitzstände treibt die Leute den erzkonservativen Eurokritikern in die Arme. Dass die Eurorettung letztlich eine Rettung vor allem deutscher Banken ist und die Eurokrise eine Folge des deutschen Lohndumpings – das sind anscheinend zu komplexe Gedankengänge.
Mit 1.3 % hat sich die NPD erledigt, was vielleicht das Verdienst der AfD ist. Das gehört zu den Lichtblicken. Die NPD hatte zur Europanik nur noch ein bisschen Rassismus beizusteuern. Das Plakat mit dem blonden Kind und der Aufschrift „Natürlich deutsch“ ist wahrlich nicht weit vom Ariernachweis entfernt.
Die Piraten lernen gerade, dass man sich nicht auf die Fehler anderer verlassen kann, sondern eigene Stammwähler braucht. Ihr kometenhafter Aufstieg in Berlin war ja vor allem eine Folge der rosa-roten Koalition dort, die mit ihrer Politik den Bedarf nach einer linken Alternative geschaffen hatte. Sie sollten sich hinter die Löffel schreiben, was Tobias Pflüger über die Linke im Westen gesagt hat: die sei dort stark, wo sie vorort wirksam ist.

Bleibt der Zweifel, ob die Demokratie so eigentlich funktioniert. Immerhin 28.5 % haben trotz aller Ermunterung ihre Stimme statt in die Wahlurne in die blaue Tonne geworfen. Mehr als 10 % der Wählerstimmen landeten auch da, weil die 5-Prozent-Hürde ihr Votum aussortiert. Ist das eigentlich akzeptabel? Wäre das Land ohne diese Hürde unregierbarer?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Anderes Volk gibt’s nicht

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Und die Enttäuschung bei mir als Wähler, wenn ich mich mit den zur Debatte stehenden Themen beschäftigt habe und zu einem Wahlentschluss gekommen bin, dessen Repräsentanten schließlich an der Hürde scheitern und dadurch mein Votum lächerlich gemacht wird, war eine Überraschung. So wie du das in Worte gefasst hast im letzten Absatz, ist das die Erklärung für dieses Gefühl. Im Endeffekt bin ich enttäuscht von meinen Mitbürgern.

  2. gmr schreibt:

    Gestern in Erfurt: Auf dem Anger wieder ein Stand der Piraten, obwohl diese Partei zur Zeit sehr gebeutelt ist. Wetten, dass die Linke es nicht fertig bekommt, vor der nächsten Landtagswahl in Dialog mit ihren Wählern zu treten? Aber dann wird sie wieder schimpfen, dass sie nicht genug Medienaufmerksamkeit bekommt.

  3. Heidrun Jänchen schreibt:

    Die Piraten, mit denen ich so in Sachen Kommunalpolitik zu tun habe, waren zwar angefressen, dass keiner ihre Inhalte will, aber gebeutelt wirken sie eigentlich nicht. Da herrscht eher die Meinung, jetzt könnte man sich wenigstens auf die Kommunalwahl im Mai 2014 konzentrieren und den Stadtrat aufmischen. Was ich für den richtigen Weg halte. Wenn eine Partei lokal was bewegt, wird sie auch für die nächsthöhere Ebene interessant.
    Das mit den „weggeworfenen“ Wählerstimmen hat übrigens noch eine viel drastischere Auswirkung: Für die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses sind im Bundestag mindestens 25 % der Stimmen notwendig. Wenn CDU und SPD koalieren, dann kommt die rot-grüne Opposition noch nicht einmal auf 20 %. Mit anderen Worten: Die Demokratie wird arg eingeschränkt. Ich brauche zwar nicht unbedingt die AfD oder FDP im Bundestag, aber ich hätte gern jemanden, der der Regierungskoalition im Zweifel gewaltig auf die Finger klopfen kann. Eigentlich wäre das schon Grund genug für die Frage, ob das Grundgesetz nicht demokratisiert werden muss. Demokratie funktioniert nicht durch Aussperren derer, die falsch gewählt haben.

    • gmr schreibt:

      Mit gebeutelt meinte ich nur das Wahlergebnis bei der Bundestagswahl. Bemerkenswert finde ich, dass die Piraten trotzdem den Dialog mit den Bürgern suchen, was die Linke offensichtlich nicht nötig hat. Und auch Grüne, SPD und AfD sind bis auf ein paar Oberchefs gleich von der Bildfläche verschwunden. Das zeigt letztlich, wie ernst man den Bürger nimmt.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Eigentlich verstehe ich jeden, der nach dem Wahlkampf einfach umfällt und mal ein Wochenende Privatleben genießt. Die meisten machen das ja in ihrer Freizeit. Außerdem kosten Infostände seit 23.09. wieder Geld (im Wahlkampf darf jeder, wie er will). Bei uns herrschte gestern in der Innenstadt jedenfalls unpolitische Wochenendstimmung.
        Aber am Dienstag gehe ich mit unserem linken MdB und dem Kreisvorsitzenden der Piraten zum Oberbürgermeister, um ein Bürgerbegehren einzureichen. Ist ja auch was.

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