Ein Totentanz

TeufelIn Jena will man – nicht ganz freiwillig – die geplante Eichplatz-Bebauung „im Straßenraum visualisieren“. Ich bekam eine Einladung zu dieser Aktion mit dem freundlichen Hinweis, die Bürgerinitiative dürfte sich mit einem Infostand beteiligen. Meine Infostand-Infrastruktur besteht aus einem Campingtisch und zwei Klapphockern, mitten im Oktober vielleicht nicht die beste Variante. Nach der letzten Aktion zerfielen mir die völlig aufgeweichten Plakate in den Händen … Zum Aufhängen hätte ich ohnehin nur Siemens Lufthaken.
In der Verzweiflung fiel mir ein, was mir in der Verzweiflung immer einfällt: die Jenaer Piraten. Freitags ist Stammtisch. Also hin.
Im gut gefüllten Obergeschoss der „Quere“ wurde ich freudig begrüßt; einer erklärte gar, gerade auf mich hätte er gewartet. Wann sich denn die Bürgerinitiativen das nächste Mal träfen? Meine Berichte seien immer so lustig.
Auf meine Frage: „Da sich die Piraten gerade erledigt haben – könnte ich mir vielleicht den Wahlkampfstand ausborgen? Ihr braucht den doch nicht mehr …“, antwortete mir schallendes Gelächter. Und Bastian, der Kreisvorsitzende: Es gäbe sogar zwei Stände, aber beide seien kaputt, weil sie fliegender Robert gespielt hätten. Einer sei mit dem Stand der SPD kollidiert, ehe man ihn einfangen konnte. Doch wahrscheinlich könnte man aus zwei kaputten einen funktionierenden bauen. Auffahrunfälle mit Wahlkampfständen, was nicht noch? Außerdem fanden sich zwei Piraten, die bereit waren, als Bürgerinitiative vom Dienst aufzutreten. Was nicht einmal falsch ist, weil sie von Anfang an zu den Unterstützern gehören. Wie ganz und gar schön!
Die Piratenpartei, auf die gerade allenthalben Grabreden gehalten werden, machte einen höchst lebendigen Eindruck. 16 Piraten drängten sich um den Tisch, davon mutmaßlich vier Piratinnen (von wegen, da gäbe es keine Mädels!). Sogar zwei vom Landesvorstand tauchten auf und wurden nicht mit Vorwürfen, sondern mit freundlicher Wärme begrüßt. Man kam überein, dass Zombies und Untote gerade schrecklich modern seien und die Chancen für die Stadtratswahl damit hervorragend. Von Kleinkrieg und Zerwürfnissen keine Spur.
Und überhaupt, erklärte Bastian, würde er jetzt gern über die geplante Änderung der Geschäftsordnung des Stadtrates reden. Da wäre unter anderem der Passus, der die Mindeststärke für Fraktionen von 2 auf 3 erhöht. Mit den 4.3 % von der Bundestagswahl säßen die Piraten mit genau zwei Leuten im Stadtrat. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Aber die Zombie-Armee ist unverzagt und fest entschlossen, die fehlenden zwei Prozente irgendwo aufzutreiben, denn die Stadt ist nicht der Bund. Die Stadt ist eine Piraten-Hochburg, vielleicht, weil eine verzweifelte Bürgerinitiative immer auf Unterstützung rechnen kann.
Ich vermute, gegen die unbändige Lebendigkeit der Totgesagten hülfe nicht einmal eine Knoblauchgirlande über der Rathaustür. Vielleicht bringen sie die Verhältnisse tatsächlich zum Tanzen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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17 Antworten zu Ein Totentanz

  1. gmr schreibt:

    Gut zu lesen, dass die Jenaer Piraten sich wichtiger städtischer Themen annehmen, statt sich wie in vielen anderen Orten mit sich selbst zu beschäftigen. In Erfurt dominierten in der Außenwirkung regemäßig nebensächliche Fragen. Das gibt Hoffnung.
    Dass aber die SPD im Kampf um die Stimmen bereits ihre Wahlkampf-Ausrüstung zur Schädigung des politischen Gegners einsetzt, ist ein Fall für die Justiz! Zumindest fürs Bundesverfassungsgericht. Oder den Europäischen Gerichtshof.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Falls der Stadtrat dafür stimmt, darf die SPD das. Ist alles völlig demokratisch, nur irgendwie nicht nett. Aber wen stört das schon?
      Das mit der Außenwirkung ist wie mit allen alternativen Projekten so ein Problem: Man muss erst mal einen finden, der bereit ist, über etwas Positives zu berichten. Wenn mich nicht einer von den Piraten mal nachdrücklich eingeladen hätte, mit ihnen zu reden, würde ich die bis heute für einen Chaotenhaufen ohne Plan halten. Aus der Nähe betrachtet, sind sie dann auch nicht chaotischer als andere, nur schneller bereit, was auf die Füße zu stellen, auch wenn es vielleicht nicht perfekt ist.

      • gmr schreibt:

        Mit Außenwirkung der Erfurter Piraten meinte ich ihren Stand – was man dort zu hören bekam, war meist wenig bedacht. Wie z.B. die Copyright-Frage. Hier herrschte die ‚Verlage sind blöd‘ – Mentalität und Autoren sollten halt von Hartz 4 leben…
        Ein neues Denkmodell entwickeln, wie man die Zukunft gestalten könnte – Fehlanzeige. Deswegen freue ich mich über deine Berichte von den Jenaer Piraten.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        … die in Sachen Copyright auch noch keinen wirklichen Plan haben. Das ist der eine Punkt, an dem wir uns regelmäßig fetzen. Aber noch habe ich Hoffnung, das sie zur Vernunft finden.

