Mogelpackung: Mit Felix Woitkowski geht’s zuende

Felix kenne ich von der Story-Olympiade, zwar nicht persönlich, aber per Mail. Er ist ein Mensch, der Projekte machen muss, zwanghaft anscheinend. Als er öffentlich dazu aufrief, letzte Kapitel eines Romanes für eine Anthologie zu schreiben, muss das Ergebnis deprimierend gewesen sein. Irgendwann bekam ich eine direkte Anfrage: Würdest du ein Schlusskapitel für einen SF-Roman schreiben? Nur ein Ende, nichts sonst. Ich kann allem widerstehen, nur keiner Herausforderung. Also sagte ich ja. Ich hatte ohnehin seit etwa 20 Jahren einen Anfang herumliegen, aus dem einfach kein Roman werden will. Jetzt hat er immerhin ein Ende bekommen.
Die Sache ist vertrackt, denn als Autor neigt man dazu, vollständige Dinge zu schreiben. In einem Schlusskapitel räumt man ja eigentlich nur die Scherben auf. Der Leser weiß, welche. Geht nicht, wenn der ganze Roman davor fehlt. Also beginnt man zu mogeln und baut Rückblenden ein, in denen das jeweilige Geschirr zerschlagen wird. Um wenigstens ein bisschen Roman unterzubringen. Ja, ich gestehe: ich auch. Die moralischen Dilemmata, die eigentlich in den Kapiteln 4 bis 6 abgehandelt werden sollten, finden sich in zwei Gleichnissen im letzten wieder.
Die anderen tun es auch. Und so lesen sich die Schlusskapitel durchaus wie Kurzgeschichten. Jeder mogelt auf seine Art. Timo Bader und Bettina Ferbus etwa liefern mehr als ein Kapitel, um ihre Story zu erzählen.
Es handelt sich samt und sonders um sogenannte Genreromane. Allerdings mogeln auch da einige. Bettina Unghulescu verkauft ihren Horror- als Heimatroman, und Arthur Gordon Wolfs Horrorroman ist eigentlich ein Krimi. Was fehlt, ist eine klassische Liebesgeschichte à la Arztroman oder Herzschmerz. Ansonsten ist alles dabei, was es an Abenteuer, Phantastik und Spannung gibt. Und weil die Autoren mogeln, sind ganz ordentliche Kurzgeschichten dabei heraus gekommen, die erstaunlich vollständig sind, obwohl sie offensichtlich nur einen Teil erzählen. Die meisten normalen Storys erzählen für mein Gefühl sowieso viel zu viel, was der Leser mit ein bisschen Intelligenz auch selbst herausfinden könnte.
Was sonst noch zu sagen wäre: Vorn ist der Klappentext, hinten der Titel, auf der ersten Seite – Nummer 190 – steht das Nachwort, und von da an werden die Seitenzahlen kleiner. Ein verrücktes Buch. Leider heißt es „The End“ und nicht „Ende“.
Ich darf derweil überlegen, ob ich irgendwann die Kapitel 3 bis 11 schreibe von dem Roman, der „Der schwarzweiße Bote Gottes“ heißt.
Felix Woitkowski (Hrsg.), „The End“, p.machinery 2013

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Mogelpackung: Mit Felix Woitkowski geht’s zuende

  1. Max Headroom schreibt:

    Als ich las, was es mit den Roman-Ende-Geschichten auf sich hat, zweifelte ich erstmal am Leseerlebnis. Nachdem ich es gelesen hatte, blieb nur die Kritik an allen guten Büchern übrig:
    Zu kurz!
    Wobei sicherlich jeder Leser seine eigene Qual der Wahl hat, welche Story er denn nun besser oder gar schlechter findet als eine andere. Insgesamt: Gute Mischung.

  2. April schreibt:

    Schon bestellt! Das wird ein unterhaltsames Weihnachtsgeschenk für mich selbst und vielleicht für noch wen.
    So ungewöhnliche Schreibeideen mag ich sehr, das einzige vergleichbare Buch, das mir dazu einfällt ist „Das absolute Vakuum“ von S. Lem. Darin schreibt er Rezensionen über niemals geschriebene Bücher, geniale Idee. Insbesondere bewußt verwirrend, da er auch noch unterschiedliche Verfasser „vortäuscht“ um damit diverse Stile verwenden zu können. Sehr hübsch zu lesen. Kennst du es ?

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