Ungeklärte Phänomene: Hotelzimmer

 

Hotel

Es gibt diese Manifestationen, die sich mitten in der Nacht, im Ausland und bei strömenden Regen ereignen, weil irgendein namenloser Gott Mitleid mit den Stoßgebeten eines entnervten Reisenden hatte, wie etwa die Auberge de Vaugris. Im Zimmer gibt es ein Bett mit leicht angerostetem Rahmen, stockfleckige Wände, einen kippelnden Stuhl, genau zwei Haken an der Wand und ein Waschbecken, das so klein ist, dass man beim Zähneputzen in einen Trichter spucken muss. Wahrscheinlich schließt das Fenster schlecht. Das sind heilige Orte, an denen man glücklich einschläft, weil man schon längst nicht mehr auf Rettung hoffte.
Und dann gibt es die besternten Unterkünfte, die man als Dienstreisender kennenlernt. Diesmal habe ich als Alleinreisende gleich zwei Doppelbetten mit insgesamt acht Kopfkissen, und ich frage mich, ob ich mir nicht noch drei Leute für eine Kissenschlacht hätte mitbringen sollen.
Ein internationales, aber nirgends niedergeschriebenes Gesetz verlangt, dass Hotelzimmer keinesfalls hell sein dürfen. Haben sie zufällig große Fenster ohne Bäume davor, dann haben sie auch eine Gardine von der Qualität eines Bettlakens und einen absolut lichtdichten Vorhang, den man auch mit Gewalt nicht so weit zur Seite ziehen kann, dass tatsächlich Sonne ins Zimmer käme. Eine Deckenlampe wäre ein unverzeihlicher Frevel, den ein Geheimgericht der Hoteliers mit aller Brutalität und ohne Chance zur Verteidigung bestrafen würde. Statt dessen gibt es quer im Zimmer verteilt Steh- und Wandlampen mit kaum lichtdurchlässigen Schirmen, die, schaltet man sie tagsüber an, das Restlicht im Zimmer verschlingen wie schwarze Löcher. Der Spitzenreiter war ein amerikanisches Hotel, dessen Namen ich erfolgreich verdrängt habe. Da hatte man den Schreibtisch in einer lichtlosen Nische angeordnet, und alle Lampen des Zimmers befanden sich weit hinter einem, so dass man sich unvermeidlich selbst im Licht saß.
Als ich vorm Zubettgehen die Lampe an der Tür aus-, die Nachttischlampe aber einschalten wollte, sah ich mich einem halben Dutzend Schaltern gegenüber, die entweder nichts oder nicht das Erwartete bewirkten. Als ich es endlich geschafft hatte, wusste ich nicht mehr, was ich eigentlich getan hatte. Damit auch der nächste Tag spannend bleibt.
An den Wänden hängen zwei undefinierbar blumige Grafiken. Einmal habe ich bei einem flüchtigen Blick in ein gerade verlassenes Zimmer haargenau die gleichen Bilder an der Wand gesehen, die auch in meinem hingen. Die Vorstellung von hundert Zimmern mit zweihundert exakt gleichen Kunstdrucken hat etwas Alptraumhaftes. Jeder Stockfleck hat mehr Individualität.
Hotels sind wie Flughafenterminals eine Art Vorhölle, die uns für was auch immer läutern sollen. Vielleicht für die Erlösung in einer Absteige, deren einzige Sterne von einer dichten, nassen Wolkendecke verdeckt werden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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