  2. kussaw schreibt:

    Ja wirklich gut zu lesen, dass es Piraten gibt, die nicht einfach auseinander laufen. Hier, im Norden von Sachsen-Anhalt, fielen sie aber auch während des Bundestagswahlkampfes nicht sonderlich auf …

  3. Tobias Schäfer schreibt:

    Ich kann dieser Bürgerinitiative nur beipflichten. Was du immer schreibst, klingt nach mächtigem Einsatz. Eigentlich unvorstellbar, dass sowas ungehört verhallt. Wann soll diese Straßenraumvisualisierung stattfinden? Ich würde den Initiativenstand gern bedrängen 🙂

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Oh, die Schwerhörigkeit unserer SPD-CDU-Grüne-Koalition ist enorm. Die hören nie etwas, was sie nicht wollen.
      Die Visualisierung ist am Sonntag (13.10.) ab etwa 13:00 auf – natürlich – dem Eichplatz. Die Stände findet man hinter dem Rathaus. Ich muss mal sehen, wo sich unserer genau bildet, denn ich bin ja am 12.10. noch in Wiesloch, um mit Armin und Karsten SF vorzulesen. Das wird knapp.

      • gmr schreibt:

        Schade, aber da bin ich bei Eric in Frankfurt (Treff nach dem Bucon).

      • Tobias Schäfer schreibt:

        Na, da wünsch ich euch viel Spaß in Wiesloch! Ihr nehmt sogar Eintritt? Warum hört man eigentlich von Armin so wenig Neu-Literarisches? Da liegt doch bestimmt noch irgendwo ein fast fertiger Roman auf Halde … 😉

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Das ist eine hochoffizielle Veranstaltung, die sogar Honorar und Reisekosten zahlt. Man glaubt es kaum. Also kostet es auch.
        Den Roman sprich besser nicht an. Ich habe etwa die Hälfte gelesen und warte sehnsüchtig auf das Ende … Und dabei weiß ich, dass Armin im Gegensatz zu mir immer einen Plot hat. Einen FERTIGEN Plot (hier grasgrünen Neid einfügen).

  4. Tobias Schäfer schreibt:

    Übrigens: Die Farbe des stilisierten Sonnenkreuzes neben meinem Namen (wobei ich hoffe, mich verguckt zu haben) wird mir bei Eingabe meines Namens immer zugeordnet. Keine Ahnung, wieso, sieht aber ziemlich feministisch aus.

  5. Heidrun Jänchen schreibt:

    Das kommt davon, wenn man anders als andere Mädels ist …
    … und keinen eigenen WordPress-Account hat. Dann macht es das Avatar-Bild an diese Stelle.

  6. Ellen Löchner schreibt:

    Liebe Heidrun,

    auf der Hinfahrt nach Berlin stoppten wir letzten Montag in Jena, vertraten uns die Beine und kamen natürlich zum Eichplatz. Bebaut muss der wirklich nicht werden, wir plädieren für Grünanlagen, Cafés und ein großes Wasserspiel für Kinder. Neulich durften wir in Werne (NRW) beobachten (als es noch ganz heiß war), wie unterschiedlich alte Kinder, zwischen drei und elf Jahren würde ich sagen, mit einfachen Fontänen spielten, die nach dem Zufallsprinzip aufstiegen. Keine Kunst, kein Gedöns, einfach Wasser.

    Was immer die Bürgerinitiative für richtig hält, wir sind dafür! Guten Stand am 13. und viel Erfolg wünschen Ellen und Martin aus Rheinhessen

  7. gmr schreibt:

    Wie war Eure Aktion heute?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Danke für die guten Wünsche und Nachfragen. Die Aktion ist ziemlich gut gelaufen, finde ich. Die mit jeweils drei Hubsteigern dargestellten oberen Ecken der Bebauung haben spürbar vielen interessierten Bürgern sehr zu denken gegeben. Das Wetter meinte es gut mit uns, so dass auch viele Leute da waren. Wenn ich den Füllstand des Kartons so ansehe, haben wir mindestens 250 Flugblätter unter die Leute gebracht, über 40 haben Anmerkungen zum Bebauungsplan abgegeben, und eine andere Initiative hat zahlreiche Unterschriften für einen Planungsstopp gesammelt. Der Stand war die ganze Zeit rege besucht, und Bastian ist offensichtlich ein Talent als alternativer Stadtführer. Während die Stadt Rundgänge mit heftiger Werbung für das neue Einkaufcenter anbot, erzählte er Menschenmengen, was sonst noch so passieren wird.
      Insbesondere die Grünen hatten gestern wenig zu lachen. Die mussten immer wieder erklären, warum es gut ist, 45 große Bäume im Stadtzentrum zu fällen …

      • Tobias Schäfer schreibt:

        Oh, hast du das gefilmt?

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Nein, leider nicht. Ich hatte schon Mühe, mich für ein paar nette Fotos von der Aktion loszueisen, weil ständig irgendwer Antworten auf komplizierte Fragen wollte. Wir waren dummerweise nur zwei „Profis“ am Stand, also Leute, die sich wirklich eingehend mit dem ganzen Zahlensalat beschäftigt haben. Nummer 2 hat regelmäßig Leute zu einer „Alternativen Führung“ über den Platz geführt.

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