Nachlese: Bürgermeister in Weinsoße

„Ha ich dir net sagt, dass Kerwe ist?“, kommtentierte Armin Rößler meinen Bericht von der Stadtrundfahrt in Rauenberg. Auf der dritten Runde war ich endgültig zwischen Weinständen steckengeblieben und musste die eingeborene Bevölkerung fragen, wie man am besten auf die andere Seite der Vergnügungsmeile kommt. Die Vorstellung, zur Kerwe könnte jemand mit dem Auto unterwegs sein, war ihnen sichtlich fremd.
Im Hotel erklärte man Karsten Kruschel und mir freilich, auf der Kerwe sei noch nichts los im Moment, denn alle seien bei der Rede des Bürgermeisters. Seltsam, dass man eine Politikerrede dem Jahrmarkt vorzieht, dachte ich.
Später lasen wir alle drei in Wiesloch bei EnBW in der Lagerhalle Science Fiction-Storys vor. Das Ambiente war schräg, und das Podest nicht weniger: Wir hockten auf einer anderthalb Meter hohen Kabeltrommel, Aufstieg über Stapel von Euro-Paletten. 80 Stühle hatte man davor aufgestellt. Sportlich, meinten wir.
Aber die Provinz überrascht einen immer wieder. Tatsächlich kamen 66 Leute zur Lesung – in einer 26000-Seelen-Stadt. Keine typischen SF-Leser, sondern typisches Kultur-Publikum. Erstaunlich viel ältere Damen. Sie waren äußerst diszipliniert – und schienen auch sehr interessiert. Bis auf die Temperatur (wenn das Gebläse lief, verstand man kein Wort) war die Veranstaltung perfekt. Man kaufte mir sogar fünf Bücher ab, und mehrere Leute fühlten sich bemüßigt, uns für den interessanten Abend zu danken. Geld und zwei (!) Flaschen Wein gab es obendrein.


Hinterher schleppte uns Armin noch auf die Kerwe, was zu später Nacht ein unglaubliches Gedränge mit erhöhtem Alkoholspiegel ist. Anscheinend hatten sich alle 8000 Einwohner der Kleinstadt im Zentrum zusammengefunden, um zu trinken. Man braucht, lernten wir, für die Kerwe unbedingt neuen Wein. Den hat man in spektakulär kurzen drei Tagen. Wenn man ihn schneller braucht, kann man Hefe zugeben. Außerdem gab es auch noch eine Erklärung zum Bürgermeister-Phänomen. Während dessen Rede gibt es Freiwein. In Thüringen existiert nicht einmal das Wort.
Der Rückweg zum Hotel gestaltete sich schwierig. Er war nicht nur stockdunkel, sondern auch von knutschenden Pärchen und betrunkenen Jugendlichen gesäumt, und außerdem war er falsch. Aber dafür hatten wir ein wunderbares fremdes Volk kennengelernt, dessen Sprache gewissen Ähnlichkeiten mit Deutsch hat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Nachlese: Bürgermeister in Weinsoße

  1. Armin schreibt:

    Das erste Wort muss natürlich „Hab“, net „Ha“.lauten. Sonst will ich nichts gesagt haben.

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