Sternchensuppe

Phallussymbol

Da es mir gerade an Sternchen mangelt, illustrieren wir das mit einem Phallussymbol. Diese Natur mal wieder!

Vor zwei Jahren beschäftigte sich das Studium generale der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit Frauen in der Wissenschaft. Ich hörte mir einen Vortrag über die ersten Frauen an deutschen Universitäten an. Sie waren – das verblüffte mich einen Moment lang – nicht etwa Geisteswissenschaftlerinnen, sondern Mathematikerinnen. Die ersten promovierenden Frauen promovierten in Mathematik. Dann sagte ich mir, dass Frauen, die sich durch derartige Dinge beißen, offenbar auch sonst hart im Nehmen sind und Vorurteilen trotzen. In aller Regel hatten sie Väter, die sie förderten, und aufgeschlossene männliche Professoren.
Aus der gleichen Zeit (Anfang des letzten Jahrhunderts) sind aber auch Äußerungen überliefert, dass es völlig absurd sei, dass Frauen Medizin studieren und Ärzte werden könnten. Diese Meinung hielt sich eine ganze Zeit. Heute sagt die Statistik, dass mehr junge Frauen als Männer Medizin studieren. Wenn vom „Kollegium der Uni-Klinik“ die Rede ist, dann haben wir ganz selbstverständlich eine bunte Mischung aus Frauen und Männern vor Augen – weil sie unserer Erfahrung entspricht. Die Zahl der Ärztinnen hat sich nicht deshalb von Null auf über 50 % dramatisch erhöht, weil irgendwer die gendergerechte Bezeichnung „Ärzt*innen“ (oder irgendeine andere) eingeführt hat, sondern weil es Frauen gab, die gegen alle Vorurteile einfach Medizin studiert haben – und Männer, die das zugelassen und befördert haben.
Wenn andererseits jemand „Konstrukteur*innen“ schreibt, dann habe ich ein Büro mit einem Dutzend Konstrukteuren und einer Konstrukteurin vor Augen, derentwegen man sich eine geschlechtergerechte Anrede abringt. Weil es der Erfahrung entspricht. Und vielleicht gibt es nicht einmal diese einzige Frau in der Gruppe, sondern nur die Rücksicht auf die abstrakte Möglichkeit einer solchen.
Die Vorstellung, ein Sternchen in einem Wort könnte reale Verhältnisse ändern, insbesondere finanzielle Verhältnisse, ist absurd. Es sind die Verhältnisse, die die Bedeutung unserer Worte verändern.
Wenn man „Ärzt*innen“ statt „Ärzte“ schreibt, dann ersetzt man ein generisches Maskulinum durch ein generisches Femininum mit einem Schnörkel. Das Sternchen macht aus dem Wort kein neues Wort, sondern ein weibliches Wort mit einem Sternchen, bei dem man instinktiv nach einer Fußnote sucht, wo alle zwei Dutzend gefühlten Geschlechter aufgelistet werden, bis hin zur Frau, die sich als Mann fühlt, als solcher aber schwul ist und deshalb auf Männer steht. Kurz und gut, alle Spielarten menschlicher Sexualität, die man dann ganz gut als „Mensch“ zusammenfassen könnte. Und was hat das alles damit zu tun, dass mensch ein gebrochenes Bein oder eine Lungenentzündung behandeln kann? Nichts, oder? Man weist mit Nachdruck darauf hin, dass es verschiedene Geschlechter gibt – um dann noch nachdrücklicher festzustellen, dass sie alle gleich sind, jedenfalls in Sachen Medizin.
Im Übrigen ist man im angelsächsischen Sprachraum dabei, alle spezifisch weiblichen Berufsbezeichnungen aus dem Sprachgebrauch zu tilgen – im Namen der Gendergerechtigkeit. Aus der „waitress“ wird „waiter“ und aus der „actress“ – aus der ganz entschieden – „female actor“ (in diesem Fall ist das Geschlecht wichtig. Shakespeares Julia kann man nicht mit einem behinderten Mann von 70 Jahren besetzen …). Im Englischen ist das generische Maskulinum ein Akt der Gendergerechtigkeit, im Deutschen ärgste Diskriminierung. Spätestens das zeigt, dass es sich um eine gefühlte Ungerechtigkeit handelt, um einen verbalen Phantomschmerz. Dass Frauen beim generischen Maskulinum nicht mitgemeint sein könnten, wissen sie nur, weil man es ihnen immer wieder erzählt.
Kommen wir mal wieder auf harte Fakten und Mathematik. Typische Frauenberufe werden schlechter bezahlt als typische Männerberufe, Altenpflegerinnen etwa schlechter als Installateure. Wie zum Teufel soll man das gendergerecht ausdrücken? Typische Mensch*innenberufe werden schlechter bezahlt als typische Mensch*innenberufe. Alles klar?! Hört auf, verbale Nebelbomben zu werfen und kümmert euch um die Realität!

