Wie ich ein Highlander wurde

Nachdem mir schon zwei Leute gesagt haben, für jemanden, der kaum was trinkt, würde ich verdammt viel über Whisky schreiben, kommt hier noch etwas Literarisches. Bücher lese ich jede Menge.
Vor ungefähr 30 Jahren diskutierten wir sehr hypothetisch darüber, wohin wir fahren würden, wenn wir denn könnten, denn die Welt endete kurz hinter Eisenach. Die meisten wollten in „den Westen“, eine nach Finnland. Ich verblüffte meine Mitschüler mit einem entschiedenen: „Nach Schottland!“
Schuld war ein fast 90 Jahre toter Schotte namens Robert Louis Stevenson, der verständlicherweise lieber Bücher schreiben wollte als Rechtsanwalt werden. Seit ich irgendwann mit 11 oder 12 über „Entführt“ gestolpert war, war ich ein so überzeugter Highlander, wie man nur sein kann, wenn man im Erzgebirgsvorland geboren ist. Das Buch erzählt die Geschichte des Lowlanders David Balfour, den sein missgünstiger und geiziger Onkel entführen lässt, um ihn loszuwerden. Eigentlich soll er in Amerika als Sklave verkauft werden, aber so weit kommt es nicht. Statt dessen sinkt das Schiff vor der schottischen Küste, und David muss sich quer durch die Highlands & Islands nach Hause durchschlagen. Stevenson gelingt es, die halbe neuere Historie in seinem Roman unterzubringen und trotzdem eine spannende Geschichte zu erzählen.
Mein Held allerdings war nicht David, sondern sein Begleiter Alan Breck Stuart: lebenslustig, tollkühn, stolz bis zur Blödheit, leicht zu beleidigen, aber andererseits ein Kerl, der sich für seine Freunde in Stücke hauen lassen würde. Oder, wenn es sich einrichten lässt, doch lieber seine Feinde in Stücke hacken würde. Anstrengend in guten Tagen, aber genau der Mann, den man an seiner Seite haben möchte, wenn es eng wird. Und clever, verdammt clever. So wäre ich auch gern gewesen, und dabei war ich ein pubertierendes Mädchen, dessen wildeste Abenteuer Klassenarbeiten waren.
Als ich zehn Jahre nach der Reisedebatte wahr und wahrhaftig schottischen Boden betrat, war es etwa so, als fände man sich plötzlich in Mittelerde wieder. Natürlich gab es Autos da und Fernsehen und all den modernen Kram, aber sobald ich mich mit dem Rücken dazu aufstellte, war es genau das Land, das ich in meinem Kopf mit mir herumgetragen hatte – die endlose Weite, die wilde Landschaft, die tief hängenden Wolken, der stürmische Wind über dem Meer und Herrenhäuser, in denen man sich boshafte Onkel durchaus vorstellen konnte.
(Bild anklicken, um Galerie zu öffnen …)

Nach mehr als 30 Jahren habe ich das Buch wieder herausgekramt und gelesen, und voller Rührung festgestellt, dass ich zufällig genau durch die Handlung gelaufen war, nur mehr oder weniger andersherum: durch erbarmungswürdiges Sauwetter auf der Isle of Mull, mit der Fähre von Lochaline übergesetzt, quer durch das unendlich einsame Movern (wo mitten im Nichts ein winziges Dorf liegt, nach dem das Strontium benannt wurde: Strontian) und über das Loch Linnhe bei Corran Ferry. Irgendwann landeten wir auf der Rückfahrt auch in den Lowlands, die bis heute königstreu britisch sind, während die Highlander die Schlacht von 1745 noch immer nicht abgeschlossen haben.
Auf die Frage, warum er immer wieder nach Schottland zurückkehre, wo man ihn aufhängen würde, wenn man ihn nur zu greifen bekäme, antwortet Alan Breck Stuart: „Frankreich hat besseres Wetter, aber es ist einfach nicht das Gleiche.“
Wenn ich in gleißender Sonne über Felsen am Meer klettere oder mitten in einer Wolke über menschenleere, nur von Ziegen und Kühen bevölkerte Wiesen stapfe, weiß ich: Ich
müsste mich nur umdrehen, und er würde mich angrinsen. Hab ich es dir nicht gesagt? Dieses Schottland ist einfach großartig, selbst wenn bei jedem Schritt das Wasser in den Socken schmatzt.
Ach ja.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Wie ich ein Highlander wurde

  1. April schreibt:

    Hallo!
    Das kann ich sehr gut nachvollziehen…. Als ich Teenager war, war ich auch ein wenig verliebt in Alan Breck Stuart. Bei meiner ersten Reise nach Schottland habe ich dann überall die Atmosphäre aus den Büchern gefühlt. Es geht mir überhaupt oft so, dass sich mir Orte mit Literatur verknüpfen, in Südtirol sehe ich überall die Margarete Maultasch und in Kroatien war mir die rote Zora auf Schritt und Tritt präsent. Ich mag das. Am schönsten war eine Reise durch Schweden, auf der wir eher zufällig beinahe der Gänseflugroute des Nils Holgerson gefolgt sind.

    Auf Ihrem/ deinem Blog schaue ich seit kurzem ab + zu herein, er gefällt mir sehr gut. Kurzweilig, vielseitig und intelligent, dabei gut geschrieben – das ist ja nicht gerade selbstverständlich. Ich komme jetzt öfter.
    Nun gehe ich aber erst mal rüber nach Kalderstein, Science Fiction und Fantasy mag ich nämlich auch.
    Viele Grüße !

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Na dann – herzlich willkommen! Ich mag Leute, die Probleme damit haben, Literatur und Realität säuberlich zu trennen. Diesen Schaden habe ich grundsätzlich auch, aber er war nirgends so nachhaltig wie bei Schottland. Vielleicht liegt das daran, dass es so um die 12 Jahre gedauert hat, bis ich es in der Realität ansehen durfte. Vielleicht auch nicht – es ist einfach schön.

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