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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15 Antworten zu Sternchensuppe

  1. Carmen schreibt:

    Als vor über 30 Jahren Die Töchter Egalias von Gert Brandenburg erschien und erstmals über das generische Maskulinum diskutiert wurde, war die Situation der Frauen eine andere. Wir waren bei der männlichen Bezeichnung definitiv nicht gemeint, wir zählten nicht. Deine Argumentation zeigt ein gewachsenes weibliches Selbstbewusstsein – mir gefällt das.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem Land aufgewachsen bin, in dem die Gleichberechtigung „unserer Frauen und Mädchen“ Staatsdoktrin war. Bei allen Unzulänglichkeiten, denn natürlich hatten wir die gleichen Traditionen geerbt. Meine Lehrer sind aus den Latschen gekippt, als ich Physik studieren wollte, aber in der Technologie lag der Frauenanteil bei etwa einem Drittel, in der Mathematik bei 50 % … Die teuer ausgebildeten Spezialisten sollten auch arbeiten, weswegen bis heute die Kita-Versorgung im Osten erheblich besser ist als im Westen.
      Was wir nie hatten, war eine Genderdiskussion – weswegen ich vermute, dass die für Gleichberechtigung eher nebensächlich ist. Ich bin sehr dafür, dass man Rollenbilder in Frage stellt und Frauen als Ingenieure auch in die Öffentlichkeit bringt, aber das ist viel komplexer als ein Sternchen in Worten. Geschlechtergerechte Ausschreibungen von Stellen führt nach meiner Erfahrung als Betriebsrat auch nicht unbedingt dazu, dass man mit Freuden junge Frauen einstellt. Und das ist schon wieder ein ganz konkretes Problem …

  2. Inge schreibt:

    Das Problem löst man tatsächlich nicht durch Sprachvergewaltigungen. Das Problem ist aber auch nicht durch Gleichmacherei zu lösen. Die einzige Lösung ist, dass allgemein akzeptiert und anerkannt wird, dass Frauen nun mal Kinder kriegen, sich (zumindest in den ersten Jahren) vorrangig un diese kümmern und dafür nicht wenig Zeit; Kraft und und Nerven brauchen. Wenn derzeit über Frauenquoten in Führungspositionen gesprochen wird, setzt das stillschweigend voraus, dass die Quotenfrauen entweder auf Kinder verzichten, deren Erziehung komplett an Angestellte delegieren oder die Doppelbelastung freudig auf sich nehmen – das kann’s einfach nicht sein. Wir müssen endlich mal davon wegkommen, dass bezahlte (Vollzeit-)Erwerbsarbeit das einzige ist, was uns gleiche Rechte und Anerkennung verschafft…

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das ist mir nicht radikal genug. Warum akzeptieren wir, dass eine „Karriere“, die schon irgendwo bei einem lächerlichen Gruppenleiterposten losgeht, mit einer Familie unvereinbar ist? Und wollen Männer wirklich nur arbeiten bis zum Umfallen? Ich kenne inzwischen etliche, die sich für Vätermonate entscheiden. Viele Männer hätten gern mehr Zeit für ihre Familie. Aber von Männern wird erwartet, dass sie ihre Verantwortung für die Familie ausleben, indem sie Überstunden schrubben und Geld ranschaffen. Das ist am Ende genau so ungerecht, wie von Frauen das ausschließliche Kümmern um die Kinder zu verlangen.
      Das Grundübel ist die Überzeugung, dass nur Erwerbsarbeit wirklich wertvoll ist und sich der Wert eines Menschen nach seinem Verdienst bemisst. Wir nehmen hin, dass die Arbeit der Dreh- und Angelpunkt des Lebens zu sein hat. Nicht das Wäschewaschen und Staubsaugen, sondern ausschließlich die Arbeit, für die man ein paar Kröten bekommt. Brüche in der Karriere? Geht gar nicht! Auszeiten? Danach kann man sich ganz unten wieder anstellen. In diesem Zusammenhang finde ich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens durchaus diskutabel. Ich kenne zwar noch kein funktionierendes Modell, aber als Utopie taugt es allemal.

      • Inge schreibt:

        Da ist aber noch allerhand Umdenken sowohl bei den Vätern selbst als auch bei ihren Chefs nötig. Zwar wird es mittlerweile akzeptiert, dass Väter ein paar Monate mit ihren Babies zu Hause bleiben, aber kaum ein Chef wird Verständnis dafür haben, wenn ein Mann zweimal wöchentlich 15:00 nach Hause geht, um mit seinem 12jährigen Sohn zum Zahnarzt zu gehen oder für die nächste Klassenarbeit zu pauken. Bedingungslose Grundsicherung ist gut; besser wären zusätzlich eine bedingungslose (zwangsweise) Reduzierung der Arbeitszeit für alle Menschen mit Kind(ern) und ein funktionierendes Schulsystem, das nachmittägliches Pauken überflüssig macht. Ganz nebenbei: was das für Arbeitsplätze schaffen würde…

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Ich bin unbedingt für ein funktionierendes Schulsystem! Und für das Recht, 15:00 nach Hause zu gehen, wenn es nötig ist. Was soll ich sagen – unsere Firma verlangt, dass man sich zerfetzt, aber solche Sachen gehen in 19 von 20 Fällen. Die Leute sind zufriedener, wenn sie diese Flexibilität haben, und zufriedene Mitarbeiter arbeiten besser. Eigentlich logisch, aber für manche verdammt schwer zu verstehen.
        Umdenken ist ein guter Ansatz, und zwar möglichst Männer und Frauen zusammen.

      • m schreibt:

        Wertschöpfung, hier schon wieder. Das tut mir leid. 🙂

        Ich komme aus der ehemaligen DDR, da hat man diese Verbindungen komplett ignoriert um eine so gerechte Welt zu schaffen. Wie das ausgegangen ist – das wissen wir ja alle.

    • gmr schreibt:

      @ Inge
      Nicht nur Chefs müssen sich daran gewöhnen, sondern auch Chefinnen. Ich erinnere mich an Frau Angelika N., Geschäftsführerin, die mir 1995 erklärte, als ich meiner Tochter wegen etwas später zur Arbeit kam, dass meine Frau mit den Rücken freihalten solle. Ich wäre dazu da, Geld zu verdienen.
      Als ich in dem Betrieb aufhörte (Erziehungsjahr), sagte nachdenklich ein Kollege: „Also ich könnte das nicht, so zu Hause zu sitzen…“

  3. Tobias Schäfer schreibt:

    Das mit dem Schulsystem ist ein echtes Problem – was ich in diesem Zusammenhang vor allem in den zeitlichen Marken und ihrem Zusammenspiel mit einer (Vollzeit-)arbeit sehen möchte. Wenn ich die Kinder um 15h abholen muss, ist natürlich ein Arbeitsbeginn um 6:30h nötig. In meinem Fall müsste die Schule also mindestens ab 6:00h eine Frühbetreuung garantieren, was sie nicht tut. Davon abgesehen möchte ich meinem Erstklässler auf gar keinen Fall eine derartige Anstrengung aufbürden. So gesehen sind Vollzeitarbeit und kindgerechtes Schulsystem unvereinbar.
    Zum Thema Sternchensuppe: Was macht man aus dem Arzt? Arzt*in oder Ärzt*in? Oder aus dem Busfahrer? Mit-dem-Bus-Fahrend*e? Busfahrer*in?

  4. Tobias Schäfer schreibt:

    Oh, tschuldigung, du bist auf den Ärzt ja schon eingegangen. Ich las den Text vor einigen Tagen, kam aber erst jetzt zum Kommentar und hab dabei diese Sachlage übersehen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Tobias, du hast völlig recht. Ich hatte Ärzte im Plural – da gibt es die Umlautung nicht. Bei Ärzt*in wird es gleich noch unsinniger, denn da müsste ich mindestens Ä*rzt*in draus machen. Wenn mir einer der Sternchenverfechter zeigt, wie man das ausspricht, will ich Buße tun und bereuen.

  5. m schreibt:

    Typische Männerberufe werden in der Regel besser bezahlt als typische Frauenberufe, weil dort die Wertschöpfung höher ist. Das mag dir oder mir nicht gefallen aber das spielt auch keine Rolle.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wertschöpfung? Was ist denn der Wert eines Kindes, das die binomischen Formeln beherrscht? Der Wert eines Menschen, der nicht an Krankenhauskeimen krepiert? Der Wert eines alten Menschen, der trotz Demenz zu Hause leben kann? Das sind alles Werte, die nicht am Markt, sondern mehr oder weniger politisch festgelegt werden. Und da Frauen traditionell schlecht bezahlt werden, scheint es ganz natürlich. Es gibt Dinge, die man nicht am Weltmarkt handeln kann, und die trotzdem lebensnotwendig sind. Aber wir haben uns angewöhbt, sie gering zu schätzen.

  6. m schreibt:

    „Die Leute sind zufriedener, wenn sie diese Flexibilität haben, und zufriedene Mitarbeiter arbeiten besser. “

    Diese Mitarbeiter sind dann aber auch deutlich weniger verfügbar und für den Arbeitgeber deutlich schlechter zu planen. Auch hier: das mag uns nicht gefallen aber wir leben nicht in einem Vakuum sondern konkurrieren mit der ganzen Welt. Und dort macht man sich darüber (noch) keine Gedanken sondern schafft.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Der baden-württembergische Sensor-Hersteller Sick hat eine Rund-um-die-Uhr-Gleitzeit. Im Winter über Mittag eine Stunde Skifahren und danach zurück an die Arbeit? Kein Problem, und zwar auch in der Fertigung. Man nimmt natürlich Rücksicht auf die Kollegen und auf dringende Termine. Das Unternehmen ist rundum konkurrenzfähig und ein Vorzeigeprojekt. Als ich da war, betreute man während der Herbstferien gerade die Mitarbeiterkinder. Erfolg: Die Leute identifizieren sich mit dem Unternehmen und denken nicht im Traum daran, es zu verlassen.
      Ich war auch schon in China. Wenn da jemand zehn Cent mehr bietet, dann ist das mühsam geschaffene Knowhow bei der Konkurrenz, und das Schicksal des Unternehmens ist den Arbeitern so was von egal (und umgekehrt). Weswegen Deutschland immer noch die Nummer 2 ist im Welthandel, trotz seiner komischen sozialen Ideen und obwohl es so viel kleiner ist als China.

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